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Zeit für Bildung statt Zumutungen für Lehrende und Lernende

Schreibkurse an Hochschulen

 

Medien berichten über einen aktuell relevanten Bildungsnotstand. An einer wachsenden Anzahl von Hochschulen in Deutschland werden Schreibschulen eingerichtet, die einer großen Zahl von Studierenden helfen, wenn sie beim Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten im Laufe ihres Bachelor-Studiums zu scheitern drohen. Die Studierenden merken in der Krisensituation beim Verfassen von Bachelorarbeiten, dass sie nicht gelernt haben, eigenständig komplexe Texte zu verfassen. Offenbar ist in den Bildungsprozessen der SchülerInnen und der Studierenden Entscheidendes schief gegangen. Dafür muss es Gründe geben.

 

16.10.2013 - von Eberhard Brandt

Wirkungen der „Modernisierung“ des Schulsystems

Dieser Befund steht im Gegensatz zu den Verheißungen der Modernisierer, die unter dem Mantra der Qualitätsverbesserung antraten, Schulen und Hochschulen umzukrempeln. Die KultusministerInnen führten die Output-Steuerung durch das Zentralabitur ein und unterwarfen sich einem schlichten Verständnis der Vergleichbarkeit von Schulleistungen, das ihnen die wissenschaftlichen Propagandisten von PISA lieferten und damit zugleich Aufträge für ihre Institute akquirierten. Statt Kurse exemplarisch und projektorientiert zu planen und die Interessen der SchülerInnen aufzunehmen, statt damit zu selbständigem Arbeiten, längeren schriftlichen Ausarbeitungen und insgesamt zum Verstehen zu kommen, muss beim Zentralabitur eine größere Stoffmenge „durchgenommen“ werden, weil die Lehrkräfte ja nicht wissen, wo die Schwerpunkte der zentralen Prüfung liegen.

G8 sollte beweisen, dass das Abitur schneller zu schaffen ist. Das bedeutet eine Verdichtung der Arbeit in der Sekundarstufe I, just wenn die SchülerInnen in der Pubertät sind. Der Arbeitsdruck für SchülerInnen und LehrerInnen nimmt zu. Oft bleibt das selbständige Arbeiten, das gründliche Verfassen und Korrigieren von Texten im Fachunterricht auf der Strecke.

In Niedersachsen kam hinzu: Die Reformierte Oberstufe, die mit den fünf- bis sechsstündigen Leistungskursen und den dreistündigen Grundkursen die Möglichkeit bot, individuelle Schwerpunkte zu setzen und Verantwortung für die eigene Entwicklung zu übernehmen, wurde geschleift und durch ein engschrittiges Modell mit vier- und zweistündigen Kursen abgelöst. Mehr Klausuren sollten zu mehr Leistung führen.

All dies verstärkte die Tendenz zu einer Verflachung des Niveaus. Wissenschaftspropädeutik und Persönlichkeitsentwicklung kommen zu kurz.

Die Verflachung setzt sich an den Hochschulen fort. Die Hochschulen führten die deutsche Variante des Bachelor-Studiums ein, das die Studierenden engschrittig führt und das in der Regel mit sehr simplen Methoden der Leistungsüberprüfung verbunden ist, die in extrem kurzen Zeitblöcken absolviert werden müssen.


Entwertung der Arbeit

Lehrende drohen im Zuge dieser Modernisierung ihren Expertenstatus zu verlieren. Mit PISA wird begründet, dass die Lehrkräfte nicht der Lage seien, ihre eigene Arbeit zu beurteilen. Von pädagogischer Freiheit wurde nicht länger gesprochen, es hieß nur noch pädagogische Verantwortung. Teil und Folge dieses reduzierten Verständnisses der Arbeit von Lehrkräften ist die Anhebung der Unterrichtsverpflichtung. Man könne den Lehrkräften die Mehrarbeit zumuten, heißt es. In Niedersachsen im Jahr 2013 und in anderen Bundesländern schon früher. Aktuell plant die niedersächsische Landesregierung, die Unterrichtsverpflichtung für Gymnasiallehrkräfte von 23,5 auf 24,5 Stunden anzuheben und die Altersermäßigung auszusetzen. Nach dem Auslaufen einer Altersteilzeitregelung sollte die Altersermäßigung wieder aufleben, die nach der gültigen Arbeitszeitordnung ab 55 eine, ab 60 zwei (statt derzeit einer) Wochenstunden vorsieht.

Wir brauchen Zeit für Bildung

Es ist Zeit, wieder über Bildung zu sprechen, wenn es um die pädagogische Arbeit in den Schulen und um die Konditionen geht, unter denen wir diese leisten. Wir brauchen Zeit, um mit unseren SchülerInnen intensiv zu arbeiten. Zeit, um auf die Einzelnen einzugehen. Zeit, um ihnen differenzierte persönliche Rückmeldungen über ihre Arbeit zu geben. Dazu ist eine Reform der gymnasialen Oberstufe notwendig. Damit die SchülerInnen z.B. an die Aufgabe herangeführt werden, auch komplexe Texte zu verfassen. Damit sie an den Hochschulen keine Schreibschulen benötigen. Das ist etwas anderes als die Klausurrutschen und die endlosen Korrekturen. Die sind eine Zumutung für Lernende und Lehrende, die hoffentlich bald ein Ende hat.
Als Experten für Bildung stellen wir in allen Schulformen und Schulstufen hohe Ansprüche an unsere Arbeit und an unsere Arbeitsbedingungen, an unsere Arbeitszeit, an die Größe der Lerngruppen, an die Zeit für die Kooperation der pädagogischen Professionen, an den Personaleinsatz bei der Inklusion. Und darum müssen wir dafür streiten, dass an keiner Schulform die Unterrichtsverpflichtung erhöht wird. Sie muss an allen Schulformen gesenkt werden. Dazu gehört vor allem, dass die skandalös hohen Deputate der Grund- und HauptschullehrerInnen mit 28 und 27,5 Wochenstunden abgesenkt werden.
Möglichst bald.

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