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Be-greifen

"Die Entwicklung des Menschen wird von derjenigen Umwelt optimal gefördert, die eine Mannigfaltigkeit wohldosierter Reize gewährleistet. Ungeachtet der Frage, ob diese Reizwelt von physischen oder sozialen Verhältnissen und Faktoren aufgebaut ist - die Vielgestaltigkeit der Umwelt ist Lebensbedingung."

Ein Wirrwarr der Begriffe schwebt administrativ gefordert über den Köpfen der Pädagogen im aktuellen Bremer Reformschulwesen: Förderung, Inklusion, Binnendifferenzierung, Individualisierung, Heterogenität...

16.07.2011 - von Wilfried Meyer

Das Bildungssystem scheint reformiert in Teilen der Struktur, ist aber von Bedingungen und Inhalten oft noch weit entfernt, diese müssen folgen. Trost: Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Alter guter Wein trifft oft nur auf neue Schläuche, Reformpädagogik auf Neurobiologie, Montessori meets z.B. Hugo Kükelhaus.
Meets Hugo wen? Hugo Kükelhaus.

Das Bewusstmachen von Sinnen wäre (wieder) angesagt, die Zurückdrängung einseitigen Kopflernens, die heutige Betonung von akustischen und visuellen Wahrnehmungen zu erweitern auf eine ganzheitliche Sicht des Körpers und dessen Lernprozesse. Eigentlich so vorgesehen von der Natur im Schmecken, Fühlen, Riechen, Gleichgewicht, Hören und Sehen und gehirnmäßiger Verarbeitung. Ein „Versuchsfeld zur Organerfahrung“ (Kükelhaus) wurde von ihm entwickelt. Forscher sprechen in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen schon seit den 60ern von einer „ fortschreitenden Ent-Sinnlichung im Denken und Handeln, von einer äußerlichen Disziplinierung, von „Lebensentzug“, von einer „Abtreibung“ an Sinnesbewusstsein und Körpergeschick, ( fragt einmal die Sportlehrkräfte), vom „homeless mind“ usw. Die innere Natur unserer Körper wird denselben Prinzipien der Beherrschung zu vorgegebenen Zwecken unterworfen wie die äußere Natur, die von der neuzeitlichen Ökonomie nur als Ressource und Kraftquelle oder als Randbedingung und Störfaktor bzw. Abfall zur Kenntnis genommen wird.“
Vielleicht etwas altbacken formuliert, aber doch treffend im Inhalt.
Dem setzte Hugo Kükelhaus (1909-1984) als Projekt die Stationen des Erfahrungsfeldes der Sinne entgegen.
Vieles davon (siehe Aufzählung unten) finden wir heute in Mitmachmuseen und Science-centern wie dem Universum, oder in öffentlichen Parks und verwirklicht in Spiel- und Sportgeräten wie die Balancierscheiben. Und es ist in Schule durch Lernwerkstätten, Werkstätten, Lernumgebungen, Schulhöfe und räume praktikabel gemacht oder sinnvoll machbar:
Kettenstege, Trittsteine, Pendel, Luftschraube, Helix, schwingende Balken, Balancierscheiben, schwingender Gesteinsblock, Schaukeln, Seile zum Schwingen, Pirouettenscheiben, Schule des Gehens, Kräutergarten, Duftorgel, Labyrinth, Summstein, Sonnenuhr, klingende Steine, Riesen-Gongs, Resonatoren, Prismen und, und damit zum Thema: Die „Greifende Hand“, die Formen, Oberflächen, Strukturen, Materialien, Tasttafeln erkundet und bei verbundenen Augen dem spielerischen „verstecken-entdecken, verhüllen-enthüllen“ entspricht.
Das Auge bleibt verborgen, um dem Tastsinn Raum zu geben und nicht zuvor zu kommen wie so oft. Der Unterschied von Zugreifen (Druck und Temperatur) und vorsichtigem Betasten ( Fingerspitzengefühl) wird offensichtlich, Widersprüche werden begreifbar gemacht wie rau-glatt, hart-weich, starr-elastisch, dicht und locker. Die Hand kann formen, z.B. Ton und damit gestalten.

Nach Kükelhaus hat die Hand eine selbsteigene Urteilsfähigkeit, ist für ihn „das äußere Gehirn“.
Wer liebt als Kind nicht Fadenspiele und Klatschspiele mit den Händen, welche von den Kindern in affenartiger Geschwindigkeit gespielt und gesprochen werden. Das wirkt erfrischend: „Was uns erschöpft, ist die durch Gleichförmigkeit erzwungene Nicht-Inanspruchnahme der Vielfalt unserer körperlichen und sinnenhaften Fähigkeiten und Kräfte. Was uns erfrischt und aufbaut, ist deren Inanspruchnahme. Inanspruchnahme wodurch? Durch die Herausforderung von Seiten vielerlei mit Unsicherheiten und Wagnissen verbundener Hindernisse. Was uns er-schöpft (leer macht), ist deren Nichtbeanspruchung….“ Was folgert er daraus und woraus ergeben sich höchst aktuelle Forderungen? Öffentlich benötigt sind Gelegenheiten zum sinnhaften Umgang mit Erscheinungen, durch die die Gesetze der Polarität, der Symmetrie, der Periodik, des Magnetismus zu unmittelbarer Leibwirksamkeit anschaulich werden.
Benötigt sind solche Anlagen, um als Studienstätten für den Bau von Kindergärten, Heimen, Schulen, Bauten des Heilwesens, von Fabriken, Büros und Universitäten und –nicht zuletzt- des Wohnens zu dienen.

Unser Unterricht!

Unter solchen Bedingungen erfordern Inhalte wie Sport, Werken, Experimentieren, Kunst, Theater, Naturerfahrungen in Schulgärten, Projektarbeit, Werkstättenarbeit einen viel höheren Stellenwert als bei der jetzigen Beschränkung auf sogenannte Kernfächer wie Mathematik und Deutsch. Was wir erleben ist eine erneute Abwertung der Handarbeit gegenüber der Kopfarbeit, Lernen als Zusammenspiel aller Fähigkeiten des Menschen gerät aus dem Blick. Oder warum betont z.B. die neu gegründete Werkschule den Anteil der praktischen Arbeit für Kinder, die sonst durchs Schulsystem fallen würden oder gefallen sind?
Hier stimmen die Verhältnisse nicht.
Jedes eigene Entdecken, Fragen, Forschen mit Herz, Hand und Verstand ist der Abstraktion von Arbeitsblättern und sogenanntem theoretischen Lernen vorzuziehen. Die Bezeichnung Bulimielernen von Studenten für „gelernte“ Inhalte, die gleich wieder ausgespien werden, hat diesen Hintergrund. Lernen braucht einen Sinn, eine Emotion, eine Eingebundenheit. Dafür muss Pädagogik und natürlich besonders die Förderpädagogik, die doch gar nicht von der anderen getrennt werden kann, stehen.
Politik und Behörde muss den Rahmen für pädagogische Arbeit schaffen und endlich auch umsetzen, wofür sie schon 2007(!) und 2008 von der externen, selbst finanzierten, Evaluation durch das Institut Seidel (Überlingen) aufgefordert wurde und auf die sich die Behörde in der sogenannten „Rahmenplanung“ selbst bezieht:

„10. Unterricht individualisieren, Teamarbeit fördern, Lernwerkstätten für Lehrerinnen und Lehrer einrichten“ und weiter: „ Viele Kollegien brauchen dringend interne und externe Fortbildungen unter den Schwerpunkten Teambildung unter den Kollegen, Individuelles und Kooperatives Lernen der Schüler, Regeln und Rituale für Lehrer und Schüler:

  • Kollegiale Hospitation
  • Umgang mit „schwierigen“ Kindern
  • Förderung der Sprachkompetenz im Fachunterricht (nicht nur in Deutsch!)
  • Innere Differenzierung und individuelle Förderplanung
  • Offene Unterrichtsformen (z.B. Projekte, Werkstätten, Stationen)
  • Forderung der leistungsstarken Kinder durch zusätzliche Angebot
  • Abstimmung von besonderer Einzel- und Gruppenförderung, für die die Schüler von ihrer Klasse getrennt werden, mit dem Normalunterricht
  • Kunst + Musik + Sport + Theater + Natur + Stadt als Motor für die Entwicklung der Kernkompetenzen gerade von belasteten und von leistungsstarken Kindern.
  • Selbsthilfe für Schulen in sozialen Brennpunkten – Ein bundesweites Netzwerk für „Schulen in kritischer Lage“
  • Pädagogische Werkstätten zur Erarbeitung von anregenden Arbeitsmaterialien zum Selbständigen Forschen und Arbeiten (Überwindung der Arbeitsblattmonokultur!)
  • Ein „pädagogischer Atlas“ mit gelungenen Beispielen aus Bremen, Hamburg und Niedersachsen“


Wenn das auf vielen Ebenen be-griffen und gehandelt würde, hätten wir schon viel gewonnen für Integration und Inklusion. Es muss aber in die Hand genommen werden und nicht nur in den Mund oder die Ohren.

Und: Überlasst die Entscheidungen über Schule den Pädagogen, nicht Politikern oder Geschäftsleuten (Diane Ravitch,The death and life of the Great American School System)

Informationen:

  • Rahmenplanung, Herausgeber: Der Senator für Bildung und Wissenschaft, August 2006
  • Evaluationsbericht 2006, http://www.mehr-dazu.de
  • Hugo Kükelhaus, Rudolf zur Lippe: Entfaltung der Sinne, fischer alternativ, August 1982 Siehe auch: www.hugo-kuekelhaus.de
  • Diane Ravitch, The death and life of the Great American School System, 2010
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