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Rezension „Kopftuch“ von Patricia Mennen, Stuttgart 2009

Das Buch, u. a. erschienen im Klett-Verlag, soll besonders für Fremdsprachenlerner/innen zwischen 11 und 17 Jahren geeignet sein.

Erzählt wird die Geschichte der 15jährigen türkischen Migrantin Sibel, die unter den kulturellen Zwängen ihrer muslimischen Familie leidet. Um ein freies, selbstbestimmtes Leben führen zu können flieht sie schließlich mit Hilfe ihrer „deutschen“ Umgebung und beginnt ein neues Leben in einer unbekannten Stadt, fern ihrer Familie und Freunde.

Probleme, die aus unterschiedlichen Lebensmustern entstehen, müssen in der Schule behandelt werden, um Schüler/innen bei ihrer Identitätssuche zu unterstützen.

16.05.2012 - von Rita Schulte

Diese Hilfe leistet die vorliegende Lektüre nicht. Die vielfältigen Stereotypen und Klischees, die die Handlung prägen, stehen einer sinnvollen Verwendung für den interkulturellen Unterricht entgegen. Sibel bewegt sich in zwei Kulturen, von denen die eine positiv, die andere negativ konnotiert wird. Während die türkisch-muslimische Gruppe, vertreten durch die Familie und den Hodscha, autoritär, traditionell und einfachen Gemüts dargestellt wird, erscheint die entgegengesetzte Gruppe, bestehend aus Freundin Lola und Freund Mathias, dem Lehrer und dem Jugendnotdienst, im Licht eines aufgeklärten, demokratischen Denkens. Diese Konstruktion von kulturellen Gegensätzen, die im Laufe des Buches nie infrage gestellt wird, offenbart einen statischen Kulturbegriff, der Kultur als eine homogene Einheit versteht. Erst die Abgrenzung zur anderen kulturellen Gruppierung konstituiert das Selbstbild. Die Handlung suggeriert, dass Sibels Identitätsfindung nur durch die Annahme der Kultur der Mehrheitsgesellschaft gelingen kann. Bezeichnend ist, dass dieser Übergang ausschließlich anhand der Veränderungen von Sibels Äußerlichkeit dargestellt wird. Mantel und Kopftuch gelten als Symbol der Unterdrückung, in ihnen wirkt sie schüchtern und unattraktiv. Die moderne Kleidung, die sie in der Schule trägt, lässt sie hingegen attraktiv erscheinen Das Kopftuch wird implizit zum politischen Symbol erklärt. Eine innere Auseinandersetzung über Vorstellungen von Identität und Zugehörigkeitsge-fühlen findet nicht statt.
Verschiedene Klischees bezüglich traditionell islamischen Verhaltens werden in die Geschichte integriert. Die Stiefmutter verbietet aufgrund ihres strengen islamischen Glaubens Sibel alles, „was Spaß macht“, und organisiert die Zwangsheirat von Sibel mit dem Bruder der Stiefmutter. Die beiden Brüder wachen über die Ehre Sibels, indem sie unter anderem Mathias verprügeln. Obwohl die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird und theoretisch sich für Übungen zum Perspektivwechsel anbietet, ist nicht zu übersehen, dass die Handlungsmotivationen der „muslimischen“ Gruppe nicht thematisiert werden. Es sind aus-schließlich Sibel, Mathias und Lola, die ihre Sicht auf die Dinge darstellen. Diese Perspektivwahl bestätigt die Stereotypen als zutreffend. Problematisch ist dieser Aspekt vor allem, da er an gängigen Stereotypen innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses anknüpft, die Muslime aufgrund ihrer kulturellen „Andersartigkeit“ als nicht integrierbar darstellen. Damit bedient die Lektüre in erheblichem Maße kultur-rassistische Argumentationsmuster.
Auch aus einem weiteren Grund ist die Lektüre für den Unterricht in der Sekundarstufe mit Schüler/innen mit Migrationshintergrund wenig geeignet. Viele der Schüler/innen befinden sich noch im Aufbau ihrer Identität. Die besondere Herausforderung besteht für sie darin verschiedene kulturelle Muster möglichst konfliktfrei miteinander zu verbinden. Die fiktive Fi-gur Sibel, die einen kompletten Kulturwechsel vornimmt, kann allerdings nicht als Vorbild dienen. Den Schüler/innen wird eine Assimilation, verkleidet durch eine moderne Cinderella-Geschichte, vorgesetzt, die eine vollständige Anpassung an die Vorstellung eines „normalen deutschen“ Jugendlichen fordert. Dieser Ansatz führt zu keiner Integration, sondern er schließt alle aus, die dem Normalitätskonstrukt nicht entsprechen wollen oder können. Eine derartige Aussage steht im krassen Widerspruch zu einer interkulturellen Gesellschaft und zu einem interkulturellen Schulunterricht.

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