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HochschulenGEW Bremen: Digitalisierung der Hochschulen zukunftsweisend und verantwortlich gestalten

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert die Hochschulleitungen und die Landespolitik auf, gemeinsam mit den Lehrenden, jetzt die Weichen zu stellen und zukunftsfähige Strukturen für die digitale Lehre zu entwickeln.

12.06.2020 - Ralf E. Streibl

Dabei müssen der Datenschutz und demokratische Mitbestimmungsrechte beim Einsatz digitaler Plattformen sowie ein gleichberechtigter Zugang zur Bildung für alle Studierenden, unabhängig von ihrer sozialen Lage zwingend gewährleistet sein. 

In Reaktion auf die Corona-Pandemie wird die Präsenzlehre an den Hochschulen durch digitale Lehrformate ersetzt. Mit wenig Vorbereitungszeit und viel Engagement versuchten die Lehrenden, kurzfristig funktionsfähige Umgebungen zu schaffen, die es den Studierenden ermöglichen, auch in der aktuellen Situation Studien- und Prüfungsleistungen zu erbringen. Dabei wurde und wird in dieser Notlage verständlicherweise improvisiert und experimentiert, um eine Struktur zu schaffen, die Lehre und Studium bis zu einem gewissen Grad möglich macht. Nunmehr gilt es jedoch, die Erfahrungen selbstkritisch auszuwerten und Schlussfolgerungen für die Zukunft abzuleiten, umso mehr als sich inzwischen abzeichnet, dass auch im nächsten Semester digitale Lehre weiterhin in großem Maße eingesetzt werden wird.

Datenschutzfreundliche Umgebungen nutzen

Im Versuch schnellstmögliche Lernumgebungen zu schaffen, wird vielerorts, so z.B. auch an der Universität Bremen intensiv die Video-Kommunikationsplattform Zoom genutzt, bei der es in der Vergangenheit große Probleme im Bereich Datenschutz und Datensicherheit gab. Zwar hat der Hersteller nachgebessert, allerdings bleibt das Manko, dass für den amerikanischen Hersteller Zoom die dortige Gesetzeslage gilt. So zwingt der 2018 verabschiedete „Cloud Act“ Internetfirmen und IT-Dienstleistern mit Sitz in den USA, dortigen Behörden Zugriff auf alle gespeicherten Daten zu garantieren – selbst, wenn diese auf europäischen Servern gespeichert sind. Gleichzeitig gibt das Gesetz der US-Regierung das Recht, derartige Daten von europäischen Servern an US-Unternehmen weiterzugeben. Ralf Streibl, Mitglied des GEW-Stadtverbandsvorstands und selbst als Lehrender an der Universität Bremen tätig, kritisiert: 

„In der Strategie der Universität Bremen werden  informationelle Selbstbestimmung, Transparenz und Sozialverträglichkeit als wichtige Aspekte in Zusammenhang mit der Digitalisierung benannt. Umso verwunderlicher ist es, wie der Einsatz von Zoom von einigen universitären Entscheidungsträgern als alternativlos postuliert wird.“

Von „Zoom“-Befürwortern wird dabei gerne angeführt, dass es in der digitalen Lehre oder in virtuellen Sitzungen von Hochschulgremien ja nicht um sensible Daten und Inhalte ginge. Dem entgegen steht jedoch, dass alle Bild- und Tonübertragungen von Kommunikationssituationen offenkundig einen direkten Personenbezug haben und dass während der Konferenz gespeicherte Metadaten in Verbindung mit der IP-Adresse oft personenbeziehbar sind – dies umso mehr, wenn Lehrende oder Fachbereiche, z.B. mit Verweis auf Prüfungssituationen, auch noch verlangen, dass Studierende die Zoom-App installieren und sich mit ihren echten Namen registrieren müssen. Absurd mutet es auch an, wenn – wie aktuell an der Universität Bremen – beschlossen wird, geheime Abstimmungen in Gremien via Zoom durchzuführen. Gremienmitglieder, die über den datensparsameren telefonischen Zugang zu Zoom regulär an der Sitzung teilnehmen, haben dann übrigens auch keine Möglichkeit zur Stimmabgabe.

Ralf Streibl, Sprecher der Fachgruppe Hochschule und Forschung der GEW Bremen, fordert die Bremischen Hochschulen auf, bei der Auswahl von Software für digitale Lehre und für Gremien- und Kommissionssitzungen an den Hochschulen auf Systeme zu setzen, die im rechtlichen Geltungsbereich der DSGVO verankert sind. Außerdem muss auf allen Ebenen das Bewusstsein für Datenschutz und die Umsetzung der Prinzipien der Datensparsamkeit und Datenminimierung gestärkt werden und der technische und organisatorische Rahmen für deren Umsetzung und Einhaltung geschaffen werden: „Die Hochschulen müssen für digitale Lehre, als auch für Videokonferenzen von Organen, Gremien und Ausschüssen auf Lösungen setzen, die rundum vertrauenswürdig sind. In Vorbereitung des nächsten Semesters muss jetzt an den Hochschulen dafür gesorgt werden, dass zukünftig eine eigene, bekennend datenschutzfreundliche und niederschwellig von allen Hochschulangehörigen nutzbare Infrastruktur bereitsteht und genutzt wird.“ 

Digitale Spaltung vermeiden

Bei der GEW Bremen mehren sich Hinweise, dass die intensive Digitalisierung der Hochschullehre in mehrfacher Hinsicht zu einer Spaltung in „Gewinner*innen“ und „Verlierer*innen“ führen könnte: So ist die Teilhabemöglichkeit der Studierenden stark abhängig von der ihnen zugänglichen Infrastruktur – angefangen von der Qualität und Bandbreite ihrer Internetanbindung über die zur Verfügung stehenden Geräte (z.B. Größe des Bildschirms) bis zur Frage, ob ein ungestörter Lernraum zur Verfügung steht. Während manchen Studierenden die Nutzung der angebotenen Materialien leicht fällt, bekunden andere, dass ihnen die offene zeitliche Strukturierung und die damit einhergehende Entgrenzung sowie die starke Reduktion sozialer Lernkontexte das Studium zunehmend erschweren. Bei der Gestaltung der Lehrveranstaltungen sollten möglichst unterschiedliche Zugänge zum Lernstoff geboten werden, um unterschiedlichen Lernstilen entgegen zu kommen. Außerdem ist bei der Gestaltung und Bereitstellung von Materialien auf Barrierefreiheit zu achten.

Diese und vergleichbare Erfahrungen müssen die Hochschulen bei der Weiterentwicklung digitaler Lehre unbedingt berücksichtigen. Die GEW Bremen begrüßt, dass die Hochschulen bereits begonnen haben, Erfahrungswerte aus dem aktuellen Semester auszuwerten. Um den genannten Risiken entgegenzuwirken müssen umfangreiche Anstrengungen unternommen werden, u.a.  durch organisatorische Unterstützung und didaktische Fortbildung der Lehrenden sowie durch unterstützende Angebote für Studierende. Der Studierendensprecher der GEW Bremen, Marlin Meier fasst die aktuelle prekäre Lage der Studierenden zusammen: 

„Bisher bleiben viel zu häufig gute Didaktik und Barrierefreiheit bei der Digitalen Lehre auf der Strecke. Und neben neuen Problemen verschärfen sich in der Corona-Krise die alten.

Jetzt kommt dazu, dass ein Drittel der Studierenden ernste Sorgen haben, weil sie in der Coronakrise ihre Jobs verloren haben, viele nicht mal die Miete und Rechnungen wie gewohnt zahlen können und ihnen als Hilfe der Politik nur noch mehr Schulden angeboten werden. Dann muss doch allen klar sein, dass gerade nur die allerwenigsten einfach “von Zuhause aus” studieren können. Auch die Uni tut noch viel zu wenig, um Härtefälle aufzufangen und ihrer Verantwortung bei der Gestaltung neuer Lernorte und -Formate gerecht zu werden.
[
Mehr Infos: www.solidarsemester.deSo ist abzusehen, dass die Spaltung entlang sozialer Unterschiede auch an unseren Hochschulen nur noch weiter vorangetrieben wird. Das Digitale Semester ist bis jetzt ein harter Rückschlag in Sachen Chancengleichheit für Studierende: Da muss dringend nachgesteuert werden!“

Für Nachfragen:

Ralf E. Streibl

Sprecher der Fachgruppe Hochschule und Forschung der GEW Bremen
Mitglied des GEW Stadtverbandsvorstands
ermail: 
gew [at] streibl [dot] org

Marlin Meier

Sprecher des Landessausschuss der Studierenden in der GEW Bremen

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