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Was für ein Theater

In nahezu jeder Grundschule finden Theateraufführungen statt, bei der Einschulung, zu besonderen Anlässen oder einfach so im szenischen Spiel im Unterricht. Vorher sieht man Lehrer und Lehrerinnen, die durch den Klassenraum hetzen um Stühle und Tische geschickt zur Seite zu stapeln.

Dann ist die Bühne frei für die Probenarbeit?

16.05.2012 - von Petra Höflinger

„Ich habe eine Aufführung und hätte gerne alle Kinder zu einer Probe am Dienstag?“ „Aber das geht doch nicht dann verpassen sie ja 2 Stunden Mathematik, Deutsch oder das Sportfest oder, oder, oder“.
Turnhallen sind ebenfalls ein beliebter Probenort, in welchem sich die Lehrenden die Kehle aus dem Hals schreien müssen um gegen den Lärm eines „startenden Flugzeuges“ anzukommen.
Es wird auch immer wieder gerne in Turnhallen aufgeführt. In einem Raum, der die Atmosphäre von Schweißsocken verinnerlicht hat, sich in der Regel nicht verdunkeln lässt und die Akustik einem den Rest gibt. Alle wollen sie Theater in der Grundschule, zur Einschulung, zu besonderen Festen usw., diese kleinen in der Schnelle produzierten, fast improvisierten Stücke.
Nichts dagegen einzuwenden und Hut ab vor den Lehrern und Lehrerinnen, die sich unter diesen Umständen an die Proben wagen.

Theater wird in Grundschulen oft als Nebenprodukt gehandelt und doch sollte Theater mit den Jüngsten so viel mehr sein.
In jedem Jahr finden in Bremen die Grundschultheatertage statt.
In Kooperation mit dem Mokstheater zeigen Kinder vor Kindern ihre Arbeitsergebnisse unter professionellen Bedingungen des Theaters. Zum 18. Mal zeigen in diesem Jahr viele Theatergruppen und Klassen ihr Können. Jedes Mal sehen wir Produktionen, die denen der „Großen“ in Nichts nachstehen, Theaterstücke, die genüsslich, mit Anspruch an die Verwandlungsfähigkeit der Kinder und künstlerisch inszeniert wurden. Die Kinder sind konzentriert als Zuschauende und auf der Bühne.
Es ist immer wieder gut zu erleben, wie sich Kinder und auch die LehrerInnen nach dem gezeigten Produkt fühlen. Der Stolz glänzt aus ihren Augen und hat eine Gruppe zusammengeschweißt.

„Wenn man auf der Bühne steht, fühlt man sich plötzlich stark. Ich habe vieles gelernt. Der Auftritt ist immer das Beste. Du stehst auf der Bühne und alle sehen dich an. Die Scheinwerfer scheinen auf dich und du hast dieses unbeschreibliche Kribbeln überall im ganzen Körper. Du sagst deinen Text und spielst das Theaterstück von Anfang bis Ende. Dann applaudiert das Publikum und du fühlst dich einfach super oder wie neu geboren. Theater spielen ist etwas mystisches, einfach unbeschreiblich toll und jedes Mal eine Herausforderung.“ Luca (Kinderschule Bremen), 10 Jahre

Warum Theater?

Theater spielen ist Erleben, Mitdenken, Mitreden und Mitlachen
und kann helfen die Welt im Kopf und im Herzen der Kinder zu ordnen. Theaterspielen gibt Mut sich zu zeigen.
Im Theaterspiel vereint viele Elemente. Inhalte müssen besprochen werden, der Körper bewegt, die Stimme geschult und die Kreativität herausgefordert. Felix Rellstab(Handbuch Theaterspiele,Band4,S.1) sagt dazu:
„Ich spiele also bin ich.Ich spiele mit meinem Körper meiner Sprache, in dem alles von mir ist, sogar mehr als ich weiß. Ich spiele mit mir, was ich bin und was ich sein könnte.
Ich spiele mit anderen, nehme sie wahr, reagiere auf sie und merke wie sie mich sehen. Wir zeigen uns.Ich rege andere zum Spielen an und verlocke sie zum Spiel. Theater ist ein ganzheitlicher Prozess, der alle Sinne anspricht.
Im Theaterspiel lernen sie Spielregeln. Sie erfahren, dass die Regeln ihr spontanes Reagieren einschränken aber auch dass die Regeln auch für andere gelten. Sie erfahren auch dass Entfaltung von Fantasie und Kreativität einen Rahmen brauchen.“.

Seit 15 Jahren mache ich Theater mit Kindern und kann Felix Rellstab nur laut applaudieren. Kindern ist das Spielen sehr nah, so dass sie sich relativ unverstellt auf der Bühne präsentieren. Ihre Energie und Lebensfreude sprengt jeden Rahmen. Und doch ist Theater ein Spiel, welches Regeln folgt. Ohne das Wahrnehmen der gesamten Gruppe entsteht kein gutes Produkt. Das Wir-Gefühl ist sehr entscheidend.
Vor allem wenn biografische Elemente ein Theaterstück bereichern, identifizieren sich alle stark mit der Materie. Wir haben in den letzten Jahren zum Beispiel zu den Themen Tod, Liebe und Ärger mit den Eltern gearbeitet. Alles Themen, die durchaus in der Lebenswelt der Kinder belastende Gefühle erzeugen können. Sie erfuhren, dass sie nicht allein mit ihren Problemen sind und konnten im Spiel ihre Lösungen präsentieren. Sie fühlten sich ernst genommen und mutig.
Bei den Proben und auch bei der Aufführung ist der gesamte Mensch gefordert, wahrnehmen, zuhören, lautes Sprechen, Texte verstehen und umsetzen, Welt fühlen.
Theater ist m.E. ein elementarer Bestandteil individueller und kollektiver Persönlichkeitsentwicklung.
Die lebenslange Neugier auf Kunst und Kultur muss in der Kindheit geweckt werden. Theater weckt Neugier und Mut zur Begegnung mit dem Unbekannten sowie macht Lust auf die eigene Kreativität.

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