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SchwerpunktDie Uni im Wandel – die Lehre im Zentrum

Ein GEWerkschaftlicher Geburtstagsgruß zu 50 Jahren Universität Bremen

 

16.09.2021 - Von Inge Kleemann, Christine Rodewald und Ralf E. Streibl

Ein fünfzigster Geburtstag ist ein Anlass für eine Standortbestimmung, eine Reflexion über bisherige Entwicklungen und Perspektiven für die Zukunft. Die Universität Bremen, gegründet als Reformuniversität, hatte zu Beginn den Anspruch, mit einigen traditionellen Vorstellungen im Hochschulbereich zu brechen und ein progressives „Bremer Modell“ zu etablieren. Innovative Lehre spielte darin eine besondere Rolle. Heute steht vielfach die Forschung im Vordergrund, beispielhaft seien der hohe Anteil drittmittelfinanzierter Projekte und die Beteiligung an der Exzellenzstrategie genannt. In diesem und den folgenden Artikeln möchten wir ganz bewusst zurück zu den Wurzeln und die Lehre ins Zentrum rücken.

Reform, Projektstudium und Forschendes Lernen

Als Reaktion auf die steigende Zahl von Studierenden regte der Wissenschaftsrat 1960 in seinen „Empfehlungen zum Ausbau der wissenschaftlichen Einrichtungen“ an, in der Bundesrepublik neue Hochschulen zu errichten. Dies gab in Bremen neue Impulse für bereits bestehende Ideen und führte am 28. Juni 1961 zu einem Beschluss in der Bremischen Bürgerschaft zur Gründung der Universität. Horst Werner Franke, von 1975 bis 1983 Senator für Wissenschaft, erläutert knapp 10 Jahre nach der Gründung neben der damaligen Reformdiskussion sei „vor allem die bereits genannte politische Vorgabe, möglichst schnell eine große Zahl von Ausbildungsplätzen bereitzustellen“ ausschlaggebend gewesen (DIE ZEIT, 24.10.1980).

Polemische Angriffe

Der Gründung war ein langjähriger politischer Streit vorangegangen. Polemische Angriffe – Vorreiter in der Presse waren z.B. die FAZ und DIE WELT (1.7.1970: „Bremen – nicht Universität, sondern Kaderschule“) warnten vor einer ideologisierten Wissenschaft. Das Urteil Golo Manns, der 1971 die Bremer Universität besuchte, fällt gegensätzlich aus, wie damals in der „Deutschen Zeitung“ nachzulesen war:

„Der Beobachter, aus einem Großteil der Presse, und recht ernsthaften Blättern darunter, erhält den Eindruck, es handle sich um ein ganz radikales, umstürzlerisches, gefährliches Unternehmen, um eine Hochschule, an der nichts mehr gelehrt werden soll – außer, wie man Revolution macht. Geht er nun selber hin, hört er einen Tag lang den Beratungen jener Universitätsgründer zu, so erlebt er etwas ganz anderes: eine vernünftige, sachliche, tolerante Atmosphäre, Pläne, wie die Studenten nicht weniger lernen und arbeiten sollen als bisher, sondern mehr, auch und gerade in den echten Wissenschaften, wenn auch mit neuen Methoden, und keineswegs der Anspruch, nur eine politische Richtung müsse herrschen.“

Einbeziehung der Lernenden

Die neuen Ansätze für die Lehre an der Universität Bremen und deren Weiterentwicklung sah Horst Werner Franke als direkte Reaktion auf bestehende Mängel im traditionellen Lehrbetrieb: „An die Stelle der anonymen und oft ineffektiven Massenvorlesung ist Kleingruppenarbeit gesetzt worden. Die Einbeziehung des Lernenden in den Lehrprozess hat einen hohen Stellenwert. Das forschende Lernen im Projekt ist als wichtiges Prinzip des Erwerbens von Wissen nach wie vor aktuell.“ (DIE ZEIT, 24.10.1980)

Die damals neue und aufregende Idee des Projektstudiums lockte nicht wenige an die Universität, die sich von einem Studium mehr versprachen als Fakten zu pauken. Themen (in der Anfangszeit immer verbunden mit relevanten gesellschaftlichen Problemstellungen) sollten in ihren inhaltlichen Zusammenhängen erfasst und mit einem interdisziplinären Ansatz diskutiert werden – ein hoher Anspruch, der sich in dieser Form nicht durchhalten ließ (vgl. Robben 2013). Gleichwohl hatten die Ideen der Anfangszeit wesentlichen Einfluss auf die weiteren Entwicklungen. Nachdem es zunächst – bis auf wenige Ausnahmen – so aussah, als würden die Grundgedanken des Projektstudiums nach und nach aus der Universität Bremen verschwinden, kamen vor einigen Jahren mit dem Begriff des „Forschenden Lernens“ Teilaspekte und Kernideen wieder verstärkt auf. Als die ehemalige Konrektorin für Studium und Lehre der Universität Bremen, Heidi Schelhowe, das „Forschende Lernen“ zum Programmschwerpunkt ihrer Amtszeit machte, wurde dies in vielen Teilen der Universität aufgegriffen (Kaufmann & Schelhowe 2014). Zwar hat man heute den Eindruck, dass das Etikett „Forschendes Lernen“ als Modebegriff vielem übergestülpt wird und eine sinnvolle Differenzierung von „forschungsbasiertem“, „forschungsorientiertem“ und „forschendem“ Lehren und Lernen, wie sie Ludwig Huber (2014) fordert, auf der Strecke bleibt. Dennoch: Die Rückbesinnung auf gute Ideen aus der Gründungszeit der Universität und deren Anpassung an die Gegenwart in stetiger selbstkritischer Auseinandersetzung könnte ein vielversprechender Weg für die Universität Bremen sein. „Forschendes Studieren“ (nicht nur Lernen!) ist eines dieser Elemente.

Von Bologna-Ideen und Mobilitätsphantasien

Den Blick über den Tellerrand fördern sowie die Entwicklung von kritischer Urteilsfähigkeit – zwei Grundmotive des Projektstudiums – sind wesentlicher Teil einer positiven Internationalisierung der Hochschulen. Mit der „Bologna-Erklärung“ von 1999 haben die EU-Staaten den „Europäischen Hochschulraum“ proklamiert – eine im Grundsatz durchaus gute Idee, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. In ihrem wissenschaftspolitischen Programm fordert die GEW: „Ziel der Studienreform im Europäischen Hochschulraum muss eine dauerhafte Berufsfähigkeit im Sinne einer kritischen Reflexion der beruflichen und gesellschaftlichen Praxis sein. Maßstab für die Qualität eines Studiums ist der Erwerb selbstständiger wissenschaftlicher Urteils- und Handlungsfähigkeit“.

Einzug gehalten hat in Folge der Bologna-Reform aber vor allem das von der europäischen Unternehmerlobby entwickelte Employability-Konzept zur Herstellung von „Beschäftigungsfähigkeit“ sowie das Leitbild der unternehmerischen Hochschule. Bei vorgeblich der Qualitätssicherung dienenden (Lehr-)Evaluationen und Akkreditierungsverfahren drängen Formalia, Bürokratie und Gleichmacherei allzu oft die eigentlich wichtige selbstkritische Reflexion über Qualität und Ziele sowie die wissenschaftliche Kreativität und die Individualität von Studium und Lehre in den Hintergrund. Andere, ebenfalls in der Bologna-Idee enthaltenen, Ziele wie die Vorbereitung auf aktive Teilnahme als Bürger einer demokratischen Gesellschaft (democratic citizenship), der Beitrag zur persönlichen Entwicklung (personal development) und die Entwicklung und Bewahrung eines breiten und fortgeschrittenen Wissensfundus (knowledgebase) werden oftmals nicht umgesetzt. Diese sollten aber – auch im Verständnis der Gründungsgedanken der Bremer Universität – entscheidende Zielvorgaben der universitären Bildung in Bremen bleiben.

Mobilitätsrekorde

Aktuell treibt die Universität Bremen in Kooperation mit neun anderen europäischen Hochschulen und vier außeruniversitären Partnern die Gründung von YUFE (Young Universities for the Future of Europe) voran. Die kürzlich vom amtierenden Rektor Bernd Scholz-Reiter im Weser-Kurier (16.09.2021) geäußerte Erwartung, dass sich in Folge dieser neu gegründeten „europäischen Universität“ im nächsten Jahrzehnt an der Universität Bremen nur ein Drittel der ursprünglich Eingeschriebenen aufhält, da zwei Drittel an anderen YUFE-Universitäten studieren und zugleich von dort eine ähnlich große Zahl Studierender nach Bremen kommt, erscheint vielen Universitätsangehörigen unrealistisch und verkennt die Tatsache, dass viele Studierende sich die Universität Bremen gerade aufgrund ihrer regionalen Bedeutung aussuchen. Wichtig ist es in jedem Fall, nicht nur Mobilitätsrekorde anzustreben, sondern auch die weiteren Bologna-Ideen umzusetzen. Die Universitätsleitung wäre gut beraten, nicht die konkreten Probleme vor Ort aus dem Blick zu verlieren und sich auf die Verbesserung der Arbeits- und Studienbedingungen zu konzentrieren.

Entbürokratisierung und Freiräume

In der Strategie der Universität Bremen 2018-2028 heißt es unter anderem: „Wir verbessern die Lehre und entwickeln sie kontinuierlich weiter. Dafür bieten wir Freiräume und Anreize und würdigen besondere Leistungen.“ – Dies ernst zu nehmen, erfordert deutliche Veränderungen. Der gefühlte Druck, ein Studium unbedingt in Regelstudienzeit beenden zu müssen, lastet auf der gesamten Studierendenschaft. Für viele Studierende erscheint es schwierig oder undenkbar, über den Tellerrand eines vorgefertigten Studienplans zu schauen und z.B. an Lehrveranstaltungen oder anderen Aktivitäten im Umfeld der Universität teilzunehmen, die nicht direkt für das Studienabschlusszeugnis benötigt werden. Ein Studium ist mehr, als bloße Wissensakquise beim eiligen Durchlaufen notwendiger Module, mit dem Ziel, in kürzest möglicher Zeit ein Abschlusszeugnis mit möglichst guten Noten für die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen. Die Bologna-Ideen – und die Gründungsgedanken der Universität Bremen – gehen darüber jedenfalls weit hinaus. Eine Entbürokratisierung des Studiums, mehr wirkliche Freiräume für Studierende und Lehrende und vor allem das Verständnis, dass Studium mehr ist als das Erreichen eines Abschlusses, sind hierfür dringend erforderlich.