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Zum Export nur bedingt geeignet

Bessere Berufsbildung soll die Jugendarbeitslosigkeit in Europa bekämpfen. Schon wird die duale Ausbildung aus Deutschland als Vorbild gefeiert – doch lässt sie sich einfach exportieren?

16.03.2014 - von Matthias Anbuhl

Es war ein hoher Anspruch, den Annette Schavan erhob: „Wir geben den Startschuss für eine europäische Ausbildungsallianz. Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass so viele junge Menschen in Europa arbeitslos sind. Es gibt deshalb großes Interesse an unserem erfolgreichen System der dualen Ausbildung“, erklärte die damalige Bundesbildungsministerin im Rahmen eines „Europäischen Bildungsgipfels“ im Dezember 2012 in Berlin. Mit Griechenland, Portugal, Spanien, Italien, Lettland und der Slowakei unterschrieben gleich sechs Staaten das „Berliner Memorandum“, in dem sie vereinbarten, durch eine betriebsnahe Ausbildung einen Beitrag für eine geringere Jugendarbeitslosigkeit zu leisten.
Als „Exportschlager“ bewerben deutsche Botschaften mittlerweile das duale System im Ausland. Fakt ist: Das duale System der Berufsausbildung hat sich auch nach Auffassung des DGB bewährt. Es sichert eine enge Verknüpfung zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt und bietet den Jugendlichen eine breit angelegte hochwertige berufliche Qualifikation. Die Übernahme dualer Elemente kann für andere Staaten eine sinnvolle Alternative sein. Deshalb engagiert sich der DGB in diversen Arbeitsgruppen zur internationalen Berufsbildungskooperation.
Der DGB warnt aber vor zu hohen Erwartungen bei der Übertragung dualer Elemente in andere Ausbildungssysteme. Der Erfolg des dualen Systems ist mit besonderen Voraussetzungen verknüpft. Das duale System ist kein rein staatliches Bildungssystem, sondern lebt vom Engagement der Gewerkschaften und der Arbeitgeber. Durch die Ausbildung im Betrieb werden die Jugendlichen zu Insidern in den Unternehmen. Die Perspektive der Arbeitgeber ist einfach: Sie sichern durch die Ausbildung den künftigen Fachkräftenachwuchs – und zahlen deshalb auch eine Vergütung an die Auszubildenden.

Für die Gewerkschaften sind die Jugendlichen akzeptierter Teil der Belegschaften. Betriebs- und Personalräte sowie Jugend- und Auszubildendenvertretungen streiten für die Rechte der Auszubildenden. In den Tarifverhandlungen setzen sich die Gewerkschaften ebenfalls für die Azubis ein. Nicht zuletzt zum Beispiel im Rahmen der „Operation Übernahme“, als die IG Metall für sichere Perspektiven der Jugendlichen nach dem Ende der Ausbildung kämpfte.
Auch an der Steuerung des Berufsbildungssystems sind Gewerkschaften, Arbeitgeber und der Staat – trotz aller Konflikte – gemeinsam beteiligt. Sie entwickeln die Ausbildungsberufe mit ihren Expertinnen und Experten aus der Praxis. Dies sichert eine hohe Akzeptanz der Ausbildungsberufe in der Arbeitswelt.
Eine Übernahme einzelner Elemente der dualen Berufsausbildung wird nur gelingen, wenn Gewerkschaften und Arbeitgeber die berufliche Bildung als ein strategisches Handlungsfeld für sich begreifen und wenn sie zu einer gemeinsamen Steuerung dieses Systems bereit sind. Insbesondere in den Krisenländern im Süden Europas ist dies kaum der Fall. Zu groß sind die Spannung zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und Regierungen wegen des Spardiktats der Troika.
Schon ein kurzer Blick in die anderen Staaten Europas zeigt, dass es um den vermeintlichen Export des dualen Systems schlecht steht. „Die duale Ausbildung gut zu finden, ist einfach. Sie einzuführen, aber schwierig“, schrieb folgerichtig die Tageszeitung „Die Welt“.

Beispiel Griechenland

Den griechischen Ministerien bereitet es große Schwierigkeiten, mit den Sozialpartnern auf Augenhöhe zu kooperieren. Berufsbildung war in Griechenland bisher immer Sache des Staates. Der aktuelle Gesetzentwurf zur Reform der Berufsbildung sieht vor, dass junge Menschen drei Jahre eine schulische Ausbildung durchlaufen und anschließend – freiwillig – ein Jahr Praktikum im Betrieb machen sollen. Die Inhalte der Ausbildung sind Teil des Gesetzentwurfs und somit vom Ministerium festgelegt. Die Folge: Der aktuelle Gesetzentwurf erschwert alle Bemühungen, Elemente einer dualen Ausbildung in Griechenland einzuführen.

Beispiel Portugal

Zwar hat sich in diesem Sommer eine deutsch-portugiesische Arbeitsgruppe gegründet. Doch gleich in der ersten Sitzung verdeutlichten die Arbeitgeber: Sie werden kein Geld in eine duale Ausbildung investieren, da sie nach ihrer Auffassung genug Steuern zahlten und nicht auch noch in Ausbildungsvergütungen investieren wollten.

Beispiel Spanien

Zurzeit bremst das spanische Ministerium den Prozess aus. Insbesondere die Kontaktaufnahme mit Regionalregierungen, Betrieben und Sozialpartnern durch das Bundesinstitut für Berufsbildung wir kritisch gesehen, wichtige Treffen wurden von spanischer Seite abgesagt.

Auch die Zusammenarbeit mit Italien, Lettland oder der Slowakei steckt noch in den Kinderschuhen. Kurzum: Außer Absichtserklärungen und gut gemeinten Projekten ist bisher nicht viel herausgekommen. Vollmundige Ankündigungen über den Exportschlager duale Berufsausbildung werden den Herausforderung und der Wirklichkeit in den Ländern nicht gerecht.
Darüber hinaus wird die Rolle Deutschlands zwiespältig wahrgenommen; dies zeigen auch Gespräche mit anderen europäischen Gewerkschaften. Deutschland repräsentiert ein starkes und weltweit anerkanntes Berufsbildungssystem, gleichzeitig gibt es auch Abwehrhaltungen gegen die Einflussnahme Deutschlands auf die Bildungssysteme der Mitgliedsstaaten.
Wichtig wäre die Klarstellung, dass es nicht um einen schlichten Export der dualen Berufsausbildung geht. Das duale System ist kein Instrument, um die Jugendarbeitslosigkeit in Europa kurzfristig zu bekämpfen. Der Aufbau dualer Strukturen in der beruflichen Bildung ist ein mittel- bis langfristiges Projekt. Auch ist es nicht sinnvoll, das duale System eins zu eins in andere Länder zu übertragen. Notwendig ist eine Verständigung über Mindeststandards für eine moderne Berufsausbildung. Dese müssen die Ausbildungsdauer, ein Ausbildungsvertrag, ein nationales Regelwerk sowie die gemeinsame Steuerung durch Regierung und Sozialpartner umfassen.
Zudem darf nicht vergessen werden, dass es auch auf dem deutschen Ausbildungsmarkt erhebliche Probleme gibt. Fast 270.000 Jugendliche befinden sich in Warteschleifen ohne Aussicht auf eine abgeschlossene Ausbildung. Mehr als 1,4 Millionen junge Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren haben keinen Berufsabschluss. Sie werden kaum in der Lage sein, später ihren eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren. Junge Menschen mit höchstens einem Hauptschulabschluss schaffen immer seltener den direkten Sprung von der Schule in die Ausbildung. Derweil sinkt die Ausbildungsbereitschaft der deutschen Betriebe auf ein Rekordtief. Die Ausbildungsbetriebsquote liegt jetzt bei nur noch 21,7 Prozent.
Bei allen Reformbemühungen kommt hinzu, dass auch die beste Jugendgarantie erst nachhaltige Perspektiven für junge Menschen schaffen kann, wenn es ausreichend Arbeitsplätze gibt. Das Spardiktat der Europäischen Union wirkt in den Krisenstaaten wie ein Brandbeschleuniger. Arbeitslosenzahlen und Haushaltsdefizite wachsen weiter. Auch die Regierungen in den Krisenländern haben Fehler gemacht. Doch die strikte Austeritätspolitik und die damit verbundenen Lohnsenkungen und Massenentlassungen – von der deutschen Regierung federführend durchgesetzt – haben die Krise drastisch verschärft.
Europas Jugend braucht Ausbildung und Arbeit. Kurzfristig müssen wir ihr helfen, Beschäftigung zu finden – über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Lohnkostenzuschüsse für junge Beschäftigte oder Hilfen bei Kreditklemmen gerade für kleine Unternehmen. Mittelfristig brauchen Krisenstaaten statt radikaler Kürzungen ein Zukunfts- und Investitionsprogramm in Bildung, Infrastruktur und Wirtschaft. Der Marshall-Plan des DGB bietet konkrete Vorschläge – 30 Milliarden Euro für Bildung und Ausbildung inklusive.
Die Europäische Kommission verspricht eine Jugendgarantie. Junge Menschen brauchen Angebote, die sie zu einem qualifizierten Berufsabschluss oder einer Arbeit führen. Sechs Milliarden Euro – verteilt auf zwei Jahre – stehen bereit. Das sind für jeden arbeitslosen Jugendlichen nicht einmal zehn Euro pro Woche. Die Jugendgarantie braucht mehr Geld. Niemand soll behaupten, dafür seien keine Mittel da. Binnen kürzester Frist standen dreistellige Milliardensummen für die Rettung der Banken bereit. Wenn jetzt beim Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit gespart wird, ist das ein fatales Signal. Die Jugend ist systemrelevant!

Der Autor:

Matthias Anbuhl,

  • Leiter der Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB-Bundesvorstand
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