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Turbo-Abi? Nein danke!

Im Juni führte der SSR, die Bremerhavener Stadtschülervertretung, eine Veranstaltung mit Birgitta vom Lehn durch, die dort ihr Buch „Generation G 8“ zur Diskussion stellte. Seltsamerweise wird ja im Land Bremen zu G 8 vorzugsweise beredt geschwiegen. Angeblich ist alles geregelt.

16.07.2011 - von Eberhard Pfleiderer (scheidender Verbindungslehrer zum SSR)

Dabei ist für die landbremischen G 8-Schüler nichts, aber auch gar nichts geregelt: Explodierende Stundenpläne gepaart mit ungekürzten Lehrplänen, extrem langer Unterricht bis zu 10 Stunden am Tag in den Mittelstufe; Arbeitstage für Schüler, die länger sind als die ihrer Eltern (!), anschließend obendrauf noch Hausaufgaben, Bulimie-Lernen als Regelzustand, vermehrter Griff zu Konzentrations- und Beruhigungspillen, Turbo-Abi-Klassen mit gut und gerne 30 Schülern, eine boomende Nachhilfeindustrie, wegbrechende Zeit für Freundschaften, Muße und Hobbys. (Beispiel: Am 24.5. meldete die „Nordsee-Zeitung“: „Orchester in Schulen akut gefährdet. Das liegt an der Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre.“)
Denselben Stoff bei um ein Jahr verkürzter Schulzeit lernen – das kann nicht bei allen Schülern klappen, nämlich genau bei denen nicht, die das Abi sonst gerade noch geschafft hätten. Natürlich gibt es Schüler, die mit dem Turbo-Abi keine Probleme haben, vor allem wenn deren Eltern ihnen beim Lernen helfen können oder mit viel Geld helfen lassen? Die Kinder der Nichtbegüterten fallen dann der Selektion anheim. Ihnen bleiben die „Ehrenrunden“ oder sie werden das Gymnasium irgendwann in Richtung Oberschule verlassen dürfen. Soziale Selektion konkret.

Auch wenn man dem Forschungsergebnis des Münchner Begabungsforschers Kurt Heller nicht ganz folgen mag, wonach 25 % aller Gymnasiasten für G 8 nicht geeignet sind, wird die selektive Tendenz des Turbo-Abis überdeutlich. Sogar das Bayerische Kultusministerium sah sich neulich genötigt, schnell noch seine Abi-Bedingungen herunterzuschrauben – sonst wären dort zu viele G 8-Schüler durchs Abi gefallen.
Was geschieht mit der Freizeit der G 8-Schüler, fragte der SSR. Im Zeit-Dossier vom 30.5. schrieb der Journalist Henning Sußebach in einem Brief an seine 10-jährige Tochter über seinen Feierabend: „Ich will nicht frei haben, solange du noch arbeitest. Ist das nicht verrückt? Irgendjemand hat die Welt verdreht!“ Eigene kritische Anschauungen entwickeln und ausprobieren, sich Zeit nehmen, auch im Unterricht – alles Qualitäten, die offenbar nicht mehr gewollt sind.
Angestrebt wird der angepasste Hochgeschwindigkeitsschüler. Und verrückter weise soll der G 8-Schüler genau dann am meisten und schnellsten lernen, wenn er in der Pubertät steckt.
Der Bremer Bildungssenat allerdings ist der Meinung, eine Lösung schon gefunden zu haben; Karla Götze, die Pressesprecherin der Senatorin, lässt in der Nordsee-Zeitung vom 2.Juni verlauten: „Das Gymnasium biete das Abitur nach zwölf Schuljahren an, die Oberschule nach 13 Jahren. Beim Übergang von Klasse vier nach fünf haben Eltern und Schüler die Wahl.“
So einfach macht sich das Frau Jürgens-Pieper. Der SSR fragt: Nöte existieren bei den G 8-Schülern im Lande Bremen also nicht? Und wer mit 10 aufs Gymnasium wechselte ohne genau zu wissen, was auf ihn zukommt, hat also persönlich Pech gehabt, wenn er G 8 nicht schafft?
Als der SSR die Senatorin zu einer Turbo-Abi-Veranstaltung nach Bremerhaven einladen wollte, lehnte sie es kategorisch ab, während der Unterrichtszeit vor Schülern zu. Aber wann ist das in den Zeiten von G 8? Nach der 10. Stunde? Bei angenehmeren Schulveranstaltung lässt sich die Senatorin aber gerne auch vormittags blicken, musste der SSR feststellen. Außerdem mailte sie dem SSR, für sie sei G 8 problemlos, weil im Land Bremen „eine Wahlmöglichkeit“ besteht. So weit zum Problembewusstsein der Senatorin.
Da ist Schleswig-Holstein schon entschieden weiter: Dort können jetzt die Gymnasien selbst entscheiden zwischen G 8 und G 9; auch ein Nebeneinander beider Formen an einer Schule ist möglich. Einen ähnlichen Weg geht inzwischen auch Nordrhein-Westfalen.
Der SSR möchte, dass sich auch im Land Bremen etwas bewegt in Sachen Turbo-Abi! Am besten fände er es, wenn Frau Jürgens-Pieper den G 8-Unsinn zurücknehmen würde. Bis dahin muss aber sofort eine Lösung für die gegenwärtigen G 8-Schüler her. Und auch die GEW sollte sich zum Bremer Turbo-Abi offensiver äußern als bisher, mahnt der SSR an.
Deshalb stellt er folgende Forderungen und möchte damit erreichen, dass sich vor Ort endlich eine breite öffentliche Diskussion entwickelt:

Forderungen:

Forderungen des SSR :

  • Abschaffung des Turbo-Abis
  • Rückkehr zur individuellen Schnellläufer-Regelung
  • Die Aufteilung in ein Turbo-Abi an Gy und ein Abi nach 13 Jahren ist keine Lösung

Bevor das Turbo-Abi abgeschafft ist, fordert der SSR:

  • Lehrpläne für das Turbo-Abi kürzen
  • Gesamtstundenzahl für das Turbo-Abi herunterfahren
  • Weniger Schüler in den Turbo-Abi-Klassen

Forderungen, die sofort Bremerhaven-intern erfüllt werden können:

  • Der Turbo-Nachmittagsunterricht darf nicht nur LERN- Unterricht sein (Umstellung der Unterrichtspläne)
  • Keine Hausaufgaben nach dem Turbo- Nachmittagsunterricht
  • Schüler/innen mit Turbo-Leistungsproblemen nicht einfach aus der Schule entfernen (keine Selektion, sondern Förderung!)
  • Warme Mahlzeiten während der Schulzeit
  • Mehr Raum für Freizeit-Aktivitäten der Schüler/innen geben (für Sport in Vereinen, Musik, Ehrenamtliche usw.)
  • Für Turbo-Abi-Schüler/innen MUSS es nach der 9. Klasse einen formalen ABSCHLUSS geben!
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