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Zukunftsforum Lehrer*innenbildung

Kompetenz ohne Erkenntnis? – oder: Erkenntnis ist für alle da!

16.10.2016 - von Bernd Winkelmann (Landesvorstandssprecher)

Seit dem Beschluss, in Folge des Bundesgewerkschaftstages in Düsseldorf ein eigenes Bremer Zukunftsforum Lehrer*innenbildung einzurichten, sind mehr als zwei Jahre vergangen. Nach intensiver Debatte entstand im Februar 2015 ein erstes Papier als Zwischenergebnis mit sieben grundsätzlichen Aussagen. Die Tagung am 29.09.2016 schließt nunmehr die erste Etappe der Erörterungen im Forum ab. Mit dem Titel „Kompetenz ohne Erkenntnis?“ wurde der Widerspruch zwischen der Forderung nach einer „reflexiven Lehrer*innenausbildung“ und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen in Arbeitswelt und Pädagogik aufgerufen, die in Nachfolge u.a. der PISA-Verfahren gezielt eingeleitet wurden und mit den Begriffen „Kompetenzorientierung“ und „Standardisierung“ bezeichnet sind.

Die Hauptreferentin unserer Veranstaltung, Prof. Dr. Marion Pollmanns aus Flensburg, hob als entscheidend hervor, „welches Denken nunmehr die Sicht auf Schule und Unterricht dominiert“ sowie die damit verbundenen „bildungspolitischen Umstellungen von schulischer und unterrichtlicher Praxis“. Wir reden also von Veränderungen, die sowohl die Ausbildung der neuen Lehrkräfte betreffen als auch die eigentliche Arbeit in der Schule. Die pädagogische Logik des Lehrberufes gerate unter Druck, so Pollmanns, indem der Kern des pädagogischen Handelns, die unterrichtliche Vermittlung, in den Begriffen der Kompetenzorientierung gedacht würde.

"Didaktisches Konzept ohne Didaktik"

Neben einem begrifflichen Wirrwarr und definitorischen Unstimmigkeiten hinsichtlich der Elemente, die eine Kompetenz ausmachen, kritisiert sie die der Kompetenzorientierung innewohnende Annahme einer „Wirkungskette“: So wie es bei den Schüler*innen-Leistungen darauf ankomme, eine Messbarmachung von Vorgegebenem zu realisieren, so sollen die Lehrkräfte „theoretische Kenntnisse in Form eines Könnens ... im Feld der Praxis lediglich an()wenden“. Damit aber würde den Studierenden „die erkenntniskritische Basis für ihr berufliches Tun“ entzogen und den Schüler*innen die Erschließung des Bildungsgehalts verwehrt. Pollmanns spricht in diesem Zusammenhang von „Entsachlichung“, „Entfachlichung“ einer `Zergliederungskunst´, die an der Logik der Sache vorbeigehe, letztlich von einem „didaktischen Konzept ohne Didaktik“.
Die übergeordnete Dramatik liege in Folgendem: Nachdem das Bildungswesen in der Geschichte der Bundesrepublik zunächst auf Systemebene, dann durch Entwicklung der Einzelschule verändert werden sollte, liegt durch das neue Konzept die alleinige Verantwortung für den Erfolg oder Misserfolg nun bei der einzelnen Lehrperson („Output-Steuerung“). Und: Deren Tun werde deprofessionalisiert: Anstatt die Vermittlung von Theorie und Praxis selbst leisten zu müssen, solle sie theoretisch fixierte Lösungen lediglich „nutzen“ – mit der Konsequenz, dass der Unterricht nicht auf Erkenntnis der Sache ausgerichtet ist. Kompetenzen führen somit eher zu einem formalen Bildungsablauf und orientieren sich eher an Methoden, denn am Gegenstand.

Mit Frank-Olaf Radtke wies unsere Referentin darauf hin, dass seit PISA ökonomischen Argumenten wieder Vorrang gegeben werde, vor Aspekten der Emanzipation, Gleichheit und Gerechtigkeit. „Ohne eine Orientierung an den pädagogischen Aufgaben der Erziehung, Didaktik und Bildung“, so schließt sie, sei aber „keine Lehrerbildung denkbar“.

Dem Vortrag folgten in Workshops und Abschlussrunde Bemühungen, Konsequenzen aus dem Gehörten zu ziehen. Hervorgehoben wurde die Sinnhaftigkeit des Lernens, ebenso die erkenntnisorientierte Auseinandersetzung mit Inhalten, die einen mündigen Bürger fordert. Zentral war die Aussage: „(Aus-) Bildung braucht Zeit“. Die Grundlage bilde ein humanistisches Menschenbild.

Fortsetzung des Zukunftsforums

Für den Landesverband stellt sich jetzt die Frage, was wir mit den Resultaten unserer ersten Etappe des Zukunftsforums anfangen. Der Anspruch „Erkenntnis ist für alle da“ ist lange nicht eingelöst. Das Bremische Zukunftsforum muss deshalb fortgesetzt werden. Wie genau, das entscheidet der Gewerkschaftstag Ende Oktober. Ein entsprechender Antrag liegt vor.

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