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PandemieGEW fordert: Arbeitsbedingungen im Bildungsbereich verbessern

Kinder als Individuen betrachten, statt Ökonomisierung im Bildungssektor weiter vorantreiben

07.06.2021 - Jan Eric Ströh

„Die bereits vor Corona vorhandenen Schwächen des Bildungssystem sind durch die Pandemie zuletzt extrem hervorgetreten“, so GEW-Landesvorstandssprecher Jan Ströh: „Man kann hier von mangelnder Chancengleichheit oder auch von Nachteilen durch soziale Ungleichheit sprechen. Studien haben gezeigt, dass Lernende aufgrund von Corona in sozial benachteiligten Quartieren weniger erfolgreich Abschlüsse erlangten, als in besser gestellten Stadtteilen.“

Leider helfen hier einfache Formeln, wie „Lernlücken schließen“, nur oberflächlich weiter, da hier vornehmlich der Fokus auf der „employability“ bzw. Arbeitsfähigkeit liegt, anstatt die Bedürfnisse der Schüler*innen und ihre Bedarfe ganzheitlicher in den Blick zu nehmen.

Zu der aus GEW-Sicht wenig fundierten Strategie passe auch die Entscheidung der politisch Verantwortlichen, die verfügbaren Gelder auch an private Lerninstitute zu vergeben. „Die Beschäftigten in den Schulen sehen das kritisch, da hier private Lernfirmen gestärkt werden, anstatt die Schulen nun endlich besser auszustatten, zusätzliches Personal in allen Bereichen anzuwerben und in Räumlichkeiten zu investieren, um so die Arbeitsbedingungen in Schulen entscheidend zu verbessern, so Ströh weiter. Zudem erfüllten die privaten Lerninstitute nicht den im Artikel 26 der Landesverfassung festgeschriebenen Bildungsauftrag. Auch wenn die ein oder andere gezielte Wiederholung von Inhalten sinnvoll sei, könne es nun nicht darum gehen, wieder den „Nürnberger Trichter“ einzuführen und auf Masse statt Qualität in Bildungsprozessen zu setzen.

Dieser Vorschlag, quasi ein Konjunkturpaket für kommerzielle Institute aufzulegen, ist ein Beispiel für verstärkte Ökonomisierung im Bildungsbereich. Ein weiteres Beispiel ist der ständige Zwang der Kollegien zur Selbstoptimierung – und vor allem jedoch zur Selbstausbeutung –, um die anhaltende Mangelverwaltung zu kompensieren. Ströh dazu: „Die Beschäftigten sind platt, – wir machen alles gleichzeitig: testen, Schulen umräumen (weil sie baufällig sind), Lerngruppen je nach Inzidenzwert umstrukturieren, FFP2-Masken in Öfen der Chemiesammlung im Lehrerzimmer aufbereiten, die Digitalisierung mit minimalen Mitteln umsetzen – und nebenbei noch online und in Präsenz Unterricht gestalten.

Die rote Linie ist bei vielen bereits weit überschritten

Wichtig wäre es, die Schüler*innen wieder mehr in den Blick zu nehmen, so Ströh:

„Wo bleibt in diesen für Bildungsprozesse extrem schwierigen Zeiten die Persönlichkeitsentwicklung? Das Wiederfinden der Neugier an Unterricht bei den Jugendlichen? Die Wiederentdeckung der (durch die Pandemie verschütteten oder verkümmerten) eigenen Bedürfnisse? Woher kommen die in der Verfassung geforderten mündigen Bürger*innen? Wie können Menschen demokratische Werte erlernen, um sie zur Beteiligung an Demokratie – also an der Gesellschaft zu befähigen?“ Außerdem sollten bestehende und durch die Pandemie vergrößerte Ungleichheiten im Hinblick auf Bildungschancen abgebaut werden.

„Die Pandemie hat die Ungleichheit und dabei auch die Ängste in der Gesellschaft verstärkt.

Die Wirtschaftskrise hat die Angst vor dem sozialen Abstieg vergrößert – und die Folgen sind für die Beschäftigten in den Schulen jeden Tag sichtbar – auch in Form von Druck durch die Eltern, noch mehr für ihre Kinder zu tun

so Ströh. Nur – oder doch vor allem – gute Bildung kann hier Abhilfe schaffen – denn Bildungspolitik ist die beste (und am Ende günstigste) Sozialpolitik.

„Geld muss also her für Grundsätzliches bzw. für alle Bildungsbereiche“, so GEW-Landesvorstandssprecherin Barbara Schüll. Konkret bedeute dies: Eine spürbare Aufwertung der Berufe im Bildungsbereich durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und eine bessere Ausstattung, um Inklusion umzusetzen. Kleinere Lerngruppen u.v.m. wären nötig, um Menschen für den Bildungsbereich zu gewinnen und so dem eklatanten Fachkräftemangel (v.a. in Bremerhaven) eine politische Strategie entgegenzusetzen.

„Die Frage, was passiert nach Corona oder jetzt im scheinbaren Übergang zu mehr Normalität, bleibt von Seiten der politisch Verantwortlichen faktisch unbeantwortet. Wir brauchen eine neue Bildungsdebatte und eine Debatte dahingehend, dass Bedarf vor Haushaltslage steht,“ so Ströh. „Das alles kostet Geld – doch wenn von der Politik weiter auf Zeit gespielt wird, wird es am Ende noch teurer: Viele junge Menschen fragen sich zurecht, wie ihre Zukunft aussehen soll und welche Möglichkeiten ihnen die Gesellschaft in naher Zukunft bieten kann“, meint Ströh.

„Die politisch Verantwortlichen müssen endlich zusammenfinden und hier an einem Strang ziehen – sonst stünden Bremen und Bremerhaven vor einer ungewissen Zukunft – nicht nur was Bildung angeht“,

so Ströh.

Für Nachfragen steht zur Verfügung | Jan Ströh