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Wenn Deutsch-Lehrkräfte knapp werden

Immer mehr jugendliche Flüchtlinge werden an der Allgemeinen Berufsschule (ABS) unterrichtet – die Lehrkräfte wünschen sich eine bessere personelle und räumliche Ausstattung.

16.06.2014 - von Karsten Krüger

Die ABS in Walle ist einer der Orte in Bremen, wo es offensichtlich wird, dass immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Schulpflichtige Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren aus Syrien, aus Afghanistan, aus Osteuropa, aus nord- und westafrikanischen Ländern und vielen anderen Krisengebieten lernen dort
Deutsch und werden auf den Berufseinstieg vorbereitet – ein in Bremen
einzigartiges Integrationsangebot für spät zugewanderte Jugendliche. Viele von ihnen haben ihre Heimatländer unbegleitet verlassen und haben meist keine deutschen Sprachkenntnisse.
Ihre Flucht dauert zwischen wenigen Wochen bis mehrere Jahre. Viele Schüler, die in Bremen bei der ABS ankommen, haben oft durchbrochene Bildungsbiographien und sind häufig Analphabeten. Früher waren es vermehrt türkischsprachige Schüler, ihnen folgten die Spätaussiedler, heute werden an der ABS viele bulgarische, aber auch afrikanische Schüler unterrichtet. In Osteuropa ist die EU-Erweiterung, die Freizügigkeit innerhalb der EU und die desolate finanzielle Situation ein Grund für Migration. Jugendliche aus Krisengebieten fliehen meist vor Gewalt und Armut.

Vor wenigen Jahren gab es am Standort Steffensweg sechs Sprachförderklassen (SP-Klassen), in diesem Schuljahr müssen an den verschiedenen ABS-Standorten insgesamt 14 Klassen unterrichtet werden. Ein großes Pensum für die eingesetzten KollegInnen. Nicht nur für Ümit Zerdali, Fachbereichsleiter für »Interkulturelle Bildung«, haben die neuen Klassen Mehrarbeit zur Folge: »Es ist viel mehr Koordination und Organisation nötig. Für die eingesetzten Lehrkräfte bleibt die Arbeit in den Klassen zwar nahezu gleich, die klassenübergreifenden Tätigkeiten sind
jedoch stark gestiegen. Vor allem das Einarbeiten neuer Kollegen und die Organisation von außerschulischen Veranstaltungen nimmt deutlich mehr Zeit in Anspruch.« Die SchülerInnenzahl ist zuletzt stärker angestiegen als die personelle und finanzielle Ausstattung des Sprachförderbereichs.

Nachholbedarf

Klassenlehrerin Sandra Pilster wünscht sich »mindestens eine zusätzliche SozialpädagogIn, für die dringend notwendige Bewältigung der Alltagsprobleme. Ohne diese Unterstützung müssen meine KollegInnen und ich diese Arbeit übernehmen, ohne dafür ausgebildet zu sein.« Die Lehrkräfte befürchten, dass ihre
ganzheitliche Arbeit gefährdet ist. Denn neben der intensiven Sprachförderung,
den Grundlagen in den Fächern wie Mathematik, Politik und der Orientierung in einem Berufsfeld sollen die Flüchtlinge die Schule als »einen sozialen Ort erfahren, an dem
sie Respekt erfahren und ankommen können. Einen Ort, an dem Übergänge von alter zu neuer Lebenswelt und Sprache gestaltet und begleitetwerden können. Einen Ort, an dem sie sich in einer noch fremden Lebenswelt und (Aus)bildungslandschaft
orientieren können. Einen Ort, an dem sie ihre Stärken entdecken, persönliche Ziele entwickeln können. Und auch als einen Ort, an dem fehlende Schulabschlüsse angebahnt und schließlich erreicht werden können.« Diese Ziele sind aber seltener zu erreichen, wenn immer mehr Lehrkräfte fachfremd unterrichten müssen und die sozialpädagogische Betreuung vernachlässigt wird, so die Klage der Lehrkräfte.
Zerdali sieht auch Nachholbedarf beim Sprachförderungspersonal und durch die heterogene Zusammensetzung der Klassen. »Wir brauchen mehr Deutschstunden und mehr Differenzierung, damit wir allen SchülerInnen gerecht werden können.«
Die zuletzt angewachsenen SchülerInnenzahlen haben noch ein weiteres Problem enstehen lassen. Der Hauptstandort Steffensweg platzt aus allen Nähten, kann deshalb keine weiteren Sprachförderklassen aufnehmen.
Zerdali und Pilster wünschen sich ein neues Standortkonzept:
»Wir möchten, dass alle SPKlassen an einem Schulort mit ausreichend Unterrichtsraum und -personal beschult werden.«
Mit Blick auf die Zukunft der jugendlichen Flüchtlinge sehen die beiden Pädagogen die Bildungsbehörde in der Pflicht. »Die Behörde muss für die abgehenden SP-Schüler schulische und außerschulische Perspektiven ermöglichen.«

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