GEW Bremen
Du bist hier:

Finanzwelt„Wir sind alle beklaut worden“

Der Finanzsektor ist schon viel zu lange in einer deutlichen Schieflage

 

16.03.2021 - Gerhard Schick

Der Finanzsektor muss wieder in den Dienst der Gesellschaft gestellt werden. Heute haben wir einen Sektor, der sich weitgehend abgekoppelt hat und wo es oft nur noch darum geht, Geld mit Geld zu verdienen, häufig zulasten der Gesellschaft. Zum Beispiel beim Hochfrequenzhandel. Wenn ein paar Spezialisten im Millisekundentakt Aktien hin und her schieben, hat das nichts mehr mit den Finanzbedürfnissen von Firmen zu tun. Das ist ein Nullsummenspiel. Die Gewinne des Hochfrequenzhandels sind die Verluste derjenigen, die langfristig am Markt unterwegs sind, wie der Handwerker, der fürs Alter vorsorgt. Ein anderes Beispiel ist das hohe Ausmaß an Finanz­kriminalität. Wir sehen das bei Cum-ex-Geschäften, wo sich Kriminelle beim Handel mit Aktien eine einmal gezahlte Kapitalertragssteuer mehrfach erstatten ließen. 

Betrug am Steuerzahler

Das hat enorme Folgen für Staat und Steuerzahler. Sowohl im Hinblick auf die finanziellen Schäden in Milliardenhöhe, aber auch im Hinblick auf die tiefen Kratzer am Vertrauen in das Funktionieren unseres staatlichen Systems. Es erstaunt mich, dass diese Themen so wenig diskutiert werden, obwohl wir alle Geschädigte sind. Bei Cum-ex hat es ewig gebraucht, diesen Skandal richtig an die Öffentlichkeit zu bringen. Am Anfang hat es keinen interessiert, dass wir alle beklaut worden sind. Auch bei Wirecard sind wir alle betroffen. Wer einen Fonds hat, ist betroffen, die Angestellten sind betroffen, und über die Verluste bei KfW und Commerzbank, also staatlichen oder teilstaatlichen Banken, trifft dieser Betrug letztlich alle Steuerzahler.

Geschäftsmodelle bleiben

Warum interessieren sich so wenige dafür? Viele Medien halten die Probleme am Finanzmarkt für ein Spezialthema, und auf politischer Seite gibt es immer wieder das Interesse, die Dinge unter den Teppich zu kehren. So bleiben die Finanzmärkte instabil. Seit den 1980er Jahren ist eigentlich ständig irgendwo Finanzkrise. Die massive Deregulierung in den 1990er und 2000er Jahren fällt uns jetzt auf die Füße. Und was erschreckend ist: Selbst nach der großen Bankenkrise 2008 ist es nicht gelungen, die Geschäftsmodelle zu ändern. Dabei hat jeder gesehen, dass dieses System unsere Gesellschaft an den Abgrund bringen kann.

Nachhaltige Investitionen

Auch im Bereich Nachhaltigkeit müssen wir die Finanzmärkte anders aufstellen. Mehr Transparenz könnte dazu beitragen, dass der Großteil des Finanzmarkts nicht mehr ökologisch blind ist. Aber in einem Finanzsektor, in dem es sich immer wieder lohnt, auch gesellschaftlich unsinnige und schädliche Dinge zu tun, weil man damit gut Geld verdienen kann, in einem solchen Markt werden ökologische und soziale Fragen immer unter die Räder kommen. Wir müssen also eben auch an viele Geschäftsmodelle ran. Wie sehr Finanz- und Realwirtschaft auseinandergehen, zeigt sich zum Beispiel am Anfang der Corona-Zeit. Hedgefonds haben Milliarden verdient, weil sie auf fallende Kurse gewettet haben, während Unternehmen darum kämpften, irgendwie ihre Beschäftigten zu halten.

Gewerkschaften können ein wichtiges Gegen­gewicht zu diesen Entwicklungen sein. Sie können eine laute und kritische Stimme sein, die unter anderem auf politische Änderungen drängt. Die sind unabdingbar, denn ein Teil des Aufsichtsrats einer großen Bank, die im Wettbewerb steht, kann nicht allein für eine deutlich höhere Eigenkapitalquote sorgen.

Literatur:

Gerhard Schick: Die Bank gewinnt immer. Wie der Finanzmarkt die Gesellschaft vergiftet. Campus Verlag 2020

?rel=0