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„Wo sind die großen Demos?

Matthias Wirth über die Bremer Bildungskrise und wirksame Protestaktionen

 

16.12.2016 - Wilfried Meyer

Matthias, wie nimmst du die aktuelle Lage im Bremer Bildungsbereich wahr?

Kritisch.

Inwiefern? Bitte präzisieren.

Vergegenwärtigt man sich die Gesamtsituation in Bremen im Bereich Bildung, dann wird man nicht von einer Welle erschüttert, sondern von einem anhaltenden Tsunami. Konkret: Bremen ist Bildungsschlusslicht im Ländervergleich (IQB-Studie). Bremen weist zudem die schlechteste Schüler-Lehrer-Relation von 15,3 Schüler/innen pro Lehrkraft laut einer aktuellen OECD-Studie auf. Es fehlt vielfach an Personal, an Ausstattung und wirklicher Unterstützung. Es fehlen überall Sonderpädagogen, was auch daran liegt, dass Bremen den Studiengang Sonderpädagogik geschlossen hat, das Schulsystem aber flächendeckend auf Inklusion umgestellt hat. Es fehlen Assistenzkräfte. Stattdessen werden zahlreiche Studenten, die zum Teil nicht mal ihren Bachelor erreicht haben, als Lehrkräfte eingesetzt. Es fehlt an Schulsozialarbeitern, die häufig zudem prekär beschäftigt sind, ähnlich wie Vorkurslehrkräfte. Es fehlen 74 Grundschulklassen bis 2021. Es fehlen Schulen. Und es mangelt an Konzepten in der Beschulung von geflüchteten und emigrierten Kindern und Jugendlichen. Ich könnte diese Liste noch deutlich erweitern.

An dieser Liste wird das ganze Ausmaß der Bremer Bildungsmisere bewusst. Was waren denn Gegenreaktionen auf die Krisen?

Es hat viele kritische Stellungnahmen und Presseerklärungen vonseiten des Personalrats Schulen und der GEW in Bremen dazu gegeben, die die Verursacher dieser Probleme klar benennen: den Bremer Senat, die Regierung von Rot-Grün und die Bildungsbehörde.

Es hat auch einen Brandbrief von Schulleitungen aus dem Bremer Westen gegeben, die unter diesen Bedingungen die Inklusion als nicht umsetzbar sehen. Hat das etwas gebracht?

Zunächst: Es ist ungewöhnlich, dass Schulleitungen im Bremer Westen so deutlich Stellung bezogen haben. Das war gut und mutig. Ungewöhnlich war das aber nur, wenn man die Umstände außer Acht lässt, die zu dem Brandbrief geführt haben. Es war ein Weck- und Warnruf, dass unter den jetzigen Bedingungen an Schulen eine Inklusion nicht gelingt. Es muss viel mehr in Schulen und in den Ganztag investiert werden. Eigentlich. In der Bewertung, was das alles bisher gebracht hat, bin ich kritisch.

Haben Berichterstattung und Brandbrief etwa nichts bewirkt?

Das habe ich nicht gesagt. Eine kritische Presse ist wie jede kritische Stellungnahme wichtig, wenn es darum geht, auf die Probleme deutlich hinzuweisen und darauf, wie diese bestmöglich zu lösen sind. Aber was ist bisher daraus gefolgt? Hat sich an der Situation etwas geändert? Nein. Ich würde sogar sagen, dass sich die Probleme eher noch verschärft haben.

Also bedarf es anderer Aktionen?

Naja, es gibt immer mehrere Ebenen zu agieren. Eine kritische Presse und problematisierende Stellungnahmen in der Öffentlichkeit sind wie der zu führende Dialog mit den Verantwortlichen eine Ebene.

Aber?

Aber angesichts der eingangs beschriebenen Bremer Bildungsmisere, der sich verschärfenden Probleme, die bisher nicht oder nur  unzureichend gelöst worden sind, frage ich: Sind nicht weitere Aktionen notwendig? Wo sind die Sternläufe? Wo größere Demos, zu denen wir unsere Schüler begleiten bzw. zu denen wir gewerkschaftlich aufgerufen werden?

Woran liegt das?

Das hat sicherlich unterschiedliche Gründe. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass es daran liegt, dass angeblich viele Jüngere eher unpolitisch seien und sich deshalb zurückhielten. Angesichts der Situation könnten wir alle aktiver sein. Gut wäre es, wenn das Aktionsbündnis Bremer Bildung aus dem Dornröschenschlaf wiedererweckt würde. Es bedarf dazu sicher eines Anschubsers, damit ein breites Bündnis wieder zwischen Schülern, Eltern, Lehrkräften geschaffen wird. Wir brauchen Solidarität, Geschlossenheit und Unterstützung. Aber nicht nur das Bündnis ist eingeschlafen. Ich denke vielmehr, dass man gemeinsam über wirkungsvolle Aktionen nachdenken sollte und diese umsetzen sollte. Das können kleinere, öffentlichkeitswirksame Nadelstichaktionen sein, das sollten aber auch größere Aktionen sein, um den Forderungen zur Lösung der Bildungsmisere zusätzlich Gewicht zu verleihen. Jeder hat dazu bestimmt Ideen.

Woran denkst du?

Zentral ist, dass sich die, auf die es ankommt, persönlich angesprochen und aufgerufen fühlen, aktiv etwas ändern zu wollen, gemeint ist damit jeder Einzelne. Das kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden. Eine Möglichkeit wäre, wie es NGOs bei Kampagnen machen, über die persönliche Mail anzusprechen und aufzurufen. Dafür müssen die technischen Voraussetzungen vorhanden sein.

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