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IdentitätspolitikAbwege eines postmodernen 'Großdenkers' oder: Foucault in Teheran (I)

Wie der Kritiker der 'Disziplinargesellschaft' auf die Verheißungen der iranischen Ayatollahs hereinfiel – und was das über sein Werk aussagt.

 

 

 

16.07.2021 - Werner Pfau

Nachdem im Laufe des Jahres 1978 im Iran Massenproteste gegen die Herrschaft des Schahs aufbrandeten, machte sich ein Grüppchen französischer Intellektueller auf, um über die politischen Unruhen vor Ort zu berichten. Das ölreiche und geostrategisch relevante Land war gewissermaßen umkämpftes Gebiet im Kalten Krieg. Shah Reza Pahlevi, nach der Beseitigung des reformwilligen Mossadegh 1957 von den USA als Statthalter westlicher Interessen eingesetzt, sah dem Ende seiner Herrschaft entgegen. Ein Machtwechsel wäre, ähnlich wie im Falle Kubas, von weltpolitischer Bedeutung. Zudem knüpften sich linke Revolutionshoffnungen an die Ereignisse. Im Unterschied zu Kuba fühlten sich jedoch besonders diejenigen angesprochen, die von einem Dritten Weg jenseits des östlichen und westlichen Systems träumten: Einer Revolte unter islamischen Vorzeichen. Als deren charismatische Symbolfigur galt der im Pariser Exil lebende Ayatollah Khomeini. Seine Bewegung brauchte zum landesweiten Erfolg den Schulterschluss mit linken sowie anderen säkularen Kräften und gab sich – einstweilen – diskussionswillig.

 

Auf der Suche nach Spiritualität

Mit besonderer Begeisterung berichtet Michel Foucault, damals schon prominenter postmoderner Theoretiker, über die Protestbewegung, deren Inspiration sich in seinen Augen aus religiösen Quellen speist. Seine Reportagen in renommierten Blättern wie Le Monde würdigen wohlwollend das theokratische Gedankengut, das von Khomeini und seiner ideologischen Entourage verbreitet wird. Er lobt das philosophische Sprachrohr der Bewegung, Ali Shariati, und darf auch beim Ayatollah selbst in dessen Pariser Wohnung antichambrieren. Treuherzig schreibt er: „Eine Sache muss klar sein: Mit islamischer Regierung meint niemand im Iran ein politisches Regime, in dem Kleriker die Aufgabe von Überwachung und Kontrolle hätten.“ Speziell in der schiitischen Ausprägung des Islam sieht Foucault das ideologische Potential für eine neue Form der Rebellion jenseits europäischer Muster. Anstelle von Parteien oder politischen Ideen liege die Antriebskraft der Revolte in einer Art  'politischen Spiritualität'. Das utopische Bild einer vom Imperialismus befreiten Gesellschaft scheine darin auf; eines Gemeinwesens fernab der von Foucault gehassten westlichen Formen.

 

Verheißungen

Das ist auch genau der Eindruck, den die gelehrte Propaganda Khomeinis erzeugen will: Kein frömmlerisch verbrämter Feudalismus wie in Saudi-Arabien sollte nach dem Umschwung entstehen, sondern ein demokratischer und toleranter Islam die Macht übernehmen, so verspricht etwa Ali Shariati. Auf derartige Verheißungen fallen nicht wenige iranische Linke herein, beteiligen sich an der Vertreibung des Shahs und finden sich einige Monate oder Jahre später in den Folterkellern des Regimes wieder. Foucault kann letzteres nicht passieren – er weilt in der Zeit, wo Oppositionelle drangsaliert und exekutiert, Frauen unters Kopftuch gezwungen, Homosexuelle an Baukränen aufgehängt und Freigeister ausgepeitscht werden, wieder im sicheren Frankreich.

 

Gegenwind

Dabei erntet seine Parteinahme für die Mullahs durchaus Widerspruch. So kritisieren ihn Leute wie der marxistische Islamwissenschaftler Maxime Rodinson vom Standpunkt jener aufgeklärten Religionskritik, die Foucault freilich längst als 'westlichen' Diskurs verworfen hat. Zu denen, die sich von den Sirenenklängen der schiitischen Revolution ebenfalls nicht einlullen lassen, gehört Atoussa H., eine iranische Feministin. In einem bekannt gewordenen Leserbrief, vom November 1978, macht sie ihrem Ärger über Foucaults Lobreden Luft. Sie schreibt: „Es scheint, für die westliche Linke, der es an Humanismus fehlt, ist der Islam erstrebenswert. (…) Viele Menschen aus dem Iran, wie ich, sind besorgt und verzweifelt bei dem Gedanken an eine islamische Herrschaft. Überall außerhalb des Iran dient der Islam als Fassade für feudale oder pseudorevolutionäre Unterdrückung. (…) Die Linke sollte sich nicht durch eine Kur verführen lassen, die am Ende schlimmer ist als die Krankheit.“

 

Abwehr und Schweigen

Der Kritisierte reagiert zunächst abwehrend. Gegen Atoussa H. greift er zu einer Taktik, die später von postmodernen Linken noch oft gegen Menschen aus islamischen Ländern, sofern diese Religionskritik üben, angewandt werden wird. Er, der europäische, selbst  säkular gesinnte Beobachter, wirft ihr, einer gebürtigen Iranerin, 'Hass' auf den Islam vor und belehrt sie darüber, dass dieser in den nächsten Jahren zu einer 'essentiellen' Kraft würde. Doch je brutaler die neue Herrschaft im Iran wütet, je deutlicher sie ihren repressiven Charakter manifestiert, desto schweigsamer wird er und seine Begeisterung scheint dann doch zu erlahmen. Zwar erhebt er noch einmal die Stimme zum verhaltenen Protest gegen Massenexekutionen Oppositioneller. Vom Sommer 1979 bis zu seinem Tod 1984 datiert indes sein 'absolutes Verstummen' (Georg Stauth). Er schweigt zum Iran, obschon er öffentlich aufgefordert wird, Rechenschaft über seine diesbezüglichen Irrtümer abzulegen. Erst dass er sich dem verweigert, macht aus einem intellektuellen Versagen auch ein menschliches.

 

Im Pantheon

Atoussa H. ist heute vergessen, Foucault längst ins Pantheon des französischen Geistes aufgestiegen. Wie üblich bei einem 'Großdenker' wird diese Phase in seinem Werk entweder launig als 'iranisches Abenteuer' (Stauth) verniedlicht – wobei die Wortwahl suggeriert, dass ausgerechnet er irgendein Risiko eingegangen wäre – oder als moralischer Fehltritt ohne Bezug zum theoretischen Werk entsorgt. Apologetisch wird gefragt, ob man dem Verblichenen Irrtümer einer halben Generation aufbürden dürfe. Nun ist niemand verpflichtet, klüger als die Mitwelt zu sein. Aber ausgerechnet von einem, der seinen Ruhm auf die vermeintlich schonungslose und subtile Kritik an Disziplinarmacht und Herrschaftsdiskursen gegründet hat, hätte zumindest wissenschaftliche Distanz gegenüber der Ideologie des schiitischen Gottesstaates erwartet werden können. Warum er sie nicht aufbrachte – und inwiefern sein Irrtum vielleicht sogar durch die Widersprüche seiner Theorie vorgezeichnet war – diese Frage haben die Historikerin Janet Afary und der Soziologe Kevin Anderson erforscht.

 

Kritik an Disziplinierung und

Herrschaftsdiskursen

Foucault hatte seit den sechziger Jahren in Studien zur Entstehung der Klinik und des Gefängnisses die These vertreten, der europäischen Entwicklung von Aufklärung und Emanzipation des Individuums läge ein Prozess tiefgreifender und totaler Disziplinierung zugrunde. Während Herrschaft in der Gesellschaft des Mittelalters den Beherrschten noch eher äußerlich geblieben sei, schreibe sie sich dem Untertanen der Moderne gewissermaßen als verinnerlichte Routine ein. Was zunächst in Institutionen wie der Klinik seit dem Ende des 18. Jahrhunderts an Konzepten der Verhaltenssteuerung erprobt wird, breitet sich aus und schließt sich zum gesamtgesellschaftlichen 'Kerkersystem' zusammen. Die Analyse dieser 'Disziplinargesellschaft' steht im Zentrum seines Werkes. Ihr gegenüber blamiert laut Foucault die liberale Beschwörung individueller Freiheit sich als hohle Phrase. Denn vom vorab untergründig disziplinierten Individuum habe die Macht nicht mehr viel zu fürchten. In seinen letzten Jahren wendet er seine Aufmerksamkeit dem sexuellen Begehren zu, das er als Produkt von Machtstrategien versteht. Mit dem Arsenal der Biopolitik, einem von ihm geprägten Begriff, werden u.a. die reproduktiven Verhaltensweisen der Gesellschaft gesteuert. Wie immer die einzelnen Thesen nun zu beurteilen sind, der ganze Apparat an Kategorien hätte auch beim schiitischen Gottesstaat in Anschlag gebracht werden können.

 

Gottesstaat als

'Disziplinargesellschaft'

Denn auch die Ideologie des Islamismus kennt eine biopolitische Indienstnahme der Körper, nicht zuletzt des weiblichen Körpers als reproduktiver Funktion zum Erhalt des Ganzen. Sie kennt Disziplinierungsmittel wie den Schleierzwang, die Verpflichtung zur patriarchalen Familie, die Sanktionierung abweichenden sexueller Begehrens - gerade hier hätte das machtkritische Sensorium Foucaults reichlich Anregungen gehabt, um anzuschlagen. Das autoritäre Staatsverständnis, die Propaganda des Märtyrertums, die Kontrollgewalt der Revolutionsgarden über abweichendes Verhalten, der Antisemitismus als regierungsamtlicher Diskurs – manches war 1978 nur zu erahnen, einige Monate später jedoch deutlich zu erkennen. Atoussa H. war von Anfang an klarsichtig genug, hingegen Foucault, der machtkritische 'Meisterdenker', im Angesicht all dessen mit theoretischer Blindheit geschlagen. Sie wurzelte in einer Verblendung, so die These von Anderson und Afary, in die er sich bereits Jahre zuvor im Ringen mit den Widersprüchen seines Werks hineinmanövriert hatte.

 

Das schöne 'Andere'

Foucault war zu stark in einem 'umgedrehten Orientalismus' (Rainer Forst) befangen, der Faszination für den 'schönen Wilden' im schiitischen Gewand, als dass er die Strategien der Disziplinierung und Machterweiterung in der Herrschaft der Mullahs hätte entdecken können. Da die Disziplinargesellschaft ihm ein Produkt westlicher 'Diskurse' war, avancierte der Orient spiegelbildlich zum schlechthin 'Anderen' der düster-verhängnisvollen europäischen Entwicklung. Es ist, um im Jargon der Postmoderne zu reden, ein Akt von positivem 'Othering', der da vollzogen wurde. Den Weg dazu eröffnete Foucaults Anschluss an die Vernunftkritik Nietzsches. Ihr wird nicht, wie bei Adorno, das Umschlagen von Aufklärung in Herrschaft zum Problem, sondern der Geltungsanspruch des Denkens an sich. Entsprechend sieht Foucault 'den Gegensatz zwischen dem Wahren und dem Falschen selbst' als eine willkürliche diskursive Setzung der griechischen Philosophie seit Platon. Die menschliche Fähigkeit zum logischen Unterscheiden setzt er zur bloßen westlichen Konvention herab und verknüpft sie zudem mit Disziplinierung und  Kolonialismus. Im Gegenzug erscheint ihm eine politische Einheit, welche sich vermeintlich spontan, nämlich ohne differenzierende Denkprozesse herstellt, auf einmal erstrebenswert: Spiritualität heißt das Zauberwort einer solchen vernunftkritischen Wende zur Esoterik.

 

Im zweiten Teil des Artikels werden Foucaults Konzepte von Macht und Diskurs kritisch beleuchtet.