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6. Bremer Oberschultag

Am 6. Bremer Oberschultag von GEW und GGG am 23. Juni 2015 diskutierten über 110 Pädagog*innen und Eltern über die bisherige Entwicklung der Oberschule und ihre weitere Perspektive. Wir dokumentieren hier in Auszügen Reden und einige Protokolle.

16.09.2015 - Reden und Berichte

Kai Reimers, Fachgruppe Oberschule

»Bremen hat mit dem neuen Schulgesetz 2009 das im Prinzip noch aus dem Kaiserreich stammende dreibzw. viergliedrige Schulsystem überwunden und ein Zweisäulensystem aus Oberschulen einerseits und Gymnasien andererseits eingeführt. Heute haben wir an den meisten Oberschulen eine weitaus höhere soziale Durchmischung als früher. An vielen Oberschulen lernen Akademikerkinder und sozial benachteiligte Kinder- und Jugendliche Seite an Seite. Wir sprechen vom gemeinsamen Lernen in heterogenen Lerngruppen. Diese Schulentwicklung zum längeren gemeinsamen Lernen in Bremen stößt keineswegs nur auf Gegenliebe weder bei den politischen Parteien, noch in der Elternschaft und auch nicht in den Schulkollegien. Dazu kommt, dass die schulische Praxis wie immer weitaus widersprüchlicher ist, als das im Schulgesetz verankerte Modell. Denn: Auch nach dem Bremer Schulkonsens und der Einführung der Oberschule und der Auflösung der Förderzentren besteht in Bremen ein Schulwesen, das Schüler nach der Grundschule auf drei verschiedene Schulformen verteilt:
• an die Gymnasien und Privatschulen
• an die Oberschulen mit angeschlossener Oberstufe
• an die Oberschulen ohne angeschlossene Oberstufe.

Gucken wir uns das Anwahlverhalten der Elternschaft an, so stellen wir fest, dass die bildungsnahen Elternhäuser, die für ihre Kinder das Abitur wünschen, nahezu ausschließlich Privatschulen, Gymnasien oder eben die Oberschulen mit angeschlossener Oberstufe wählen. Dagegen mangelt es den Oberschulen ohne angeschlossener Oberstufe zunehmend an Kindern mit Gymnasialempfehlung. Das heißt einzelne dieser Oberschulen vor allem in sozial benachteiligten Stadtteilen entwickeln sich schon wieder zu Restschulen. Wir haben an einigen dieser Oberschulen und in einigen Klassen erzieherische Problemlagen, die einen halbwegs geordneten Unterricht kaum noch möglich machen, geschweige denn das Erreichen der Lehrplanziele und die keiner der hier Anwesenden, mich eingeschlossen, seinen eigenen Kindern zumuten würde. Wir haben also auch heute noch in Bremen trotz des Schulgesetzes von 2009 ein Schulsystem unterschiedlicher, d.h. ungleicher Bildungschancen. Wenn wir heute auf dem 6. Bremer Oberschultag gemeinsame darüber beraten, wie sich die Bremer Oberschule verbessern und weiterentwickeln lässt, dann sollten wir eines nicht vergessen: Die einzige Perspektive eines Schulsystems, die einer demokratischen Gesellschaft würdig ist und die allen Schülern zumindestens vergleichbare Bildungschancen und soziale Teilhabe gewährt, ist die der einen Schule für alle. Die Oberschule ist und bleibt nur eine Etappenlösung.«

Karlheinz Koke, GGG

»Das halbe Dutzend ist voll, die ersten acht Oberschulen werden in diesem Jahr ihre Schüler mit Abschlüssen verabschieden bzw. sie mit in die Oberstufen nehmen. Wir haben Sechs Jahre Oberschul-Entwicklung begleitet. Wenn ich sagte, mitgestaltet, wäre das sicherlich eine Übertreibung. Eher könnte man sagen, wir haben den Koll. Impulse gegeben. Damit ist ja auch schon einiges erreicht worden. Heute wollen wir ebenfalls versuchen, Ihnen Anregungen für Ihre tägliche Arbeit in den Schulen zu geben. (…) Der Focus liegt also auf sechs Jahren Oberschule, quasi einer Bestandsaufnahme. Wir wollen aber nicht bei der kritischen Reflexion stehenbleiben, sondern auch Perspektiven entwickeln, obwohl das Prozesshafte und Revisionsbedürftige des Organismus‹ Schule immer schon konstituierend für ihn ist.

Ein Begriff ist zur Zeit in Umlauf, der wie in einem Brennglas viele unterschiedliche Facetten von Schularbeit vereint, nämlich »Kultur«. Nicht die bürokratische Bedeutung wie Kulturreferat oder Kultusministerium ist gemeint. Die neuen Wortzusammensetzungen und -schöpfungen mit »Kultur« beleuchten alle unter einem speziellen Blickwinkel den jeweiligen Sachverhalt, wie: Schulkultur (eine AG heute), kulturelle Vielfalt, Kultur der Nationen, Willkommenskultur, Kulturschwärmer (unter diesem Namen ein Projekt an der Oberschule Leibnizplatz), interkulturelle Kommunikation, (sogar: spät- post- moderne Kultur der Angst) bis multi-culti etc. Es herrscht fast ein inflationärer Gebrauch des Begriffs ›Kultur‹, aber nur scheinbar, denn jedes Wort besitzt eine eigene Wertigkeit und spezifische Bedeutung. Der Begriff ›Kultur‹ beinhaltet eine Offenheit anderen gegenüber, eine Zugewandtheit, von Respekt getragen, die keine vorgefasste Meinung zulässt. So bedeutet ›cultus‹ ursprünglich (abgeleitet) bebauen, aber auch hegen, pflegen. Es gibt auch noch das Gartengerät »cultivator« mit dem der Boden bearbeitet wird. Für uns leiten wir daraus ab: wir bereiten den Boden für unsere Schüler, immer wieder neu, behandeln sie pfleglich, um ihre Entwicklung und die der Schule insgesamt, und zwar demokratisch, voranzubringen. Dann können wir immer besser und effektiver das Realität werden lassen, was umschrieben ist mit dem Satz: »Keiner bleibt zurück.«

Aus den AG-Protokollen: Ganztagsoberschule

Gruppe 1 widmete sich dem Thema »Wie kann der Ganztag eine Oberschule stärken?« und untersuchte
den positiven Einfluss von Ganztagselementen auf die Oberschularbeit. Es wurden Fragen zur / Rhythmisierung / Gestaltung der Mittagspause / Arbeit im multiprofessionellen Team (vor allem mit Sozialpädagoginnen und -pädagogen und pädagogische Mitarbeiter/-innen) / Nutzung der zusätzlichen Ganztagsstunden und verschiedener Möglichkeit ihrer Verteilung auf alle Jahrgänge / Arbeit in Kooperationspartnerschaften diskutiert und Beispiele aus der Praxis von den Teilnehmenden vorgestellt. Die Arbeit wurde in ihrer positiven Stimmung von den Teilnehmenden als konstruktiv erlebt, da Strukturen klarer wurden, neue Ideen den Blick über den Horizont erweiterten und durch die Darstellung der sehr verschiedenen Schulsituationen auch der eigene Standort deutlicher wurde. Gruppe 2 stellte sich die Frage »Was bedeutet Inklusion im Ganztag?« In der Diskussionsrunde zeigte sich, dass es an einigen Schulen noch große Unsicherheiten bezüglich der Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten insbesondere von Lehrerinnen und Lehrern sowie Sonderpädagoginnen
und -pädagogen im gemeinsamen Einsatz gibt. Es wurde in der Gruppe sehr deutlich aufgrund
der verschiedenen Professionen, wie wichtig es ist, die gegenseitigen Interessen und Bedürfnisse zu verstehen und möglichen Vorurteilen durch einen intensiveren Austausch und gemeinsamen Planungszeiten entgegenwirken zu können, z. B. mit einer neuen Präsenzzeitstruktur. Fazit: Ein gemeinsames Inklusionsverständnis aller Beteiligten muss geschaffen werden und die Basis für den Schulalltag sein. Konsens bestand im Übrigen darüber, dass Schülerinnen und Schüler mit  sonderpädagogischem Förderbedarf in der inklusiven Oberschule im Sinne einer »Schule für alle« sehr viel besser lernen können. Die Betrachtung der Herausforderungen und Möglichkeiten einer inklusiven Oberschule durch die Teilnehmenden konnte angesichts der begrenzten Zeit nicht vollständig erörtert werden. Der Bedarf an einem intensiven Austausch mit dem Wunsch nach konstruktiven Lösungsansätzen zeigte sich umso deutlicher. Die Betrachtung des Ganztages als Ressource für die Gestaltung der Inklusion war in der Diskussion sekundär. Die Umsetzung der Inklusion in der
Oberschule wird weiter ein zentrales Thema für die Schulentwicklung bleiben.

AG 3: Soziale Arbeit in der Oberschule

In Bremen arbeiten viele verschiedene Schulsozialarbeiter/innen an den Schulen. Einige sind bei dem Land Bremen angestellt, andere arbeiten für einen Schulverein, weitere sind für einen Jugendhilfeträger tätig. Eine Zusammenarbeit ist von Personen und persönlichen Kontakten abhängig, es fehlen schulübergreifende Strukturen und gemeinsame Standards. Wie kann Soziale Arbeit an Schulen entwickelt werden? Was brauchen wir? (Zeit, finanzielle Ausstattung, feste Zuweisung von
Schulsozialarbeiter/innen, Rahmenkonzept und Aufgabenbeschreibung, konstante pädagogische  Mitarbeiter/innen, Kooperationszeiten, Flexibilität, persönliche Gestaltungsmöglichkeiten, Verlässlichkeit, Mindestausstattung an Personal, Schulsozialarbeit an allen Schulen)

Was können wir tun? Wir fordern: Transparenz in der Stundenzuweisung, Schulsozialarbeit in die Bildungspläne, Entscheidung für ein Konzept, inhaltliche Arbeitsbeschreibung, Abbau prekärer Beschäftigung, Anfrage an die Bremische Bürgerschaft zu den nicht im öffentlichen Dienst Beschäftigten Schulsozialarbeiter/innen, keine weiteren Einsparung im Bildungsressort.

AG 4: Theatrale Formen in der Arbeit mit Schwerpunktklassen Inklusion

Zur theatralen Arbeit in einer Schwerpunktklasse Inklusion gibt es den Artikel »Nach halber Strecke: Eine Profilklasse ›Theater‹ 5-10 als Schwerpunktklasse Inklusion‹« in der Zeitschrift »Spiel & Theater«, Heft 195, April 2015, Deutscher Theaterverlag Weinheim. www.dtver.de/downloads/leseprobe/10495.pdf

AG 6: Verschiedene Formen von Lernentwicklungsberichten

Thema der AG war es die verschiedenen Modelle von Lernentwicklungsberichten (LEB), die es an Bremer Schulen gibt, unter den Gesichtspunkten von
• Individuelle Lernentwicklung (Was kann der Schüler?)
• Lernstandsrückmeldung in Bezug zum Referenzrahmen (Was müsste der Schüler können?)
• Verständlichkeit für Schüler, Eltern und Lehrer und
• dem Zeitaufwand zu betrachten.
Hierbei wurde schwerpunktmäßig das aktuelle Verfahren für LEB über MyFuNe, die angestrebte Neuauflage dieser Version und die individuelle Form der OS am Leibnizplatz betrachtet. Daneben gab es Anregungen ganz anderer LEB-Modelle aus dem Bundesgebiet.

AG 7: Erfahrungen und Probleme beim Aufbau der Oberstufe

Der verminderte Übergang aus der Sek. I wegen des Wegfalls von Übergängern aus den ehemaligen Schulzentren nach dem 9. Gy-Jahrgang wird noch ein bis zwei Jahre dauern. Daher sollten keine ad-hoc-Entscheidungen bezüglich der künftigen Standorte gefällt werden. Unterfrequenzen müssen großzügig toleriert werden. Die Eröffnung neuer Oberstufen verbietet sich in dieser Situation. Zum Erhalt der kleinen Fächer sind Absprachen der Region erforderlich. Vermehrte Wahlfreiheit hat in diesem Falle für die SchülerInnen den Preis, dass sie für bestimmte Kurse in die Nachbarschule fahren müssen. Die Gestaltung der Profile muss in Absprache regelmäßig überprüft werden.

Ein ausgearbeitetes Förderkonzept für die E-Phase und für den Übergang in die Q-Phase ist unerlässlich. Dabei nimmt auch in der Sek. II die Sprachförderung einen herausgehobenen Platz ein, u.a. auch die Förderung der Schriftsprachen-Kompetenz. Hierfür werden weitere Förderkapazitäten
benötigt. Die didaktischen Konzepte für die E-Phase müssen der angewachsenen Heterogenität der SchülerInnenschaft angepasst werden. Um den Übergang insbesondere von den Oberschulen ohne Oberstufe zu erleichtern, muss die stufenübergreifende Kooperation mit diesen Schulen verbessert werden. Zur Verbesserung der Absprachen wären moderierte Regionalkonferenzen, ähnlich den Verteilungskonferenzen der Grundschulen, sinnvoll.

 

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