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So sieht´s aus!

Vertreter*innen von 2/3 der Bremerhavener Schulen geben eine realistische Einschätzung zum Schuljahresstart | Auf der gestrigen (9.9.2015) Sitzung von GEW-Schulvertreter*innen aus Bremerhaven ist die Situation an den Schulen der Stadt ausführlich diskutiert worden. In diesem Zusammenhang wurde folgendes hervorgehoben:

10.09.2015 - Bernd Winkelmann

Bremerhaven – Zunächst einige Fakten:

  •  Laut Statistik des Schulamtes werden in diesem Sommer 922 Kinder in die ersten Klassen eingeschult. Im Jahre 2010 betrug die Zahl 787, das bedeutet eine Steigerung um 17,2 %;
  •  die gleiche Quelle weist 912 Jugendliche aus, die in den fünften Jahrgang eintreten. Im Vergleich zu 2012 ist dies ein Zuwachs von 9,1 %. Ein „demographischer Gewinn“, mit dem die Schulreform finanziert werden sollte, ist weiterhin nicht in Sicht. Die zu diesem Zweck veröffentlichen Prognosen bleiben falsch.
  •  In Bremerhaven haben zum 1.8.2015 insgesamt 28 Referendar*innen ihren Vorbereitungsdienst angetreten. Verglichen mit dem Beschluss der Deputation für Bildung, der 40 Ausbildungsplätze vorsah, sind damit 12 Plätze nicht besetzt, also nahezu 1/3.

Werden nicht alle Plätze ausgeschöpft, so verschärft dies die Gewinnung dringend benötigter neuer Lehrkräfte an den Schulen.

Rückmeldungen aus den Schulen

  1. Die personelle Situation an den Schulen bleibt angespannt. Von einer Vollversorgung kann keine Rede sein. Mehrere Schulvertreter*innen berichten von Fehlstunden bis zu einer Stelle pro Schule, von zugesagten Lehrkräften, die im Laufe der nächsten Wochen kommen (sollen), von fehlenden Vertretungen für Langzeiterkrankungen. Hier zeigt sich der Mangel im System: „Es gibt keine Reserven“.
  2. Es ist weiterhin nicht möglich, alle Stellen mit Kolleg*innen mit zweitem Staatsexamen zu besetzen. Viele Schulen berichten von Kolleg*innen ohne 2. Staatsexamen, welche auf den Stellen arbeiten. In Spitzen umfasst dies 20 % des Personals. Diese Kolleg*innen leisten engagierte Arbeit und ihr Einsatz ist mit Respekt hervorzuheben. Allerdings werden sie sofort ins Referendariat wechseln, wenn sie eine Ausbildungsstelle bekommen, auch wenn sie als Klassenlehrer*in eingesetzt sind. Diese Fluktuation ist nicht lernförderlich. Außerdem fehlen Lehrkräfte mit bestimmten Fachqualifikationen, dies gilt vor allem für die berufliche Bildung, Sonderpädagogik und „Deutsch als Zweitsprache“. Gefordert werden Maßnahmen des Landes, diese Mängel endlich wirkungsvoll zu beheben.
  3. Die Situation der zugewanderten Kinder und Jugendlichen bedarf deutlich größerer Unterstützung als bislang gewährt. Dies bezieht sich auf psychologische Betreuung, alltägliche Hilfen auch für Eltern, Dolmetschertätigkeiten und zügiges Vorgehen bei der Eingliederung dieser Menschen, damit ihnen das Leben in ungewohnten kulturellen Zusammenhängen gelingt. Die Schulen nehmen diese Aufgabe mit großer Sympathie für die Menschen an, gerade wenn 1/4, 1/3 oder fast die Hälfte der Erstklässler ohne Deutschkenntnisse kommen. Aber auch die politischen Stellen haben ihren Anteil zu leisten. Vor langer Zeit wurden z.B. Kinder von so genannten Spätaussiedlern 1,5-fach gezählt. Diese Regelung muss auch für die Zuwanderer heute gelten.
  4. Die Anzahl der Kinder pro Klasse steigt. Die in den Schulentwicklungsplänen zugesagten Frequenzen (Primarstufe: 22, Klasse 5: Eingangsfrequenz: 21 + 1 Platz für „Zuzüge“) werden vielfach  überschritten. Klassengrößen von 24 und 25 Schüler*innen sind keine Ausnahme. Dies wurde schon zu Beginn des Schulreformprozesses als nicht akzeptabel eingeschätzt. In der heutigen Situation gestiegener kultureller Vielfalt müssen die Bedingungen erst recht stimmen.
  5. Die Raumnot nimmt zu. An manchen Standorten geht es um eine zu geringe Zahl von Räumen, so dass weiterer Schulraum benötigt wird. Aufgeworfen wird die Frage, an welchen Stellen der Stadt neue Schulen zu bauen sind. Betont wird aber auch die zu geringe Größe mancher Klassenzimmer mit Bezug auf Anforderungen zeitgemäßer Pädagogik. Dazu sind umfangreiche Umbaumaßnahmen nötig.
  6. Durch die beschriebenen Einschränkungen bleibt alles in allem nicht genügend Zeit für die Arbeit an den drängenden pädagogischen Aufgaben. Wichtige Anforderungen, die für die Zukunft der Schulen entscheidend sind, wie die aktive Gestaltung des Generationenwechsels durch Einarbeitung in die Teams, bleiben dem individuellen Engagement der Kollegien überlassen. Diese arbeiten an der Belastungsgrenze. Da reicht es bei den politischen Entscheidungsträgern nicht, alles, was mit Geld zusammenhängt, zu verdrängen.

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