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Geld macht den Meister – Nachhilferepublik Deutschland

Die beiden Frauen sehen sich ratlos an. Paul starrt auf den Boden und weiß auch keine Lösung. Die Frauen sind: seine Mutter, die ihn seit 13 Jahren erzieht, und seine Klassenlehrerin, die ihn in Deutsch und Englisch unterrichtet. In beiden Fächern sieht es für den Jungen nicht gut aus. Daher hat die Lehrerin einen Blauen Brief an Pauls Erziehungsberechtigte verschickt. Ihr Sohn sei versetzungsgefährdet. Der Brief war gekoppelt an die Einladung zum Elternsprechtag. Nun hört die Mutter es auch mündlich: Wenn Paul sich nicht anstrengt, bleibt er sitzen. Zunächst rät die Lehrerin, der Schüler müsse mehr lernen und sich im Unterricht einfach öfter melden. Denn, so appelliert sie direkt an den Jungen: „Übung macht den Meister!“ Paul zuckt nur mit den Schultern und seine Mutter schweigt. Um die ratlose Stille endlich zu durchbrechen, schlägt die Lehrerin vor, es doch mit einer professionellen Nachhilfe zu probieren. Das koste Geld, wirft die Mutter ein. Die Lehrerin nickt.

16.06.2016 - von Robert Rauh

Pädagogische Milchmädchenrechung
In Deutschland wird dieser pädagogische Ratschlag zurzeit als ultima ratio in Tausenden Sprechstunden an verzweifelte Eltern ausgegeben. Denn die Zeugnisausgabe steht vor der Tür. Den Eltern ist die Nachhilfe-Option natürlich nicht unbekannt, aber die meisten schrecken davor zurück. Denn hier macht nicht Übung den Meister, sondern Geld. Pro Woche und Schülerkopf können durchaus 90 Euro für Nachhilfe zusammenkommen. Geld, was viele Familien nicht haben. Dabei ist die Nachhilfe inzwischen ein Millionengeschäft. Mehreren Studien zufolge, erhalten in Deutschland rund 1,2 Millionen Schüler Nachhilfe. Das heißt, ca. 14 Prozent der Schüler zwischen sechs und 16 Jahren arbeiten außerhalb der Schule nach. Nicht alarmierend, meinen Bildungspolitiker. Diese Zahl sei im internationalen Vergleich noch sehr niedrig. In Japan würden 70 Prozent der 15-Jährigen Nachhilfe in Mathe bekommen. Oder es wird angeführt, dass in Deutschland beispielsweise nahezu 40 Prozent aller Schüler, die im Fach Deutsch Nachhilfe erhalten, gar nicht versetzungsgefährdet seien, sondern zwischen „sehr gut“ und „befriedigend“ stehen; ihre Note also nur aufbessern wollen. Irgendwie lässt sich offenbar alles relativieren. Aber wie auch immer man die Zahlen interpretiert: Es bleibt eine pädagogische Milchmädchenrechnung. Dass Bildung erkauft werden muss, ist und bleibt ungerecht. Nachhilfe wie Hausaufgabenbetreuung sind Schulaufgaben. Kostenlose Bildung ist eine soziale Errungenschaft, die durch das unterfinanzierte und strukturell fragliche Bildungssystem immer mehr ausgehöhlt wird.

Not macht erfinderisch
Weil das Schulsystem nicht mehr in der Lage ist, seine Bildungsaufgabe wahrzunehmen und Behörden wie Schulleitungen stattdessen häufig nur noch den Mangel verwalten, wurde die Übung des Gelernten einfach outgesourct. Fehlende Lehrer und bröckelnde Schulbauten sowie überfüllte Klassen und Lehrpläne erlauben an vielen Schulen nur noch eine Pädagogik, die auf dem Zahnfleisch kraucht. Individuelle Förderung, DAS Zaubermittel vieler Bildungsexperten, ist angesichts dieser Rahmenbedingungen eine reine Wunschvorstellung. Aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch. Immer mehr Schulen in Deutschland nutzen finanzielle Mittel aus verschiedenen Töpfen, z.B. die Ganztagsförderung, um das in die Schule zurückzuholen, was ihr Kerngeschäft ist: das Lernen. Ein gutes Beispiel ist meine eigene Schule, ein Gymnasium im Nordosten Berlins mit 1500 Schülern. Seit einigen Jahren wird hier eine professionelle Nach- und Hausaufgabenhilfe angeboten, die von Schülern aller Jahrgangsstufen ohne vorherige Anmeldung nach dem Unterricht drei Mal wöchentlich besucht werden kann. Die Jugendlichen werden bei Hausaufgaben, Verständnisproblemen, beim Ausarbeiten von Vorträgen und beim Lernen für Klassenarbeiten und Leistungsüberprüfungen fachspezifisch unterstützt. Es gibt zwei Besonderheiten: Das Angebot ist für die Schüler kostenlos. Denn die Betreuung, die von einem privaten Unternehmen angeboten und organisiert wird, wird aus den Mitteln des offenen Ganztagsbetriebs bezahlt. Und die Betreuer sind ehemalige Abiturienten aus unserer Schule, die in der Regel selbst Lehrer werden wollen und parallel schon auf Lehramt studieren. So besteht eine klassische Win-win-Situation: Unsere Schüler profitieren gratis von den Erfahrungen unserer Ex-Schüler, die sich neben ihrem Studium durch sinnvolle Arbeit ein wenig Geld dazuverdienen. Die Macher nennen sich übrigens „Schlaufüchse“. 

Robert Rauh ist als Lehrer für Geschichte, Politik und Deutsch in Berlin-Lichtenberg und als Fachseminarleiter Geschichte in Berlin-Mitte tätig. 2013 wurde er mit dem „Deutschen Lehrerpreis“ in der Kategorie „Schüler zeichnen Lehrer aus“ für sein pädagogisches Engagement geehrt. Er nutzte die mediale Aufmerksamkeit, um sich seitdem bildungspolitisch für die Verbesserung der Rahmenbedingungen von Schule zu engagieren. Was Lehrer und Eltern selbst gegen die Bildungsmisere tun können, hat er anhand unterhaltsamer Geschichten aus seinem Schulalltag in dem Buch SCHULE SETZEN SECHS veröffentlicht, das im Kösel Verlag erschienen ist.

Weitere Informationen: www.schul-gerecht.de

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