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Die Suche nach dem Mehrgewinn

Das Referendariat und seine Herausforderungen

16.06.2018 - Fenja Abendroth

„Eigentlich war das ganz toll.“, „So schlimm war das gar nicht.“, „Im Grunde war es doch eine super Zeit, man konnte so vieles ausprobieren.“
Solche Sätze höre ich oft, wenn ich mich mit Lehrkräften über das Referendariat unterhalte. Dass ich während des Referendariats niemanden traf, der diese Zeit der Ausbildung als eine angenehme empfand, steht hier in einem deutlichen Widerspruch. Aber warum ist das so? Wahrscheinlich liegt es in der Natur des Menschen, Negatives zu verdrängen oder schlichtweg aus dem Gedächtnis zu streichen. Aus einer instinktiven Schutzhaltung werden nur die schönen Dinge rückblickend betrachtet. Natürlich ist das alltägliche Lehrergeschäft nach der Ausbildung ein anderes und erfordert umfassendere Aufgaben. Dabei bleibt viel Pädagogisches und Methodisches auf der Strecke. Was schade ist, da man sich hier fragen könnte, weshalb die Kernaufgaben einer Lehrkraft, also das pädagogische Wirken und Unterrichten, immer mehr von zusätzlichen Vorgaben und Papierkram überschattet werden. Trotzdem sollte die Tatsache, dass das Referendariat eine überaus anstrengende Zeit für angehende Lehrkräfte ist, nicht verklärt werden.

Hochgradig individuell

Wie die Zeit des Referendariats wahrgenommen wird, ist sicherlich von vielen Faktoren abhängig. So spielen äußere Rahmenbedingungen eine ganz entscheidende Rolle. Es scheint wie ein kleines Glücksspiel zu sein, an welche Schule man kommt, wie das Kollegium ist, wie die Schülerschaft einen aufnimmt und welche Anforderungen die Schulleitung an einen stellt. Ganz wichtig sind auch die Unterstützungsangebote, die das LIS und die Schule bereitstellen. So kann vieles erleichtert werden, wenn man sich gut mit seinen Mentoren versteht, die Fachleiter für akute Fragen erreichbar sind und die Schulleitung Rücksicht auf die doch besondere Situation der angehenden Lehrkräfte nimmt. Aber auch die eigenen Voraussetzungen bestimmen das individuelle Gefühl und sind letztendlich für ein Gelingen des Referendariats verantwortlich. Wie gehe ich persönlich mit der ganzen Situation um? Inwieweit bin ich fähig Konflikte und Probleme reflektiert und sicher zu lösen? Was bringe ich mit? Jemand, der bereits vorher schon Lehrerfahrung sammeln konnte, hat sicherlich andere Voraussetzungen, als jemand, der sich noch unsicher ist und mit ganz grundlegenden Dingen, wie das Sprechen vor der Klasse, zu kämpfen hat. Alle reden immer von DEM Referendariat, aber kann dies so absolut betrachtet werden? Letztendlich, und so empfinden es viele angehende Lehrkräfte, ist es gar nicht richtig vergleichbar und zu sehr von den auferlegten Bedingungen, als auch den inneren Voraussetzungen abhängig. Das Referendariat ist demnach hochgradig individuell.

Neue Regelungen - Stress

Durch die Änderung der Prüfungsordnung zu Beginn des letzten Jahres hat sich vieles geändert. Den neuen Anforderungen durch die neuen Vorgaben musste das LIS als Ausbildungsstelle auch erst einmal gerecht werden können. Das hat seine Zeit gedauert. Es ist aber auch unverständlich, warum nicht alle Details vor der Inkraftsetzung geregelt wurden. Dies führte zu großen Unsicherheiten bei den Referendaren wie auch bei den Ausbildern und das Chaos war nicht mehr abzuwenden. Es hat den Anschein, dass sich zumindest auf struktureller und organisatorischer Ebene die Wogen geglättet und sich zum Teil nach dem Motto „learning by doing“ die Dinge weitestgehend normalisiert haben. Auch wenn die angehenden Lehrkräfte weiterhin über eine ungenügende Betreuung und Ausfall von Seminaren klagen. Dies ist sicherlich auch auf personelle Engpässe seitens des LIS zurückzuführen. Und dafür ist letztlich die Behörde verantwortlich. Die Referendare haben oft das Gefühl ohne Halt zu schwimmen. Dieses Gefühl ist sicher kein neues und einige Probleme bestanden auch schon früher, als noch die alte Prüfungsordnung galt. Aber es bleibt weiterhin die Frage, ob sich die neue Regelung wirklich rentiert. Eingeführt wurde sie aus dem Anlass, sich mehr an den KMK-Vorgaben zu orientieren. Besonders die Fachleiter beklagen die inhaltlichen Änderungen, die mit der neuen Prüfungsordnung einhergehen. So wird nicht mehr auf die Lehrkraft als Ganzes geschaut. Dies zeigt sich vor allem in der Aufteilung der Bewertung. Früher wurde das Lehrprobenpapier, die unterrichtliche Durchführung und das Reflexionsgespräch gesamt bewertet. In den neuen Vorgaben ist dies nicht mehr vorgesehen. Die Bereiche werden einzeln zensiert und somit kann es teilweise zur doppelten Bewertung von Folgefehlern kommen. Es findet ein regelrechtes Abarbeiten der Einzelteile statt. Und auch die Prüfung an einem Tag ist nicht nur für die Prüflinge eine Belastung. Hier wird zusätzlicher Stress ausgeübt, der eigentlich vermeidbar wäre. Wer kann sich nach der psychischen Belastung schon so schnell wieder auf das neue Thema und eine neue Lerngruppe einstellen? Sicherlich werden wir im Lehreralltag auch schwierige Situationen haben, die wir dann in der nächsten Unterrichtsstunde beiseiteschieben müssen. Aber in diesen Prüfungsmomenten sind wir auch Menschen, die in einer besonderen Situation stehen. Nämlich die Entscheidung über unsere berufliche Zukunft! Ein weiterer, auch im Vorfeld geforderter Punkt der neuen Prüfungsordnung, ist die Abschaffung der Hausarbeit, die ich noch während meiner Ausbildung schreiben musste. Das waren maximal 20 Seiten über ein selbstgewähltes Thema, die mir neben der Belastung durch die Unterrichtsbesuche und dem psychischen Stress der anstehenden Prüfungen zusätzlich auferlegt wurden. Die neue Regelung sieht eine schriftliche Ausarbeitung über 16 Seiten zum Kolloquium vor. Euphemismus? Die Vermutung liegt nahe. Wobei die Betreuung der Arbeit laut der Referendare sogar schlechter geworden ist. Auch hier beschreibt die neue Prüfungsordnung mal wieder keine genauen Zuständigkeiten. Und so sitzen die Referendare oft mit einem großen Fragezeichen und vielen unterschiedlichen Meinungen der verschiedenen Fachleiter am Schreibtisch und fragen nach dem Sinn und dem persönlichen Mehrgewinn. Denn den Nachweis, dass wir wissenschaftlich Arbeiten können, haben wir alle spätestens mit der Masterarbeit erbracht.

Ganzheitlich

Es scheint so, dass der Mensch und seine Persönlichkeit immer mehr aus dem Blickfeld verschwinden. Checklisten der KMK, die sich auf entfremdete Kompetenzen beziehen, werden abgearbeitet. Dass diese Kompetenzen aber so nicht immer strikt zu trennen sind, wird völlig vernachlässigt. So fehlen hier im Grunde die inhaltliche Verknüpfung und der Blick auf den Menschen und seine Fähigkeiten als Ganzes. Es ist fragwürdig, ob dieser Weg eine für Bremen sinnvolle Herangehensweise darstellt. Bremens Bildungswesen (sei es als Schülerin oder als Lehrerin) stand zumindest für mich immer für einen alternativen, ganzheitlichen Weg. Der Mensch und seine persönlichen Voraussetzungen und Potenziale standen im Mittelpunkt. Hat Bremen mit der neuen Prüfungsordnung seine Orientierung an der Landesverfassung und damit seine Haltung über eine gute Ausbildung aufgelöst? Werden hier noch reflektierende und steuerungsfähige Lehrkräfte ausgebildet oder geht es letztendlich nur um eine bundesweite Angleichung und Gleichschaltung? Die veränderte Prüfungsordnung scheint der Weg hin zu einer anonymisierten und leistungsorientierten Bildungslandschaft zu ebnen.

Kritik erwünscht

Aber wo bleibt der Aufschrei der Referendare? Wo haben wir denn eine so gute Ausgangslage etwas zu verändern, wenn nicht im vom Lehrermangel geprägten Bremen? Ich kann aber auch die Ängste und Bedenken der angehenden Lehrkräfte, sich gegen das System zu stellen, gut nachvollziehen. Immerhin wirkt hier ein Lebenstraum und ein langes und intensives Studium mit. Und dies vermeidlich auch noch aktiv aufs Spiel zu setzen, ist sicherlich nicht der erste Impuls. Aber nicht nur die derzeitigen Referendare leiden unter den Bedingungen. Es werden nach ihnen andere kommen, denen sie später als Kollegen begegnen und mit denen sie unter den veränderten Vorzeichen zusammenarbeiten werden. Ist es nicht gerade auch deswegen wert, jetzt und heute etwas zu tun? Nur durch Kritik und Verbesserungsvorschläge kann die Situation verändert werden und langfristig zu einer optimierten Lehrerausbildung führen. Und es hat immer noch ein anderes Gewicht, wenn diejenigen aufbegehren, die es auch tatsächlich betrifft, und die so dringend in den Schulen benötigt werden.

Im kommenden Sommer wird es eine vergleichende Evaluation der alten und neuen Prüfungsordnung durch das LIS geben. Hier soll sich zeigen, inwiefern Nachsteuerungsbedarf besteht.

Für euch...

Euch zukünftigen Referendaren, die jetzt im August ihren Vorbereitungsdienst in Bremen beginnen werden, kann ich nur wünschen, dass ihr euch in dieser fordernden Zeit nicht selbst verliert. Seid kritikfähig und dabei euch und euren Bedürfnissen treu. Es ist immer gut, seinen eigenen Weg zu gehen und sich nicht für andere zu verstellen. Versucht euch bei dem, was ihr tut, zumindest einigermaßen wohlzufühlen und vergesst bei aller Kritik, die immer wieder auf euch einströmt, nicht euch selbst und euer inneres Gefühl. Sicherlich wird euch die Zeit durch die Finger rinnen. Versucht trotzdem für euch eine Lehrerpersönlichkeit zu entwickeln, die euren Fähigkeiten und eurer Haltung zum Leben entspricht. Nutzt die Gelegenheit, euch mit euren Mitstreitern auszutauschen, sprecht Probleme an. Ihr seid mit euren Gedanken meist nicht allein. Aber vergesst auch euer privates Leben nicht. Nehmt euch Zeit für Freunde, Familie und Hobbies und versucht auch mal den Feierabend Feierabend sein zu lassen.

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