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Bildung und Gesellschaft

Gedenkfeier für einen fanatischen Antisemiten

Im Februar feierten die Moscheegemeinden von Millî Görüş in Bremen den Todestag ihres Gründers Necmettin Erbakan (1926 – 2011)

Einladung zur Veranstaltung von Milli Görüs in Bremen

Er hat zeit seines Lebens plumpeste antijüdische Verschwörungstheorien vertreten. Bekanntermaßen ist der Verband gut vernetzt: Er dominiert die Schura Bremen. Und ein Vertreter der Moscheegemeinschaft hat es dieses Jahr bis auf die Landesliste der SPD zu den Bürgerschaftswahlen gebracht.

Das Datum konnte kein Zufall sein. Die Veranstaltung fand am 26. Februar statt, einem Sonntag, in der Sonneberger Straße 18, der Zentrale der IGMG (Internationale Gemeinschaft Millî Görüş). Am folgenden Montag jährte sich zum zwölften Mal der Todestag des islamistischen Politikers Necmettin Erbakan, dessen Konterfei auf dem zugehörigen Plakat denn auch ganz oben zu sehen ist (siehe Abbildung). Das Ereignis wurde auch in offiziellen türkischen Medien wie TRT International begangen. Dort wurde der Verblichene als konservativ-religiöser Politiker gefeiert, der einen „Balance-Akt zwischen Tradition und Reform“ versucht habe. Gewisse Ansichten über die jüdische Weltherrschaft wurden dabei höflich weggelassen – nichts Schlechtes über Verstorbene ...

Die große Weltverschwörung

In Erbakans Welt sah es folgendermaßen aus: „Seit 5700 Jahren regieren Juden die Welt. Es ist eine Herrschaft des Unrechts, der Grausamkeit und der Gewalt. Sie haben eine Religion, die ihnen sagt, dass sie die Welt beherrschen sollen.“ Das gab er noch 2010 in einem Interview für eine deutsche Tageszeitung zu Protokoll. Das hannah-project.eu ist eine Organisation, die sich mit antisemitischen Verschwörungsmythen beschäftigt. Sie hat Erbakan einen eigenen Eintrag gewidmet. Gerne wechselte er zwischen den Begriffen Jude und Zionist. Um den Kapitalismus zu schaffen, hätten die jüdisch-zionistischen Dunkelmänner die Reformation erfunden, denn in der katholischen Kirche habe es ja das Zinsverbot gegeben. Und so weiter. Geschichtsphilosophie nach Erbakan. Doch zum Glück gibt es einen Staat, der zum Retter der Welt prädestiniert ist: Eine Türkei, die sich endlich wieder ihrer religiösen Wurzeln besinnt. Als Führungsmacht der islamischen Welt ist sie zum Gegenspieler gegen das zionistische Böse berufen.

Gründungsfigur

Erbakan gehörte zu denen, die schon seit den Sechziger Jahren gegen die kemalistische Trennung von Staat und Religion in der Türkei kämpften. Er versuchte, türkischen Nationalismus und islamischen Extremismus zu verbinden. Zu dem Zweck formulierte er ideologische Kampfschriften und gründete diverse politische Gruppen, die in einem ständigen Katz-und-Maus-Spiel mit den seinerzeit eher westlich orientierten Eliten verboten wurden. So entwickelte er sich zu einer einflussreichen Figur im religiös-nationalistischen Milieu der Türkei und gilt als Ziehvater des heutigen Ministerpräsidenten Erdoğan, wobei es später zum Zerwürfnis zwischen beiden kam. Kurzzeitig selbst Ministerpräsident 1996, wurde Erbakan ein Jahr später vom Militär abgesetzt, doch die Bewegung war nicht mehr aufzuhalten. In Form einer sich gemäßigt gebenden AKP errang sie später die Macht. Der Name Millî Görüş kommt von einem gleichnamigen Buch Erbakans und heißt übersetzt: „Nationale Sicht“. Ein interessanter Name für eine Religionsgemeinschaft.

In der Tradition der Muslimbrüder

Die Millî-Görüş-Bewegung ist die Mutterbewegung des türkischen Islamismus im legalistischen Spektrum und gilt als Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft. Zentrale Forderung ist die Einführung einer religiösen begründeten Herrschaft und der Scharia. Erbakan machte zahlreiche ideologische Anleihen bei einem der Vordenker der Muslimbrüder, Sayyid Qutb. In Werken wie „Unser Kampf gegen die Juden“ (1950) hatte dieser sein Weltbild ausgebreitet. In den letzten 1400 Jahren hätten jüdische Verschwörungen immer wieder versucht, die islamische Welt zu spalten. Unschwer ist hier Erbakans Sicht auf das Judentum wiederzufinden. Auf Grund der geistigen Nähe haben die Muslimbrüder auf eigene Organisationsgründungen in der Türkei verzichtet.

Übrigens tritt im Schatten der AKP Erbakans Sohn Fathi die ideologische Nachfolge seines Vaters an. Er betätigt sich in der kleinen Neuen Refah Partei und vertritt Ansichten wie die, das Corona-Virus sei Produkt einer zionistischen Verschwörung. Überhaupt sei der Zionismus ein „fünftausend Jahre altes Bakterium“.

Distanzierungen?

Tatsächlich distanzieren sich mittlerweile sowohl AKP-nahe Vereine wie auch Millî Görüş selbst zumindest in deutschen Medien von solchen einschlägigen Äußerungen, halten Necmettin Erbakan gleichzeitig jedoch als ehrenwerte Persönlichkeit hoch. Wird ein Imam wie Esar Isik aus Bonn beim Veröffentlichen antisemitischen Materials in flagranti erwischt, wie es im Mai 2021 geschah, so schickt Millî Görüş ihn in die Zwangspause und zu „Fortbildungen“. In Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen wird der Verband vom Verfassungsschutz beobachtet. In Bremen ist das angeblich nicht nötig, dort habe seit einigen Jahren eine jüngere Generation von demokratisch Gesinnten die Leitung übernommen. Warum dann die Feier für einen fanatischen Antisemiten? Das könnte man auch Nurtekin Tepe fragen, der für die SPD auf Platz 49 der Landesliste kandidiert und langjähriger Aktivist von Millî Görüş ist. Tepe ist der Verantwortliche für den millionenschweren Neubau einer Moschee in Hemelingen. Dafür nötige Gelder werden über eine islamische Bank – mit Eigentümern in Kuweit und Saudi-Arabien – weltweit eingeworben: Die Mitglieder des Ethikrates dieser Bank haben überwiegend an der Fakultät der Muslimbrüder in Ägypten studiert. Ein Narr, wer Schlechtes dabei denkt.