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Shakespeare Company BremenHohe Auszeichnung für  'Aus den Akten auf die Bühne'

Ein Gespräch mit Dr. Eva Schöck-Quinteros

 

16.09.2019 - Werner Pfau

Seit 2007 leitet die profilierte Historikerin  das Projekt 'Aus den Akten auf die Bühne', das Quellen, die in Archiven schlummern, mit der bremer shakespeare company auf der Bühne zu neuem Leben erweckt. Dabei werden an historischen Fällen kontroverse Themen von gesellschafts- und geschichtspolitischer Relevanz bearbeitet. Viele Lerngruppen konnten im Lauf der Jahre von den Aufführungen profitieren. Nun ist Eva Schöck-Quinteros für ihre Arbeit vom Bundespräsidenten ausgezeichnet worden.

blz: Dir wurde im Mai im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz verliehen. Was ist das für ein Gefühl?

Ein etwas seltsames Gefühl. Ich war noch voll mit dem Lektorat unseres neuesten Bandes beschäftigt, als plötzlich im Briefkasten – den ich deshalb nur sporadisch öffnete – ein Umschlag des Bundespräsidialamtes lag. Ich sei für das Bundesverdienstkreuz ausgewählt worden, für das Projekt 'Aus den Akten auf die Bühne', nun müsse ich mich entscheiden, ob ich annehmen wolle. Anlass war eine Veranstaltung mit den 16 Landeszentralen für Politische Bildung zu dem Thema „Demokratie ganz nah – 16 Ideen für ein gelebtes Grundgesetz“. Ich diskutierte darüber mit den Studierenden sowie mit Peter Lüchinger von der shakespeare company. Die einhellige Reaktion: Ich müsse die Auszeichnung annehmen, nicht nur als Anerkennung für mich, sondern vor allem für das Projekt und die vielen Menschen, die mitgewirkt haben. Zudem sind Frauen noch immer unterrepräsentiert auf diesem Feld. So ist es dann geschehen. Die Zeremonie war angenehm entspannt, die Diskussion zur Sache interessant und erstaunlich fundiert. Nur auf die Nationalhymne am Ende – auf die  hätte ich verzichten können, ich habe auch nicht mitgesungen

Wie kam es eigentlich zur Idee für 'Aus den Akten auf die Bühne'?

Ende der Neunziger muss das gewesen sein. Ich recherchierte  im Staatsarchiv  und stieß auf eine Überschrift in den Bremer Nachrichten, Anfang der 1920er: „Grund der Ausweisung: Lästiger Ausländer.“ Die Formulierung war zu dieser Zeit völlig unbekannt. Bei weiteren Recherchen fand ich einen Karton mit sogenannten Beschwerdeakten. Denn das einzige, was Menschen ohne deutschen Pass in Bremen in der Zeit der der Weimarer Republik gegen ihre drohende Ausweisung machen konnten, war, Beschwerde einzulegen. Sie mussten gewissermaßen betteln, darauf verweisen, dass sie Arbeit hätten, gut Deutsch sprächen, ihre Frau aus Bremen komme, dass sie dem Staat nicht zur Last fallen würden  und dergleichen – das kommt einem ja irgendwie bekannt vor. Diese Beschwerdeakten sind eine wunderbare Quellen in der Sprache der Bürokratie: wer gehört dazu, wer ist weshalb ein Teil des Wir und wer gehörte weshalb/aus welchen Gründen zu den Other? Die Thematik hat mich so berührt, dass ich es nicht nur bei einem Aufsatz für Fachgelehrte belassen wollte. Ich wollte Öffentlichkeit schaffen. Meine Studierenden waren von dem Thema begeistert – nur selbst auf die Bühne wollten sie nicht...

Dann kam die shakespeare company ins Spiel?

Ich wollte mich in dem Wettbewerb „Geist begeistert“ des BMBF, in dem es um den Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse an eine breite Öffentlichkeit handelt, mit diesem Thema bewerben.  Aber ein Ensemble, das die theatralische Umsetzung leisten würde, fehlte noch. Irgendwer gab mir dann den Rat: „Rufen Sie doch den Lüchinger an!“ Und es kam zu dem für uns heute „legendären“ Telefonat. Meine Idee war, wörtlich aus den Quellen zu lesen, gekürzt zwar, aber nicht verändert oder kommentiert. Er antwortete mit einem klaren „Ja“. Das war im Januar 2007, jetzt haben wir August 2019, seitdem haben wir 15 große Projekte konzipiert.

Das Grundkonzept – keine Eingriffe in die Quelle, keine Kommentierung – stand für dich also schon fest?

Ja. Ich wollte keine Modernisierung. Kürzungen sind  für die Bühne unvermeidbar, doch der Quellentext sollte nicht verändert werden. Nicht nur der Inhalt, auch die in den Quellen verwendeten Sprachen sollten zur Geltung kommen. Schon eine Formulierung wie 'lästiger Ausländer' bleibt nicht ohne Wirkung auf das Publikum. Die Sprache transportiert das Innere eines Menschen, aber auch Herrschaftsverhältnisse. Ein von Abschiebung bedrohter „Ausländer“ spricht anders als ein Polizeikommissar der sich über eine auszuweisende polnische Familie äußert.

Hast du das Konzept über die Jahre beibehalten?

Anfangs haben wir sehr darauf geachtet, welche Quellen bühnentauglich sind.  Heute denke ich, dass man so gut wie jede Quelle auf die Bühne bringen kann.

Kannst du ein Beispiel geben?

Nehmen wir den eben erwähnten Polizeikommissar. Er versucht, die polnische Familie als „asozial“ zu charakterisieren, um die Notwendigkeit ihrer Ausweisung zu begründen. Während der Aufführung wurde dann eine Liste vorgelesen, mit den Habseligkeiten der Familie, die von der Bremer Polizei nach erfolgter Abschiebung versteigert worden sind. In diesem Moment war es im Publikum immer mucksmäuschenstill. Stößt man auf die Liste im Archiv, wirkt sie zunächst unscheinbar. Doch im Kontext entfaltet sie ihre Wirkung, etwa vor der Kulisse des Bremer Landgerichtes. Die vorgelesenen Gegenstände stellen die Schilderung des Polizisten in Frage. Der Mensch im Zuschauerraum mag sein eigenes Leben in ihnen wiederfinden: Ein Tisch, ein Stuhl, ein Radio. Die Ausgewiesenen erscheinen plötzlich wieder als Menschen. Zudem werden Assoziationen an die spätere NS-Arisierungspolitik geweckt.

Kannst du etwas zu eurem aktuellen Projekt sagen?

Es heißt 'Keine Zuflucht. Nirgends.' und beleuchtet das Schicksal jüdischer Geflüchteter vor dem Hintergrund der  Konferenz von Evian 1938, auf der sich die Staatenwelt gegen Flüchtende, nicht zuletzt aus antisemitischen Motiven, abgeschottet hat. Im Mittelpunkt steht die Fahrt der 'St Louis', die 1939 von Hamburg abfuhr, mit 937 Menschen an Bord. Kuba, die USA und Kanada verweigerten die Aufnahme, das Schiff musste zurück nach Europa. Wir zeigen die Folgen der Abschottungspolitik, begeben uns auf die Spuren der Opfer.

Der Auswahlprozess, also welche Stellen am Ende gelesen werden, muss unglaublich aufwändig sein. Wie ist das überhaupt zu schaffen?

Das Manuskript einer zweistündigen Lesung umfasst etwa vierzig bis fünfzig Seiten. Dafür wurden üblicherweise tausende von Seiten in einem abgestuften Verfahren gelesen. ausgewählt und für Peter Lüchinger transkribiert. Er bearbeitet die Texte, schneidet, montiert. Über den „roten Faden“ einer Lesung wird viel zwischen uns diskutiert. Was wir für historisch interessant befinden, wird vom Theaterfachmann Lüchinger noch einmal auf Bühnenwirkung hin radikal ausgewählt und bearbeitet. Ich bin jedes Mal beeindruckt, wie schnell er den Berg von Quellen liest und eine Geschichte entwickelt.

In gewisser Weise bewegt sich euer Projekt an der Grenze zwischen Wissenschaft und Literatur. Wird euch das manchmal vorgeworfen?

Gelegentlich hören wir derartige Bedenken aus fachwissenschaftlichen Kreisen. Natürlich greift das Auswahlverfahren auch in den Inhalt ein, strukturiert ihn in gewisser Weise. Das gilt jedoch ebenso für historische Forschung im klassischen Sinn. Bestimmte Quellen werden ausgewählt, andere nicht. In der Darstellung entwirft historische Forschung ein Narrativ, setzt Betonungen, folgt einem Forschungsinteresse, einer zentralen Fragestellung. Grundsätzliche qualitative Unterschiede zu unserer Arbeit sehe ich da nicht, zumal wir die Lesungen ja mit unseren Veröffentlichungen begleiten, in denen die Themen nach allen wissenschaftlichen Standards aufgearbeitet werden und zahlreiche Quellen komplett abgedruckt sind. Schauspieler*innen interpretieren auch  die Quellen, durch Stimme, Körpersprache, Freddie Rokem, ein Theaterwissenschaftler der Uni Tel Aviv nennt sie deshalb Hyperhistoriker. Wie sich ihre Interpretation von der wissenschaftlichen unterscheidet – das ist eine  spannende Frage. Und das muss man natürlich auch mit Schüler*innen diskutieren.

Die Verbindung von Quellen und Theater dürfte gerade mit Schülerinnen und Schülern gut nutzbar sein. Wie sind deine Erfahrungen?

Die Rückmeldung aus den Schulen ist zum allergrößten Teil positiv. Natürlich bedarf es einer gewissen Konzentration, um sich auf die teilweise fremde Sprache einzulassen. Dafür wird man mit besonderen Momenten belohnt. In der aktuellen Lesung etwa verlesen wir am Schluss die Namen der Kinder, die eigentlich gerettet mit der St. Louis in Antwerpen ankommen, nach 1940 dann aber doch noch in die Vernichtungslager deportiert werden. In diesem Moment herrscht jedesmal Totenstille. Gerade auch bei Schulklassen. Das Theater bietet die Möglichkeit, Geschichte auf einmalige Weise erfahrbar zu machen. 

Es gibt Stimmen in der Bildungspolitik, die Geschichtsunterricht als unnötigen Ballast sehen. Ein Kommentar dazu?

Wer nicht aus der Geschichte lernt, wird sie in abgewandelter Form noch einmal erleben. Interessanterweise gibt es momentan in Chile einen politischen Kampf für den Erhalt des Geschichtsunterrichtes. An historisch so wichtigen Orten wie dem Nationalstadion in Santiago hängt der Satz: Un pueblo sin memoria es un pueblo sin futuro. Damit ist eigentlich alles gesagt und deshalb demonstrieren Lehrende seit Monaten seit an seit mit Schüler*innen und Studierenden gegen eine entsprechende Unterrichtsreform. Daraus sollten wir lernen. Kritische Beschäftigung mit Geschichte in der Schule muss erhalten bleiben, schon von früh an und möglichst durchgängig unterrichtet.

Das Gespräch führte Werner Pfau

 

„Keine Zuflucht. Nirgends. Die Konferenz von Evian und die Fahrt der St. Louis. Lesung in der Shakespeare-Company

Termine im Herbst:

5. Oktober | 19.30

6. November | 19.30

Dienstag 3.12. |19.30 Vom Eis gebissen - im Eis vergraben. 

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