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Ausbildungsbilanz nicht schön rechnen!

Am 1. Dezember tagten gemeinsam die Unterzeichner der „Bremer Vereinbarung“. Ihr gehören u.a. die Senatorinnen für Bildung und für Arbeit und Soziales, die Handelskammer, die Handwerkskammer und der DGB an. In der Presse war anschließend zu lesen: „Positive Bilanz für das Lehrjahr 2009“ (WK v. 4.12.09) Der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer äußerte: „Das Verhältnis von angebotenen Ausbildungsplätzen und unversorgten Bewerbern hat sich im Vorjahr sogar verbessert.“ Dagegen betonte der DGB, „dass der Trend bei den Ausbildungsstellen nach dem Zuwachs der letzten Jahre wieder abwärts zeige“.

16.01.2010 - von Jürgen Burger

Unklare Verhältnisse

Die Zahlenspiele ähneln sich Jahr für Jahr. Die SchülerInnen und die Lehrkräfte in den Bremer Abschlussklassen interessiert aber vor allem: Wie sehen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz aus? Hierauf erhalten sie aus den Pressemitteilungen keine Antworten. Entscheidende Bezugsgrößen werden nicht genannt. So kritisierte der DGB: „Beunruhigend sei zudem, dass die Agentur (für Arbeit) offensichtlich keine verlässlichen Daten über die Zahl der ausbildungssuchenden Jugendlichen habe.“
Auch die Antwort des Senats auf eine Große Anfrage der Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN vom 3.11.09 brachte keine Klarheit: „Auch dem Senat ist es nicht möglich, Daten zum Verbleib der Jugendlichen nach dem Schulabgang umfassend zu erheben. Dies ist kein landesspezifisches, sondern ein bundesweites Problem ...“ . Entscheidender Grund für das Informationsdefizit sei der Datenschutz. (DS 17/981)
In der Senatsmitteilung werden zum 30.9.2009 folgende Zahlen für die beiden Arbeitsamtsbezirke Bremen und Bremerhaven genannt, die auch Teile des niedersächsischen Umlandes umfassen:

  • Gemeldete Ausbildungsstellen: 5249 (gegenüber 5737 im Vorjahr)
  • Gemeldete Bewerber/innen: 5887 (gegenüber 7157 im Vorjahr)

In der selben Senatsmitteilung wird ausgeführt, dass die Zahl der Schulentlassenen dieses Mal 5101 betragen habe. Doch Vorsicht - hieraus zu schließen, die Zahl der gemeldeten Lehrstellen reiche für die Bremer Schulabgänger aus, wäre ein grober Schnitzer! Erstens bezieht sich die Zahl auf die Stadtgemeinde Bremen, d.h. Bremerhaven und die Umlandgemeinden kommen noch hinzu. Zweitens - und das ist noch gravierender - bewerben sich auf Bremer Lehrstellen nicht nur Bremer BewerberInnen. In der Anfrage der Grünen heißt es, „dass die hiesigen Ausbildungsplätze auch in hohem Maße von jungen Menschen aus dem Umland nachgefragt werden. Im Ausbildungsjahr 2008 kamen 57,4 Prozent der Auszubildenden aus dem Land Bremen, 42,6 Prozent hatten ihren Wohnsitz in anderen Bundesländern.“

„Ohne Angabe des Verbleibs ...“

Nicht nur in der Äußerung der Handelskammer, von der nichts anderes zu erwarten war, sondern auch in der Einlassung des Senats wird der weiterhin eklatante Lehrstellenmangel für Bremer SchulabgängerInnen nicht deutlich. Dabei liegen Statistiken der Arbeitsagentur vor, die ihn belegen. In einer gesonderten Auswertung für die Stadtgemeinden Bremen und Bremerhaven sind folgende Zahlen für die Ausbildungsbilanz 2009 nachzulesen:

  • Bremen:
    Gemeldete Bewerber: 2930
    Duale Berufsausbildung 1203
    darunter ungeförderte Berufsausbildung: 973
    geförderte Berufsausbildung: 230
    Erwerbstätigkeit: 232
    Ohne Angabe des Verbleibs: 786
    Die restlichen 709 BewerberInnen verteilen sich auf Schule, Uni, Praktika, berufsvorbereitende Maßnahmen usw.
  • Bremerhaven:
    Gemeldete Bewerber: 1201
    Duale Berufsausbildung 563
    darunter ungeförderte Berufsausbildung: 329
    geförderte Berufsausbildung: 234
    Erwerbstätigkeit: 69
    Ohne Angabe des Verbleibs: 262
    Schule, Uni, Praktika, berufsvorbereitende Maßnahmen usw.: 307

Bei diesen Angaben ist noch zu beachten, dass unter „Erwerbstätigkeit“ auch Ein-Euro-Jobs verstanden werden.
Zusammengefasst: Von den 4131 Bremer und Bremerhavener BewerberInnen, die sich bei den Arbeitsagenturen und der Bremer Arbeitsgemeinschaft für Integration und Soziales (BAgIS) gemeldet haben, ist für lediglich 1.766 (973+230+329+234) die Einmündung in eine duale Berufsausbildung statistisch nachgewiesen. Auch wenn nicht alle Verbleibe erfasst sein sollten, so ist doch davon auszugehen, dass sich von den 1048 BewerberInnen „ohne Angabe des Verbleibs“ die meisten vergeblich um einen Ausbildungsplatz bemüht haben.

Perspektive: Doppelter Abiturjahrgang

Während die Zahl der Lehrstellen krisenbedingt zurück gegangen ist, erwarten uns bis 2013 steigende Schulabgängerzahlen. Die Kultusministerkonferenz sagt für die alten Länder einen Anstieg von 762000 (2009) auf 812000 (2013) voraus (KMK-Dok. 182). Erst danach folgt ein langsamer Rückgang. Eine besondere Rolle spielt in den nächsten Jahren der doppelte Abiturjahrgang. Er verlässt in Hamburg 2010, in Niedersachsen 2011 und in Bremen 2012 die Schulen. Die Kultusministerkonferenz prognostiziert: „Offen ist, wie sich die doppelten Abiturjahrgänge aufgrund der Schulzeitverkürzung auswirken werden: Zum einen ist damit zu rechnen, dass die absolute Zahl der Studienanfänger steigen dürfte. Gleichzeitig dürfte ein Teil der betreffenden Studienberechtigten Alternativen zum Studium wie z.B. eine Berufsausbildung in Betracht ziehen ...“ (Vorausberechnung v. 18.5.09).
Für beruhigende Pressekonferenzen besteht also kein Anlass. Vielmehr droht eine verstärkte Verdrängungskonkurrenz auf dem Lehrstellenmarkt, bei der die Sekundarschulenabsolventen auf der Strecke bleiben. Es geht darum, politischen Druck für mehr Studienplätze, für mehr Lehrstellen, gegen Studiengebühren und für ein höheres Bafög zu entwickeln.

Für statistische Unterlagen und kritische Hinweise danke ich Paul Schröder, Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ).

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