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BildungsgerechtigkeitDie Erste aus der Familie an der Uni

Initiative „Arbeiterkind.de“ hilft jungen Leuten aus Nichtakademiker-Elternhäusern beim Studium

 

16.11.2020 - Matthias Holthaus

Nach der Schule ein Studium beginnen – für viele junge Erwachsene ist das ein vorgezeichneter Weg: Haben die Eltern doch ebenfalls studiert und zeigen dem Nachwuchs damit, wohin die Reise gehen könnte. Was ist aber, wenn es noch nie jemanden mit Hochschulstudium in der Familie gab? „Ich bin die Erste aus unserer Familie, die studiert hat“, sagt zum Beispiel Annika Betkowski, die sich in der Initiative „Arbeiterkind.de“ engagiert. Die Initiative setzt sich dafür ein, Schülern die Möglichkeit eines Hochschulstudiums näherzubringen.

Unbekanntes Milieu

Für Kinder aus Akademikerfamilien ist es meistens Alltag, sich mit Bildung auseinanderzusetzen und durch die elterliche Berufswahl an die Berufswelt der Hochschulgebildeten herangeführt zu werden - Schlüsselkompetenzen werden vermittelt und sicherlich spielt auch oftmals Geld eine Rolle. Doch schauen wir uns einmal meinen eigenen Werdegang an: Mein Vater war Maschinenführer, meine Mutter Hausfrau. Die Hilfe bei den Hausaufgaben endete mit der 7. Klasse und als ich von zu Hause auszog, besaßen meine Eltern kein einziges Buch. In der Verwandtschaft, unter den Freunden meiner Eltern oder in der Hausgemeinschaft gab es niemanden, der studiert hat, sodass ich niemals die Möglichkeit hatte, dieses Milieu kennenzulernen. Als ich dann an der Uni Bremen mein Studium der Politikwissenschaft aufgenommen hatte, fühlte ich mich vollkommen überfordert und allein.

Keine Chancengleichheit

Es ist also für viele Neustudierende und solche, die es werden wollen, eine mehr oder weniger fremde Situation, und der Einwand, den ich mehrfach hören musste, dass nämlich jeder Mensch die gleichen Chancen habe, ist so erst einmal nicht aufrechtzuerhalten. Dass aber wenigstens annähernd Chancengleichheit entsteht, dafür tritt „Arbeiterkind.de“ ein. 80 Gruppen gibt es bundesweit, davon je eine in Bremen und Bremerhaven. Die Aktiven dort informieren in Schulen oder auf Messen und derzeit meist online über die Möglichkeiten des Studiums, erzählen von ihren eigenen Erfahrungen und zeigen Möglichkeiten der Finanzierung auf, etwa durch Stipendien. Und sie wollen auch als Vorbild für diejenigen dienen, die eventuell als erstes Familienmitglied studieren wollen.

Alles in Eigenregie

Bei ihrem ersten Studium der Biotechnologie an der Hochschule Bremen habe Annika Betkowski gemerkt, dass sie mit ihren Eltern weder über Studieninhalte diskutieren noch Hilfe beim Rechnen erwarten könne: „Das war ein Unterschied zu denen, deren Eltern das Gleiche studiert haben“, erzählt sie, „da haben die Eltern dann auch fachlich geholfen.“ Wobei das nicht gänzlich ein Nachteil gewesen sei: „Dadurch habe ich alles von der Pike auf gelernt.“ Sie habe Bafög erhalten, viele andere jedoch nicht: „Es gab da schon Leute, die ihre eigene Wohnung und Taschengeld von ihren Eltern bekommen haben“, erzählt sie. „Ich habe neben dem Studium gearbeitet und ab dem zweiten Semester auch alleine gewohnt. Ein Studium in einer teureren Stadt wie zum Beispiel Berlin hätte ich mir trotz Job und Bafög ohne finanzielle Unterstützung meiner Eltern schwer vorstellen können – und darauf wollte ich nicht angewiesen sein.“

Hinweis auf Stipendium

Vivien Walura studiert derzeit Produktionstechnik an der Bremer Uni. „Zu Beginn hat man schon gemerkt, dass andere Mitstudenten Ingenieursväter haben. Denen wurde dann schon mal geholfen“, sagt sie. Zu Beginn ihres Studiums habe sie immer gearbeitet - „nicht, weil ich es musste, denn ich habe immer die Unterstützung meiner Familie erhalten. Doch ich hatte das Gefühl, dass, wenn ich mir ein Studium erlaube, ich es auch vor mir rechtfertigen muss. Und dass ich nicht von meinen Eltern abhängig bin.“ Arbeit und Studium, das sei dann doch sehr belastend gewesen. „Und dann habe ich mich an ,Arbeiterkind´ gewandt, weil ich neben der Arbeit nicht wusste, wie ich mein Studium sonst noch finanzieren kann. So etwas wie ein Stipendium hatte ich gar nicht auf dem Schirm.“ Das habe sie sich auch nicht zugetraut und auch ihre Eltern hätten von der Möglichkeit eines Stipendiums nichts gewusst.“ Sie habe sie sich dann um ein Deutschlandstipendium beworben, erzählt sie: „Das habe ich dann bekommen – mit Hilfe von ,Arbeiterkind.de´.“