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Eine Riesen-Forscher-Werkstatt

Die Grundschule El Roure Gros in Santa Eulalia de Riuprimer/Katalonien ist eine große Forscher-Werkstatt! Im Rahmen der Tätigkeit des Vereins Science on Stage hatten Kolleginnen aus Bremen Gelegenheit, diese Schule vor den Toren Barcelonas zu besuchen.

16.05.2012 - von Wilfried Meyer

Eine mittelraue Berggegend empfängt uns in einem 1.000 Seelendorf westlich der Stadt Vic. Eine kleine Regel-Grundschule, hässlich vom Gebäude, umgeben von einem kleinen Schulhof, hat sich in den letzten 25 Jahren mit einem Konzept etabliert, welches wohl nicht so schnell zu kopieren sein wird. Das würde sich aber lohnen, zumindest für Kinder, aber auch für Lehrkräfte, denn: Die Schule hat keinen Stundenplan, es wird nicht unterrichtet, es gibt drei altersgemischte Gruppen und alle Kinder forschen und entdecken. Die Schule auf zwei Etagen mit 120 Kindern und 60 Laptops und PCs, einer Kantine, einem kleinen Tonstudio für Musik, kleiner Turnhalle und einem eigenen Planetarium ist eine große Lern-und Forscherwerkstatt.
Überall sitzen Kinder zusammen, planen, unterhalten sich, berechnen Dinge, bauen Schiffe, bemalen einen Riesenglobus mit Meridianen und nach und nach mit den Kontinenten, vermessen Straßen im Dorf, um einen Dorfplan zu gestalten, tanzen Kinderlieder nach Schifferklavier, studieren ein Lied ein und nehmen es auf, rechnen in der Gruppe der Ältesten mit Potenzen(!) bearbeiten Maßeinheiten in »inch« und »cm« in englischer Sprache mit der Lehrkraft, die konsequent nur englisch spricht.
Wir staunen, kennen wir diese Art des Arbeitens nur aus unserer Lernwerkstattarbeit.
Hier scheint die ganze Schule eine zu sein. Was ist mit Zensuren? Es gibt Lernentwicklungsberichte.
Was ist mit der Behörde? Sie bekommt normale Zwischenberichte. Was ist mit Extra-Lehrerstunden? Gibt es nicht. Könnt ihr eure Lehrer selbst aussuchen? Nein, wer zugewiesen wird muss hier so arbeiten. Wie finden die Kinder ihre Aufgaben? Sie bringen Ideen und Fragen mit, diesen gehen sie nach, dabei können sie auf gut sortiertes Material in Regalen, Kisten und Schränken, Literatur und die Laptops zurückgreifen. Hilfe bekommen sie von den Lehrkräften, jedoch oft nur Hinweise auf Stellen, an denen man weitermachen oder suchen könnte. Manchmal auch Korrekturen und Erklärungen. Viele Fragen werden nicht beantwortet, die Kinder sollen es selbst herausfinden. Eine große Selbstständigkeit und Disziplin fällt auf. Gut, es ist keine sozial schwierige Gegend, die Kinder sind keine Großstadtkinder, es gibt wenig sprachliche Schwierigkeiten, obwohl sie drei Sprachen lernen:
Katalan, Spanisch und Englisch. »Wie habt ihr denn euren Planetenraum, das Planetarium eingerichtet?«
Es war ein längeres Projekt, wie alles ein Projekt zu sein scheint was hier läuft. (Das Ganze ist ein Projekt!) Sechsecke mit der Kantenlänge 40 cm wurden zuhauf aus Pappe ausgeschnitten, mit Klebeband zu mehr als einer Halbkugel mit dem Durchmesser 2,5 m zusammengeklebt, ein Holzring außenherum gelegt, an dem die Halbkugel mit Winkeleisen befestigt ist, das Ganze wurde mit Stahlseilen am Holzring befestigt an der Decke aufgehängt, schwingend.
Viel Geld kostete der Apparat, um die Sternenhimmel zu produzieren.
Und los ging es: Die Kinder sitzen auf alten Höckerchen in der Halbkugel und betreiben Astronomie! Nebenbei, wenn möglich, forschen sie draußen am Bach, im Wald, im Dorf, irgendwelche Trupps sind ständig unterwegs. Die Zwischenschritte und Ergebnisse, Erlebnisse und Aufnahmen werden fotografiert, gefilmt, in den Computer eingegeben, so wird hier schreiben gelernt, oder anderen vorgelesen, gerechnet, vorgeführt und dargeboten. Wir haben mit Erstaunen gesehen mit wie wenig Überbau eine Schule auskommt, die sich nicht ständig mit Standards, Kompetenzen, jahrgangsübergreifendem, testgeplagtem Inhalt herumschlagen muss:
Hier geht die volle Energie in die Kinder, in die Auseinandersetzung mit der Welt, in die Ausbildung. 70 Prozent der Schüler gehen später in einem wissenschaftlichen Bereich arbeiten oder studieren. Unsere Arbeit mit Science, Naturwissenschaft, Technik und Mathe, Lernwerkstatt und Handlungsorientierung, die wir in Bremen mühevoll in den Stundenplan einflechten müssen, wurde an dieser Schule hervorragend bestätigt. Zum Abschied grüßte uns ein noch an der Schulfront aufgehängtes Plakat, welches sich mit vielen anderen Schulen des Landes solidarisch erklärte in ihrem Einsatz gegen die staatlichen Sparmaßnahmen, von denen spanische Schulen verstärkt betroffen sind. Wir halten den Kontakt, denn der Besuch hat sich gelohnt!

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