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NachhaltigkeitWenn immer mehr Menschen immer mehr wollen

Die Gefahren der „doppelten Überbevölkerung“

 

16.09.2021 - Reiner Klingholz

 

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Seit einem halben Jahrhundert wächst die Zahl der Menschen konstant um etwa 80 Millionen pro Jahr. Der Zuwachs findet heute fast ausschließlich in den wenig entwickelten Ländern statt, wo es selten gelingt, die Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen. In diesen Ländern muss man von einer Überbevölkerung sprechen, denn diese Situation ist mittelfristig nicht tragbar. Aber es gibt eine zweite Form der Überbevölkerung und die ist noch weniger nachhaltig: Sie zeigt sich dort, wo die Zahl der Menschen oft gar nicht mehr wächst - in weit entwickelten Ländern wie Deutschland. Dort verbrauchen die Menschen deutlich mehr Rohstoffe, als die Umwelt im gleichen Zeitraum nachliefern kann, und sie hinterlassen Müllmengen, die kein Ökokreislauf bewältigen kann.

 

Annette und ihre Treibhausgase

Die „doppelte Überbevölkerung“ lässt sich veranschaulichen an zwei Personen: Zum einen an Tesfaye aus Äthiopien, der mit drei Frauen und 24 Kindern in armseligen Hütten auf einem gerodeten Stückchen Regenwald im Südwesten Äthiopiens lebt. Und andererseits an Annette, Wirtschaftsjuristin aus Bielefeld, die aus ökologischen Überlegungen bewusst kinderlos ist. Sie bemüht sich umweltfreundlich zu leben, wählt eine Partei, die sich für Klimaschutz einsetzt, besitzt kein Auto, verursacht aber mit 17 Tonnen CO2 pro Jahr mehr Treibhausgase als Tesfayes gesamte Großfamilie. Annette verdient gut und ihr Einkommen mündet überwiegend im Konsum von Gütern und Dienstleistungen, die sich nicht ohne Rohstoffverbrauch und Emissionen darstellen lassen.

 

Zwei Probleme – zwei Verantwortlichkeiten

Beide Arten der Überbevölkerung haben nichts miteinander zu tun, denn weder bekommen die Frauen in Afrika weniger Kinder, wenn wir weniger konsumieren, noch wäre das Umgekehrte der Fall. Beide Probleme müssen unabhängig voneinander angegangen werden, jeweils von ihren Verursachern. Aber wie? Das Überbevölkerungsproblem Nummer 1 lässt sich vergleichsweise einfach lösen: Wo immer es in armen Ländern gelingt, die Gesundheitsversorgung zu verbessern und die Kindersterblichkeit zu senken, wo sich Bildung ausbreitet, insbesondere unter Mädchen, und wo auskömmliche Arbeitsplätze entstehen, sinken die Geburtenziffern rapide.

 

Konsumbedingte Überbevölkerung

Weitaus schwieriger ist es, die konsumbedingte Überbevölkerung im reichen Teil der Welt zu zähmen. Um die Folgen des Klimawandels einigermaßen zu begrenzen, müsste die Weltwirtschaft, die heute noch zu über 80 Prozent auf fossilen Energiequellen fußt, bis 2050 runter auf Netto-Null– Treibhausgas-Emissionen. Dass sich die dafür notwendige „Energiewende“ allein mit technischen Mitteln bewältigen lässt, ist kaum zu erwarten. Selbst wenn es gelänge, die Menschen komplett mit „grüner“ Energie zu versorgen, soll daraus ja „grünes“ Wirtschaftswachstum entstehen, das wiederum einen Mehrerwerb von Geld zur Folge, was letztlich im Konsum und in Investitionen für weiteres Wachstum mündet.

 

In der Wachstumsfalle

Deshalb bedarf es auf dem Weg zur Nachhaltigkeit zusätzlich der Suffizienz. Kurz gesagt: weniger von allem. Suffizienz steht für Verzicht und Bescheidenheit, was allerdings politisch kaum durchzusetzen ist, denn es bremst das Wirtschaftswachstum. Suffizienz ist das Letzte, was die Regierungen nach der Coronakrise, vor der Komplettverrentung der Babyboomer und zur Bewältigung der Energiewende brauchen können. Die eigentliche Frage angesichts einer doppelten Überbevölkerung lautet deshalb: Wie lässt sich das Wohlergehen der reichen und aufstrebenden Gesellschaften ohne Wachstum sichern? Und wie verschafft man den armen Ländern die Möglichkeit, wirtschaftlich aufzuholen, um so das Bevölkerungswachstum zu bremsen, mit weniger Umweltschäden, als es einst die Industrieländer vorgemacht haben.