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Kernfragen der GEW Bremerhaven Teil 1Nach dem Spiel ist ... nicht nur vor dem Spiel

Eine Fußballmannschaft unter dem Eindruck bremischer Bildungspolitik –

Ein Problemaufriss

 

16.05.2019 - Bernd Winkelmann

Nun gut, es hat einiges an Zeit, sicherlich ebenso an Argumenten nicht ohne spitze Repliken gebraucht, bis sich die Einschätzung stabilisierte, auch Lehrerinnen und Lehrer würden (genügend) arbeiten. Tauschen möchte von den Beteiligten eigentlich niemand, was nicht nur daran liegt, dass in unserer Altersklasse, wir sind mittlerweile in der Seniorenliga angekommen, niemand mehr ohne Not den Job wechselt und sich alle, um sportlich zu bleiben, auf der Zielgeraden ihrer beruflichen Laufbahn befinden.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Beim letzten Bürgerbegehren des Bildungsbündnisses, als es insbesondere darum ging, eine bessere Ausstattung der Schulen und Einrichtungen mit Personen und Material zu fordern, sie also schlicht besser auszustatten, haben alle Mitglieder des Teams unterschrieben; das war schon 2009.

Vom Torwart bis zum Linksaußen, letzteren haben wir in der klassischen Form eigentlich gar nicht mehr, wir spielen nämlich Kleinfeld und das erfordert eigene taktische Formationen, sind nämlich die letzten Plätze nicht verborgen geblieben. Und Tabellen können Fußballfreunde und –freundinnen lesen, egal ob Bundes- oder Kreisliga darüber steht – oder eben „PISA, Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich“.

Gleichfalls ist man an den Detailzahlen interessiert, kann einschätzen, dass 500 (PISA-) Punkte absolut gesehen eine ganze Menge ist (gerade im Vergleich zur Bundesliga, da steht man derzeit schon mit etwas über 80 Punkten an der Tabellenspitze), diese  Aussage sich in Relation zu den Daten der Konkurrenz jedoch relativiert. Die Frage nach den Ursachen für „oben oder unten“ stellt sich zudem in jeder Tabelle, unabhängig vom Wettbewerb.

Also: Letzter bleibt Letzter, man sucht nach Erklärung und wünscht sich mehr als nur Schlagwörter, ob nun in den Print- oder digitalen Medien veröffentlicht. Auch wenn dort so manches Mal verbal versucht wird, den einschlägigen Fankurven in ihrer gelegentlich derben oder vereinfachenden Sprache nachzueifern, der Begriff einer (neuerlichen) „Bildungskatastrophe“ bleibt zunächst allgemein und fordert eine präzise Betrachtung heraus.

Die im Kreise der Fußballmannschaft aufgeworfenen Fragestellungen treffen Sachverhalte, die im Großen und Ganzen berechtigte Aussicht hätten, sich auf jeder Tagesordnung eines Bremischen Gewerkschaftstages wiederzufinden – im Rahmen des Vereinshauses allerdings in eine etwas alltäglichere Sprache gefasst sind:

  • Schon wieder gibt es eine neue Schulform, die Oberschule, muss das denn sein?
  • Nun soll „Inklusion“ umgesetzt werden – kann das überhaupt klappen?
  • Wieso werden nicht genügend Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet, wenn man sie doch mehr denn je braucht?
  • Können eure Lehrerinnen und Lehrer eigentlich „Inklusion“?
  • Welches weitere Personal brauchen die Schulen?  usw.

Die daraus erwachsenen Debatten unter den Sportlern sind durchaus engagiert und nicht emotionsfrei, auch nicht nach einem aufreibenden 60-Minuten-Match (länger dauert ein Ü-50-Spiel nicht!). Unsere Gewerkschaft spielt bei alledem natürlich eine Rolle, nicht auf dem Platz, aber im Diskurs. Nach 40 Jahren im gleichen Team kennt man sich und weiß um die Einbindungen der anderen: Ihr steht doch oft genug in der Zeitung und eure Demos bewegen tausende von Leuten und dass ihr euch mit dem Parlament, der Regierung und der Presse anlegt, ist alles in Ordnung - aber: Was bringt´s? Ändert sich über die Jahre überhaupt etwas?

Damit ist eine Problematik aufgeworfen, die über die Debatten einer erfahrenen Fußballmannschaft hinausweist. Schulstrukturen, Lehrer*innenbildung, Fachkräfteversorgung und vieles mehr sind in Fachgremien wie denen unserer Gewerkschaft ebenso Gegenstand intensiver Beratungen. Und immer wieder wird hervorgehoben, dass zähe Entwicklungsgeschwindigkeiten im Prozess der notwendigen pädagogischen (und gesellschaftspolitischen) Erneuerung auf die unmittelbare Dringlichkeit der Veränderung treffen. So ist kein/e  Delegierte/r davor gefeit, sich ab und zu bei dem Gefühl zu erwischen, die Stagnation in diesem Augenblick gerade überdeutlich zu spüren.

Dieser „Was-bringt´s?“-Frage soll in einer Serie nachgegangen werden, die in dieser Ausgabe startet. Dazu wird, anhand verschiedener Themen, der Bilderbogen der letzten zwanzig Jahre aufgemacht. Zur Beruhigung aller, die ihren Fanschal nicht griffbereit haben, sei gesagt, dass es im Wesentlichen nicht um Sportergebnisse gehen wird. Dessen ungeachtet ist ein aufrichtiger Dank an die zitierte Fußballmannschaft gerichtet. Deren professionelle Sicht aus dem Blickwinkel durchaus ganz anderer Professionen als denen der Pädagog*innenschaft schärft auf alle Fälle die Argumentation.

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