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Weiterbildender Masterstudiengang Inklusive Pädagogik an der Universität Bremen

„Meine Erfahrung ist, dass Sonderpädagogen, die schon lange in ihrem Beruf gearbeitet haben, sich nur sehr schwer an das ,inklusive Denken’ gewöhnen, bzw. umstellen können. Alles ist noch sehr defizitorientiert. Natürlich muss jeder in seiner Rolle und Position ernst genommen werden - es braucht halt noch viel Zeit, Sonderpädagogik und inklusive Pädagogik zusammenzubringen. Wie viel darf das eine und muss das andere? Das Schulsystem, die Organisationsstrukturen, die Haltung und die gefühlte Zuständigkeit jeder einzelnen Lehrkraft gegenüber allen Kindern muss sich weiter verändern.“ (Studierende im 2. Semester des Weiterbildenden Masterstudiengangs Inklusive Pädagogik an der Universität Bremen)

16.12.2014 - von Martina Siemer und Bejamin Haas

Zum Ausbau inklusiver Schulen werden qualifizierte Lehrkräfte benötigt. Wenngleich dies im Allgemeinen anerkannt wird, bleibt zumeist offen, welche Qualifikationen konkret gefordert sind und was Kolleg_innen benötigen, um der anspruchsvollen neuen Aufgabe gewachsen zu sein.
Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) verpflichtet zu einem diskriminierungsfreien Zugang zu Bildungseinrichtungen. Folglich sind sowohl die Wirkungsweisen des segregierenden deutschen Schulsystems als auch die negativen Effekte sonderpädagogischer Unterstützungssysteme kritisch zu betrachten. Die Forderung nach inklusiv arbeitenden Kollegien beinhaltet daher einen umfassenden Auftrag sowohl für Regel- als auch für Förderschullehrkräfte. Auch eine aktuelle Studie legt unmissverständlich dar, dass alle Lehrkräfte gleichermaßen über inklusionspädagogische Kompetenzen verfügen müssen [Anm. Mißling, S.; Ückert, O. (2014): Deutsches Institut für Menschenrechte: Inklusive Bildung – Schulgesetze auf dem Prüfstand. Vorabfassung der Studie. Verfügbar unter: http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/uploads/tx_commerce/Vorabfassung_Studie_Inklusive_Bildung_Schulgesetze_auf_dem_Pruefstand.pdf (zuletzt abgerufen am 10.11.2014)].
Inklusion ist damit als Querschnittsaufgabe aller Lehrämter zu verstehen.
Daraus resultieren zentrale Herausforderungen für die Lehrer_innenbildung. Als ein Beispiel, den Verpflichtungen der UN-BRK gerecht zu werden, wird nachfolgend der Weiterbildende Masterstudiengang Inklusive Pädagogik der Universität Bremen vorgestellt.

 

Voraussetzungen in Bremen

Das Bundesland Bremen reagierte bereits im Jahr 2009 durch ein neues Schulgesetz auf die UN-Konvention. Vorgesehen ist damit die Auflösung der Förderzentren bis zum Jahr 2017. An allen Grund- und Oberschulen wurden daher Zentren für Unterstützende Pädagogik (ZUP) eingerichtet. Zudem wurden regionale Beratungs- und Unterstützungszentren (ReBUZ) geschaffen. Ebenfalls 2009 wurde an der Sekundarstufe die Schulform Oberschule eingeführt. Diese ist grundsätzlich als eine ‚Schule für alle’ konzipiert, besteht jedoch in der konkreten Umsetzung als Schulform neben dem Gymnasium. Da an der Sekundarstufe nicht in gleicher Weise wie an Grundschulen auf integrative Erfahrungen zurückgegriffen werden kann, besteht hier ein besonderer Qualifizierungsbedarf für Förder- und Regelschullehrkräfte.

 

Konzeption des Weiterbildenden Master-Studiengangs Inklusive Pädagogik

Dies aufgreifend wurde an der Universität Bremen der Weiterbildende Masterstudiengang Inklusive Pädagogik konzipiert [Anm. Seitz, S.; Haas, B. (2015): Inklusion kann gelernt werden! Weiterbildung von Lehrkräften für die Inklusive Schule. In: VHN 1/2015 (in Druck) ]. Die inhaltliche Konzeption geht zurück auf das Team um Prof. Dr. Simone Seitz, Professorin für Erziehungs- und Bildungswissenschaften und Inklusive Pädagogik. Praktisch umgesetzt wurde der Studiengang in Kooperation mit der Akademie für Weiterbildung der Universität Bremen und in Abstimmung mit der Senatorin für Bildung und Wissenschaft Bremen, durch welche der Studiengang finanziert wird.
Der erste von insgesamt drei Durchgängen des Studiengangs startete im August 2013 mit 25 Teilnehmer_innen. Im September 2014 folgte der Zweite mit 23 Teilnehmer_innen. Zum Schuljahr 2015/16 wird der dritte Durchgang folgen. Der Weiterbildungsstudiengang richtet sich primär an Lehrkräfte der Sekundarstufe I der Bremer Oberschulen, die bereits in inklusiven Klassen arbeiten. Er wird daneben auch von Berufsschullehrer_innen und Grundschullehrer_innen besucht. Durch den Master-Abschluss erwerben die Lehrkräfte nach zwei Jahren zusätzlich zu ihrer fachlichen Qualifikation die Lehrbefähigung für das Lehramt Inklusive Pädagogik/ Sonderpädagogik. Sie sollen dann an inklusiven Schulen eingesetzt werden und erhalten eine Vergütung nach der höheren Tarifgruppe A13.
Der Studiengang wird berufsbegleitend studiert, wobei die Lehrkräfte eine Freistellung von zehn Unterrichtsstunden in der Woche erhalten. Die einzelnen Lehrveranstaltungen finden in der Regel am Donnerstagnachmittag und freitags statt. Um einer zu hohen Arbeitsbelastung während der Semesterzeiten zu begegnen, werden einzelne Seminare als Blockveranstaltungen in der vorlesungsfreien Zeit der Universität, aber während der Schulzeit angeboten.

Durch eine Vermittlung zwischen theoretischen Grundlagen und konkreten Gegebenheiten vor Ort wird eine enge Theorie-Praxis-Verzahnung angestrebt. Diese soll unter anderem durch Phasen des forschenden Lernens im eigenen Praxisfeld gewährleistet werden, zum Beispiel durch Portfolio- oder Fallarbeiten sowie empirische Erkundungen. Die Studierenden haben die Möglichkeit aus Wahlpflicht-Angeboten auszuwählen und können damit individuelle Schwerpunktsetzungen vornehmen. Sie können aus den vier Förderschwerpunkten ,Sprache’, ,Lernen’, ,emotional-soziale Entwicklung’ sowie ,Wahrnehmung und Entwicklung’ zwei auswählen, wobei ,emotional-soziale Entwicklung’ oder ,Lernen’ verpflichtend zu belegen sind.
Inhaltlich wurde der Studiengang entlang des Indexes für Inklusion strukturiert [Anm. Booth, T.; Ainscow, M. (2011): Index for Inclusion. Developing Learning and Participation in Schools. Bristol: Centre for Studies on Inclusive Education]. So gilt es die Bedeutung von inklusiven Kulturen, Strukturen und Praktiken gleichermaßen zu beachten. Es wird dabei davon ausgegangen, dass pädagogisches und didaktisches Handeln stets in eine spezifische Organisationsentwicklung eingebettet ist. Im ersten Semester findet daher in den Modulen 1 und 2 eine Auseinandersetzung mit inklusiven Kulturen statt. Themen sind zum einen die gesellschaftliche Wirkung von Inklusion und Exklusion, die Bedeutung menschenrechtlicher Fragestellungen sowie die Geschichte von Sonder-, Integrations- und inklusiver Pädagogik. Zum anderen werden Zusammenhänge zwischen verschiedenen Differenzkategorien und Diskriminierungsmechanismen sowie die Konstruktionsweisen von Behinderung und Nicht-Behinderung thematisiert. Die kritische Analyse verschiedener Aspekte von Ungleichheit bei gleichzeitiger Fokussierung auf Potenziale und Ressourcen soll so den Ausbau inklusiver Schulkulturen begünstigen.
Da der Ausbau inklusiver Schulkulturen mit konkreten inklusiven Strukturen an der jeweiligen Schule einhergeht, findet in den Modulen 3 und 4 eine vertiefende Befassung mit Aufgaben einer inklusiven Schulentwicklung statt. Dies erfolgt entlang der inhaltlichen Schwerpunkte ‚Kooperation/Team’ sowie ‚Beratung/Innovation’ und erstreckt sich über die ersten drei Semester des Studiengangs. Um die gemeinsame Verantwortungsübernahme für alle Schülerinnen und Schüler vorzubereiten und zu stärken, geht es hier um Themen wie multiprofessionelle Kooperation, konkrete Handlungskompetenzen sowie Methoden, verschiedene Beratungskonzepte und Instrumente der Qualitätssicherung.
Im Anschluss an die Auseinandersetzung mit inklusiven Kulturen und Strukturen liegt ab dem zweiten Semester der Fokus deutlicher auf inklusiven Praktiken. In den Modulen 5 bis 9 werden dann Fragen einer inklusiven Didaktik und Diagnostik sowie förderschwerpunktbezogene Themen behandelt.

Ausgehend von der Annahme, dass die Studierenden während ihres Studiums mit Anforderungen konfrontiert sein können, die im Kontrast zu ihrem bisherigen professionellen Selbstverständnis stehen, aber für die Umsetzung inklusiver Praxis bedeutsam sind, findet während der gesamten vier Semester das Modul 11 ‚Reflektierte Praxis’ statt. Dieses wird selbstständig und eigenverantwortlich organisiert. In Lerntandems soll hier die eigene Praxis vor dem Hintergrund theoretischer Ansprüche, rechtlicher Vorgaben und eigener Handlungspraktiken umfassend reflektiert und begleitet werden.


 

Schluss

Die Konzeption des Weiterbildenden Masterstudiengangs Inklusive Pädagogik der Universität Bremen benennt die Tragweite inklusiver Verpflichtungen. Sie stellt einen Versuch dar, den Anforderungen des Aufbaus einer inklusiven Schule gerecht zu werden und verweist auf Potenziale einer inklusiven Lehrer_innenbildung.
Die Qualität der Ausbildung misst sich auch an dem besonderen Engagement und der Wertschätzung von Seiten der Studierenden: „Für mich war bis jetzt kein Semester überflüssig, jedes hatte Highlights“ (Studierender im 3. Semester). Angemerkt wurde dies auch von der Akkreditierungskommision im Juli 2014, welche abschließend feststellte, dass das „Studiengangskonzept sehr an den konkreten Herausforderungen im Feld orientiert ist, ohne dabei auf Impulse aus aktuellen theoretischen Diskussionen und der Forschung zu verzichten. Die enge Verzahnung von beruflichen Erfahrungen und Herausforderungen mit wissenschaftlichen Auseinandersetzungen erscheint sehr gut konzipiert“ [Anm. ACQUIN (2014): Gutachten und Akkreditierngsempfehlung, Akkreditierungsverfahren zum Weiterbildungsstudiengang „Inklusive Pädagogik“ (M.Ed.) an der Universität Bremen. 2014.]

 

Info:

  • Persönliche Beratung zum dritten Durchgang des Weiterbildungsstudiums: m.siemer [at] uni-bremen.de

 

Die Autoren

  • Benjamin Haas ist Lektor im Weiterbildenden Masterstudiengang Inklusive Pädagogik und war bis August 2013 als Förderschullehrer im Gemeinsamen Unterricht an einer integrierten Gesamtschule in Raunheim tätig.
  • Martina Siemer ist als Programmkoordinatorin für den Weiterbildenden Masterstudiengang mit einer halben Lehrerinnenstelle abgeordnet und außerdem am Landesinstitut für Schule als Referentin für inklusive Pädagogik und Sonderpädagogik tätig.

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