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Wasser und Öl – eine schlechte Mischung

Die bisherige Untersuchung der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat eindeutig gezeigt: BP hat am Personal und am Material gespart. Risiken wurden nicht korrekt eingeschätzt. Womöglich wollte man die Risiken gar nicht wirklich benennen. So weit weg die Katastrophe uns scheint – auch vor unserer eigenen Haustür, an unseren europäischen Stränden kann es jederzeit dazu kommen.

16.08.2010 - von Nadja Ziebarth

Das Öl aus dem Golf von Mexiko wird höchstwahrscheinlich in kleinen Mengen auch europäische Gewässer erreichen. Doch das Öl von BP ist nicht die einzige und auch nicht die größte Bedrohung unserer Meere: Mehr als 400 Ölplattformen stehen alleine in der Nordsee. Jede dieser künstlichen Inseln wirkt täglich – auch ohne Unfälle und Medienberichterstattung – extrem schädigend auf den Lebensraum Meer. Inzwischen hat auch Bundesumweltminister Dr. Röttgen als Lehre aus der Ölkatastrophe gezogen, dass es weltweit zu einer neuen, harten Risikobewertung künftiger Ölförderungen kommen muss und es solange eines vorübergehenden Stopps neuer Bohrungen in der Nordsee bedarf. Damit schließt er sich der Forderung von EU-Energiekommissar Oettinger an, der ein Moratorium in allen EU-Meeren forderte.

Die tägliche Ölkatastrophe

Durch die Einleitung von sogenanntem "Produktionswasser", durch Bohrschlamm sowie durch das Abfackeln von Gas verschmutzen die Bohrinseln jeden Tag Meere und Luft. Jedes Jahr pumpen die Bohrinseln der Nordsee 200.000 Tonnen Chemikalien ins Wasser. 33 Millionen Tonnen Kohlendioxid und je rund 115.000 Tonnen Methan und Stickoxide gelangen in die Atmosphäre.
Täglich leiden unsere Meere an chronischer Öleinleitung, nicht nur durch Bohrinseln. 13 Prozent der jährlich in die Nordsee strömenden Ölmenge stammt aus Tankerunfällen. Der größte Teil setzt sich aus kommunalen Abwässern, den oben genannten Bohrinselverschmutzungen, aus natürlichen Quellen und besonders stark aus der illegalen Abgabe von Altölen zusammen. Auf diesem Weg gelangen jährlich 200.000 Tonnen Öl in die Nordsee. Weltweit beträgt die Gesamtbelastung der Meere pro Jahr in etwa drei Millionen Tonnen.

Ölbohrinsel am Nationalpark Wattenmeer

Auch auf deutschem Seegebiet gibt es eine Bohrinsel: Am südlichen Rand des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer liegt das größte deutsche Ölvorkommen. Seit 1987 fördert die "Mittelplate" jedes Jahr rund zwei Millionen Tonnen Öl an die Erdoberfläche.

30 Jahre Laufzeitverlängerung

Das niedersächsische Landesbergamt hat vor kurzem die Fördergenehmigung um sagenhafte 30 Jahre bis 2041 verlängert. Vermutlich angesichts der BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko geschah das unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es gab keine Verbändebeteiligung – und auch das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer spielte offenbar keine Rolle. Die Mittelplate-Betreiber RWE Dea AG und Wintershall Holding AG haben also wieder viel Zeit, die vermuteten 30 bis 35 Millionen Tonnen Öl abzupumpen. Der BUND protestiert gegen diese Laufzeitverlängerung und fordert weiterhin die Einstellung der Ölförderung im Wattenmeer.

Die Schäden sind irreparabel

Die Verhinderung von Öleintrag hat höchste Priorität, denn Ölverschmutzung hat kaum reparable Folgen. Zudem ist die Bekämpfung von Öl eine Sisyphusaufgabe. Die Nahrungsketten zahlreicher Meeresbewohner werden zerstört. Vögel leiden extrem an den Folgen: An öligen Stellen frieren sie und verlieren Energie, beim Versuch ihren Körper zu reinigen vergiften sie sich selbst. Die Bilder im Fernsehen suggerieren, der Mensch könne die Tiere einfach sauber putzen – in Wirklichkeit überleben selbst bei artgerechter Reinigung gerade einmal fünf Prozent der Tiere.
Die mechanische Reinigung von Stränden mit Hochdruckreinigern versenkt das Öl meist tiefer in den Boden. Lösungsmittel, sogenannte Dispergatoren, wie sie auch im Golf von Mexiko eingesetzt wurden, teilen den Ölteppich in kleinere Teile. Das führt zwar dazu, dass er weniger gut zu sehen ist. Der Lebensraum Meer hat aber weiterhin mit dem Öl und obendrein mit den toxischen Stoffen zu kämpfen, die es unsichtbar machen sollen.

Schritt für Schritt raus aus der Ölpfütze

Aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse und gerade aus der akuten Erfahrung der Katastrophe auf der Bohrplattform "Deepwater Horizon" fordert der BUND:

  • Die Öl- und Gasfirmen müssen Entschädigungsfonds für mögliche Unglücksfolgen einrichten
  • Bei Unglücken muss Transparenz über alle Informationen gewährleistet werden
  • Bei jeder Öl- oder Gasförderung müssen höchstmögliche Sicherheitsstandards gelten
  • Die Sicherheitsstandards auf Plattformen müssen staatlich kontrolliert werden
  • Da die Risiken der Ölförderung vor allem in Tiefen über 200 Meter, in denen keine Taucher sondern nur noch Roboter arbeiten können, nicht kalkulier- und kontrollierbar sind, darf in sensiblen Meeresgebieten wie der Arktis und der Tiefsee kein Öl gefördert werden
  • Das Vorsorgeprinzip muss gelten. Das heißt im Fall der Erdölplattform "Mittelplate" im Nationalpark und UNESCO-Welterbe Wattenmeer: es darf keine Verlängerung der Genehmigung geben
  • Um die Abhängigkeit der Industriegesellschaften vom Öl zu beenden, bedarf es wesentlicher Weichenstellungen für eine Energiezukunft auf Basis erneuerbarer Ressourcen

Die Autorin:

Nadja Ziebarth ist BUND-Meeresschutzreferentin

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