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Wir hatten uns so auf die Schule gefreut

Ja, wie jedes Kind freuen wir uns auf die Einschulung , aber dann kommt alles ganz anders: 1944 gibt es keine Schultüten, keine Väter (sie „verteidigen“ irgendwo auf der Welt das Vaterland) und die Schulen sind zu Lazaretten umfunktioniert, Schüler und Schülerinnen werden in irgendwelchen freistehenden Räumen untergebracht. Wir Erstklässler werden in ein Restaurant an der Weser einquartiert. Bald ist der alltägliche Schul-Ablauf: Um 8 Uhr Unterrichtsbeginn, um 10 Uhr heulen die Sirenen. So schnell wir können, laufen wir mit unseren braunen Schultornistern, an der einen Seite baumelt der Schwamm, an der anderen der Tafellappen,. nach Hause. Immer kommt mir meine Mutter entgegengelaufen, die Bomber sind schon über der Stadt, die Mama wirft sich wie eine Glucke über mich. Ich bin voller Angst, zugleich fühle ich mich beschützt. Nach einigen Monaten werden wir wieder ausgeschult.

16.01.2015 - Einschulung vor 70 Jahren | von Ingrid Emmenecker

Das Märchen von dem Mann, der wieder sehend wurde ...

Ich lerne alleine lesen und meine Lieblingsgeschichte in der Fibel ist das Märchen von dem Mann, der bei einem Angriff im 1. Weltkrieg blind geworden war, mit seinem starken Willen aber wieder sehend und der Führer der Deutschen wurde. Ich will dann nach der Neu-Einschulung im Herbst 1945 unbedingt diese wundersame Geschichte vorlesen, verstehe aber nicht, weshalb die Lehrerin es nicht will. Bücher und Hefte gibt es nicht, wer eine Schiefertafel und einen Griffel retten konnte, hat Glück. Dreimal in der Woche gibt es eine vierseitige Zeitung, - sorgsam schneidet mein Vater abends die Ränder ab, damit ich darauf malen und schreiben kann.

 

Traumatisierte Kinder und Lehrer

Die Schule riecht noch jahrelang nach Karbol. Wir müssen täglich ein Stück Torf mit in die Schule bringen. Und wer am besten lernt, darf in der Nähe des Kanonenofens sitzen, „die anderen“ haben Mäntel und Mützen auf, sie schreiben mit Handschuhen. Die Flüchtlingskinder und die Kinder, die in Hamburg oder anderswo die Bombenangriffe miterlebt hatten, sind traumatisiert, aber etliche Lehrer auch. Ein junger, beliebter Lehrer fliegt eines Tages aus dem Schuldienst: Man hatte ihn erwischt, als er das Frühstücksbrot eines Kindes unter dem Tisch stahl. Als ich es zu Hause erzähle, sagt meine Mutter: „Ach, ja, die jungen Leute haben ja solchen Hunger!“ Wir bekommen ab 1946 Schulspeisung. Ein Vorbild dafür hatten schon nach dem 1. Weltkrieg die US-amerikanischen Quäker geliefert, als sie spontan für hungernde Kinder in Deutschland Millionen Dollar sammelten. Wir stehen mit unseren Tellern oder Kännchen brav in der Schlange an, die meisten halten Kochgeschirre der Wehrmacht in der Hand. Für viele Kinder ist es die einzige warme Mahlzeit am Tag. Und wie gut, dass die Mütter so erfindungsreich sind: Aus alten Tischdecken oder Uniformen nähen sie unsere Kleidung.

 

Schwarzmarkt, Suchdienst, Stromsperre ...

Unser Wortschatz erweitert sich: Schwarzmarkt, „schintschen“, Bezugsmarken, Flüchtlinge, Vertriebene, Notunterkünfte; Wohnraumzuteilung, Entnazifizierung, Kapitulation, Care-Pakete, Tauschzentrale, „Tschewing-Gamm“, Kriegsverbrecher, KZ, Bezugsschein, Kriegsgefangenschaft, Stromsperre, Maisbrot, Suchdienst, Onkelehe, Negermusik, Rosinenbomber, Kriegsversehrte, Spätheimkehrer - Demokratie.

 

Schule und Unterricht

Wie viele Kinder wir bei der Einschulung sind, erinnere ich nicht. Aber die Klassen sind gefüllt. Auf dem Abschiedsfoto zähle ich 64 Schüler und Schülerinnen. Vermutlich waren wir einfacher zu „handhaben“ als eine heutige Klasse mit 18 Kindern. Der Unterricht läuft streng und frontal ab. Wenn die Diktathefte zurückgegeben werden, zittern alle. Denn wer mehr als drei Fehler hat, muss vorne antreten, die linke Hand vorzeigen, dann schlägt die Lehrerin erbarmungslos darauf. Linkshänder geben die rechte Hand, damit kein Kind sagen kann, es könne mit der geschwollenen Hand nicht schreiben.

 

Für das Leben lernen wir, nicht für die Schule

Was wir in der Schule gelernt haben? Ich erinnere mich gerne an die vielen Gedichte, an plattdeutsche Geschichten und Lieder, an den wunderbaren Chor der Schule. „Für das Leben lernen wir, nicht für die Schule!“ stand über einigen Eingängen von Schulen. Aber alles, was mir wirklich an Wissen wichtig war, lernte ich im Leben.

Seit 35 Jahren treffen sich die „Mädels und Jungs“ (wie wir immer noch sagen) alle fünf Jahre. In diesem Jahr wurden oder werden wir 75 Jahre alt, voller Vorfreude und Freude auf das Wiedersehen, aber auch immer ein bisschen ängstlich: Wie viele sind wir in diesem Jahr noch? Beim ersten Wiedersehen vor 35 Jahren waren 52 Mitschüler und Mitschülerinnen gekommen. In diesem Jahr waren es noch 18 ...

(geschrieben 2014)

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