GEW Bremen
Du bist hier:

Antisemitismus in Bremer Klassenzimmern

Eigene Erfahrungen und theoretische Überlegungen

16.06.2018 - Werner Pfau

1.

Es ist schon oft gesagt worden: Antisemitismus kommt aus der Mitte der Gesellschaft. In Deutschland zumal. Nach 1945 ist er denen, die zu ihrem und zum Glück der Welt besiegt wurden, eher verboten als von ihnen begriffen worden. Eine Unkultur des Schweigens oder Verharmlosens breitete sich aus. Mit den Auschwitzprozessen, auch dank der Generation von 1968 kam es bekanntlich zum Umschwung. Dennoch – oder deswegen - ist nicht selten ein Revanchebedürfnis unter Deutschstämmigen anzutreffen, es „den Juden“ heimzuzahlen, was Stereotype vom „jüdischen Einfluss“ in der Welt u.ä. wachhält. Billig wäre es daher, die Existenz von Antisemitismus heutzutage auf die Zugewanderten zu schieben.

2.

Und doch soll in diesem ersten Teil des Artikels um die Frage des 'muslimischen Antisemitismus' gehen. Nicht nur, weil sie in pädagogisch-didaktischer Literatur diskutiert wird. Wir sind ja als Lehrkräfte aufgerufen, unsere eigenen Erfahrungen zu befragen. Ich unterrichte an einem Oberstufenzentrum, wo muslimische Zuwanderungsbiografien sehr präsent sind. Wäre ich in Sachsen oder Niederbayern gelandet, hätte ich vermutlich manches über Antisemitismus in Neonazi-Kreisen oder bayerischen Bauernfamilien zu berichten. So berichte ich von dem, was ich in an der Grenze zwischen Walle und Gröpelingen erlebe. Die Namen sind natürlich geändert.

3.

Da wäre Sibel, die sich vom streng-religiösem Elternhaus schon ein wenig abgelöst hatte. Sie war durchaus interessiert an meiner Sicht der Welt und nahm mich nach dem Unterricht beiseite: Herr Pfau, stimmt es eigentlich, dass die Juden hinter McDonalds stecken? Da waren die Posts auf Facebook, immer wenn es Neues zum Nahostkonflikt gab: Hätte Hitler doch die „Endlösung“ zu Ende gebracht, dann hätten die palästinensischen Brüder jetzt keine Probleme! Da gibt es Ahmed, der auf sein Vorbild Erdogan nichts kommen lässt; bei Menschenrechten fällt ihm nur Israel ein. Aktuell habe ich in einem Geschichtskurs der E-Phase die Renaissance behandelt und dabei auch die Gefilde der Religionskritik gestreift. Orhan, in Bremen geboren, reagierte erkennbar unwirsch, als er erfuhr, dass der historische Jesus Jude war. Dann war kein Halten mehr. Amar, aus Afghanistan geflüchtet, fragte, ob es eigentlich Beweise für den Holocaust gebe. Aso, geflüchteter Kurde aus Syrien, war der Meinung: „Die Türken sind schlimmer als die Juden, obwohl sie unsere Brüder sind.“ Keine schlechte Ausbeute – für eine Doppelstunde.

4.

Werfen wir einen Blick in die antirassistische Debatte zu dieser Frage. Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer zitiert eine Studie, wonach „35, 8 Prozent der arabischen und 20,9 Prozent der türkischstämmigen“ Menschen der Aussage zustimmten, Juden hätten „in der Welt zuviel Einfluss“. Die Ursachen liegen für ihn jedoch nicht in der Existenz eines islamischen Antisemitismus. Viele Ideen, die in solchen Umfragen geäußert werden, entstammten eher westlichen Narrativen, etwa dem von der jüdischen Weltverschwörung. Sie seien mit dem Kolonialismus des 19. Jahrhunderts in den Orient eingesickert. In Syrien, Jordanien, dem Iran sowieso, heißt es, wird Israel im Kontext der palästinensischen Frage als Feindbild in den Schulen gepflegt. All dem ist nicht zu widersprechen – aber folgt daraus, es könne keine genuin antijudaistischen Elemente in der islamischen Tradition geben?

5.

An dieser Stelle kommt üblicherweise reflexartig der Hinweis, Juden- und Christentum seien – im Gegensatz zu polytheistischen 'Götzendienern' -  innerislamisch doch als monotheistische Religionen 'des Buches' anerkannt, muslimischer Antisemitismus sei von daher unmöglich. Die Sache ist, liest man Quellen sowie Sekundärliteratur, leider komplizierter. In der Entstehung des Islams spielt das Judentum eine widersprüchliche Rolle: Zunächst knüpft Mohammed mit seiner neuen Lehre an jüdisch-frühchristliche Traditionen an und stellt sich in eine Reihe des Prophetentums mit Abraham und Jesus. In den Anfangsjahren seiner Tätigkeit sucht er vermutlich die Anerkennung durch jüdische Stämme und hofft, dass sie sich ihm anschließen. Einige Koransuren aus der frühen Zeit in Mekka äußern sich daher dezidiert freundlich gegenüber dem Judentum. Gebetsrichtung ist noch Jerusalem, um nur ein kleines Indiz zu nennen. Später, in Medina, gelingt es Mohammed, unter anderem mit kriegerischen Mitteln, die Macht zu erobern. Mit drei dort ansässigen jüdischen Stämmen entstehen Konflikte, bei denen jeweils der Vorwurf des Verrats im Raum steht, zwei werden aus Medina vertrieben, der dritte auf eine Weise vernichtet, die man nur als Massaker bezeichnen kann. Islamwissenschaftler Brunner schreibt, dass zunächst auch die Juden Medinas zur islamischen Gemeinschaft gehören sollten, doch: „deren Weigerung, Mohammed als Propheten anzuerkennen und damit ganz dem neuen Glauben beizutreten, führt alsbald zur Distanzierung.“ (Brunner) Dem entspricht ein aggressiverer Ton in einschlägigen Stellen des Koran. Zur 'theologischen' Anerkennung des Judentums aufgrund gemeinsamer Wurzeln gesellt sich die Zuschreibung, Juden hätten die Botschaft Gottes gefälscht, weshalb es Mohammeds bedurft hätte, um diese wieder richtig zu stellen. Dies Motiv der 'Schriftfälschung' ist Teil der muslimischenTradition und bildet Anknüpfungspunkte für Ressentiments, vergleichbar vielleicht dem 'Jesusmörder'-Konstrukt der frühen christlichen Theologie.

6.

Insofern bietet die islamische Überlieferung sehr wohl einiges Material für antisemitische Gemüter. So heißt es etwa, eine jüdische Giftmischerin habe Mohammed getötet (Brunner). Und in der anerkannten Hadith-Sammlung von Sahih Muslim wird Mohammed zitiert: „Ich werde die Juden und Christen aus der arabischen Halbinsel vertreiben und werde keinen übrig lassen außer Muslimen.“ (Sahih Muslim Buch 19, Hadith 4366). Kiefer sind solche Stellen natürlich bekannt und er hat auch für sie ein Argument parat – man müsste sie kontextualisieren, dann fiele der Anschein, sie richteten sich gegen das Judentum als solches, weg. Diese These verficht er in dem ansonsten instruktiven Text „Antisemitismus und Migration“, in der Schriftenreihe des Projekts „Schule ohne Rassismus“. Ein Beispiel dafür wären Passagen, die lediglich gegen einzelne jüdische Stämme gerichtet sind, weil diese sich Mohammed entgegenstellten. Schwierig wird es jedoch, eine solche wohlwollende Kontextualisierung etwa bei folgendem bekannten Hadith anzuwenden: „Die Stunde (des jüngsten Gerichts, WP) wird nicht schlagen, bis die Muslime die Juden bekämpfen und töten, sodass die Juden sich hinter Steinen und Bäume verstecken. Die Steine oder Bäume sagen jedoch: O, Muslim! O, Diener Gottes, ein Jude versteckt sich hinter mir. Komm und töte ihn!“ Hier bekommt der Kampf gegen das Judentum als gesamtes geradezu heilsgeschichtliche Bedeutung, als Vorbereitungshandlung für den Jüngsten Tag. Naheliegend,dass die Hamas diesen Ausspruch im Artikel 7 ihrer Charta zitiert.

7.

Was die Islamkritik von rechts mit der dagegen aufgebotenen linksliberalen Apologetik  eint, ist, in philosophischer Terminologie, die Tendenz zur Essentialisierung: Beide behaupten, aus ihrer Textexegese einen 'wahren' Islam destillieren zu können. Für Weidel und Konsorten sind alle Freundschaftsangebote und Distanzierungen bloße Fassade: Dahinter steckt die islamische Weltverschwörung, die mit demografischen Methoden Europa erobern will.  Komplementär dazu das Hohelied, das auf der anderen Seite gesungen wird: Dschihad – eigentlich nur religiöser Eifer, der IS reiner Etikettenschwindel, das Kopftuch ein feministischer Aufstand gegen männliche Dominanz.

Dagegen: Religion ist Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und damit so vielgestaltig wie diese. Die schiitische Weltdeutung der Gelehrten aus Qom ist ideologischer Überbau für die Machtentfaltung Irans, in Istanbul versucht die AKP-Regierung die sunnitische Ideologie der türkisch-islamischen Synthese im Land zu verankern. Eine muslimische Volkskultur mit unterschiedlichsten lokalen Traditionen betreibt Praktiken – Totenverehrung z.B. -, die ein strenger saudischer Gelehrter niemals durchgehen lassen würde. Liberale und modernisierende Deutungen existieren unter prekären Umständen oder gleich im westlichen Exil, man denke an Abdel Hakim Ourghi, Lamya Kaddor oder Seyran Ates. Kulturmuslime und -muslimas nehmen es sowieso locker. Die Gesamtheit dieser widersprüchlichen Ausprägungen bildet den Islam. Mitnichten gibt es den 'echten' Islam  hinter dem wirklichen, ein ominöses Wesen hinter all seinen Erscheinungsformen.

8.

Natürlich speist sich der Judenhass im Nahen Osten aus diversen, nicht unmittelbar religiösen Quellen. Dass aber die dortige Staatenwelt ihrer Feindschaft gegen Israel so leicht eine religiöse Färbung geben kann, verweist auf antijüdische Ressentiments, die im Strom der islamischen Überlieferung aufbewahrt sind und je nach politisch-gesellschaftlicher Situation aktualisiert werden können. Deshalb ist es eine Unredlichkeit, wenn große Islamverbände wie Ditib beteuern, sie seien ohnehin Partner im Kampf gegen Antisemitismus, letzterer sei dem wahren (!) Islam völlig fremd. Dadurch wehren sie die Forderung ab, unheilvolle Traditionslinien ihres Glaubens einer historisch-kritischen Analyse zu unterziehen. Vermutlich sind sie sowieso die Falschen für diese Aufgabe. Überhaupt wäre es klug, die Deutungshoheit in diesen Dingen nicht dem Religionsunterricht zu überlassen, der in den meisten Bundesländern ja unter Glaubensvorbehalt steht. Religiöse Mythen zu dekonstruieren, damit sie keinen Schaden mehr anrichten, wäre auch eine Verpflichtung politischer und historischer Bildung.

Zurück