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Independent Academies

Alle britischen Lehrer innengewerkschaften schlagen Alarm und rufen auf zur Verteidigung des öffentlichen/kommunalen Bildungssystems mit seinen für alle Schüler innen zugänglichen Schulen („local schools“). Die konservative Regierung hat nämlich deutlich gemacht, dass sie entschlossen ist, alle öffentlich, von den Kommunen geleiteten Schulen einschließlich der Primar- und Sonderschulen („special schools“) in unabhängige/freie Institutionen sog. „independent academies“ zu verwandeln.

16.03.2014 - Die konservative britische Regierung betreibt eine grundlegende Veränderung des Schulsystems | von Jochen Ströh

Würden diese aggressiv verfolgten Pläne durchgesetzt, bedeutete dies, so fürchten die Gewerkschaften, die völlige Zersplitterung des kommunalen Bildungssystems und die Zerstörung der demokratisch gewählten lokalen Schulverwaltungs- und Leitungsgremien, die verantwortlich sind für

  • Planung von Schulplätzen,
  • die Koordinierung und Verteilung von Ressourcen,
  • die Gewährleistung von flankierenden Maßnahmen durch speziell zur Verfügung stehende Fachkräfteteams und die Bereitstellung von erforderlichen Dienstleistungen und
  • transparente und faire Zulassungskriterien.

Neoliberaler Dreiklang „Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung“

Die konservative Regierung möchte, wie sie sagt, durch die Autonomisierung und den damit verbundenen Wettbewerb zwischen den Schulen die Bildungsstandards heben.
Das klingt auf den ersten Blick recht verführerisch und die damit verbunden Maßnahmen nehmen sich aus als die Verwirklichung des Traumes von der Möglichkeit der individuellen Förderung der Schüler_innen.
Die Realität sieht aber anders aus. Untersuchungen in bereits bestehenden „academies“ haben gezeigt,

  • dass die Kluft zwischen sozial benachteiligten Schüler_innen und anderen noch größer geworden ist;
  • dass die Anzahl der zu kostenlosen Mahlzeiten berechtigten Schüler_innen nahezu halbiert wurde;
  • dass mehr als doppelt so viele Schüler_innen von Bildung zeitweise oder permanent ausgeschlossen wurden (z.B. aus disziplinarischen Gründen);
  • dass die Zulassungskriterien nicht transparent sind und einer Ablehnung von sozial benachteiligten Schüler_innen Vorschub leisten.

Außerdem ist zu beobachten,

  • dass während der Übergangszeit die schon existierenden „academies“ gegenüber den kommunalen Schulen privilegiert werden, ähnlich der Exzellenzinitiative bei den Universitäten in Deutschland: Die Verleihung der Prädikate „Exzellenz“ und „Elite“ oder eben „academy“ soll offenbar eine symbolische Prestigesteigerung der Institution befördern, auf diese Weise weitere finanzielle Zuwächse, nicht zuletzt aus dem Privatsektor, generieren und last not least eine hervorgehobene Premium League von Schulen schaffen, wie wir es aus dem angelsächsischen Raum bei Hochschulen schon kennen. Die bei dem Übergang zur „academy“ nicht erfolgreichen Schulen, und es ist abzusehen, dass das die überwiegende Anzahl sein wird, werden so automatisch in den Status der Zweitklassigkeit befördert, ihre Unterfinanzierung erscheint dadurch legitim.

Und es steht zu befürchten,

  • dass bei insgesamt sinkenden Bildungsausgaben wichtige ergänzende und unterstützende Bildungsmaßnahmen (wie Sprachtherapie und Verhaltenserziehung) und Dienstleistungen (wie juristische Beratung und Gebäudesanierung) wegfallen;
  • dass die Leiter der „academies“ die Bezahlung der Lehrkräfte und deren Arbeitsbedingungen verschlechtern werden. Gewerkschaften haben bereits Erkenntnisse darüber, dass gerade diese Bereiche als wichtigste Punkte für den „academy“-Status angesehen werden, denn jede „academy“ ist in der Lage, die Bezahlung, die Arbeitsbedingen und Arbeitszeitabsprachen für ihre neu einzustellenden Lehrer_innen individuell festzulegen. ( 49% der Befragten sagte, das ihr Schultag länger geworden sei, 65% sagten, dass sich ihre zu erledigende Arbeit vermehrt habe und 82% sagten, dass sich dadurch die Arbeitszeit außerhalb der Schule erheblich verlängert habe.)
  • dass die demokratisch gewählten, der Schule gegenüber verantwortlich und rechenschaftspflichtigen Leitungsorgane durch von privaten Sponsoren gesteuerte Gremien ersetzt werden;
  • dass die von den Steuerzahlern der Gemeinde finanzierten schulischen Werte (Grundstücke, Bauwerke, Inventar usw.- es geht hier um zigmilliarden Pfund ) der Kontrolle der Kommunen entrissen und in die Hände von privaten Sponsoren auf eine Dauer von meist 125 Jahren gegeben werden. Schon hat eine „academy“ in Cornwall ein großes Stück ihres Schulgeländes einer Supermarktkette angeboten.

Statt individueller Förderung geht es der Regierung in Wahrheit um die Durchsetzung neoliberaler Politik, die darauf hinausläuft die Bildungsausgaben zu kürzen und die Gesellschaft weiter zu spalten.

Quelle: www.teachers.org.uk/academies

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