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Veränderungen im Lehramtsstudium

Interview mit Prof. Dr. Meike Wulfmeyer, stellvertretende Direktorin, und Dr. Regine Komoss, Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung (ZfL) an der Uni Bremen

16.10.2013

BLZ: Nach der Umstellung des Studiums vom Projektstudium auf Bachelor- und Masterabschlüsse gab es von den Studierenden viele Klagen über eine stärkere Verschulung. Auch die Lehrenden beklagten einen erhöhten Korrektur- und Prüfungsaufwand. Insbesondere wurde die Kleinschrittigkeit der Module dafür verantwortlich gemacht.
Meike Wulfmeyer: Wir haben in unseren ersten Bachelor-Master-Studiengängen oft den Sprung von den einzelnen Lehrveranstaltungen zu den Modulen nicht geschafft. Bei der jetzt gerade akkreditierten Umstellung haben wir versucht das zu verbessern. Größtenteils ist es gelungen, dass dDie Module jetzt Sinn-Einheiten bilden. Dabei sind mehrere, meist drei Lehrveranstalten zusammengefasst, das ergibt für die Studierenden dann neun Credit-Points. Die Veranstaltungen haben meist unterschiedliche Formen, z.B. eine Vorlesung und zwei Seminare.
Regine Komoss: Das Studium war zu Beginn der neuen Studienorganisation zu sehr verschult. Es gab nur wenige Wahlpflicht-Angebote und sehr kleinteilige Prüfungen. Davon sind wir wieder weg gekommen. Aber es ist im Vergleich zum früheren Studium schon mehr ein geführtes Studium, und das ist eher positiv. Es gibt ein klareres Programm. Und das zwingt die Verantwortlichen auch, klarer zu überlegen und zu diskutieren: Was ist eigentlich das Profil dieses Lehramtsstudiums? Welche Kompetenzen müssen erworben werden, um später „gute LehrerInnen“ werden zu können?
Meike Wulfmeyer: Wir diskutieren Leitbilder der Lehrerbildung. Dabei geht es um theoriegeleitete Praxis und professionsorientierte Theorie, um fachwissenschaftliche, erziehungswissenschaftliche und auch psychologische Anteile der Ausbildung. Wir haben jetzt als eigenen Studienanteil den Bereich „Umgang mit Heterogenität“ eingeführt. Die Schullandschaft und die Gesellschaft haben sich so verändert, dass alle zukünftigen LehrerInnen mit verschiedenen Heterogenitätsdimensionen umgehen müssen. Es gibt zum Beispiel Module, in denen sich die Studierenden mit Mehrsprachigkeit und interkultureller Bildung beschäftigen und ebenso mit der Inklusion.

BLZ: Wie sind die Praxisphasen im neu konzipierten Studiengang organisiert?
Meike Wulfmeyer: Die Praxisphasen haben sich ja mehrfach geändert. Wir beginnen mit den Studierenden jetzt im Bachelorstudium nach dem zweiten Semester mit einem Orientierungspraktikum, das gut vorbereitet wird. Sie gehen mit Beobachtungs- und Entwicklungsaufgaben in die Schule, die sie selbst definieren und die in den Veranstaltungen vorbereitet werden. Das Praktikum wird begleitet und reflektiert. Dann gibt es in den Fachdidaktiken die praxisorientierten Elemente je nach Fach zwischen dem vierten und sechsten Semester, eingebettet in Module. Da erproben sich die Studierenden das erste Mal in fachdidaktischer Kompetenz. Die Dauer ist unterschiedlich, es werden aber mindestens drei Stunden Unterricht selbstständig durchgeführt.
Regine Komoss: Es gibt da unterschiedliche Formen, so führen z.B. Mathematik-Studierendean Grundschulen Projekttage durch.
Meike Wulfmeyer: Die praxisorientierten Elemente werden in Lehrveranstaltungen vorbereitet und es gibt die Möglichkeit von den Fächern aus mit Schulen Kooperationsvereinbarungen abzuschließen. Das ist uns sehr wichtig und wir wollen die direkte Kooperation und damit auch die Kommunikation mit den Schulen verstärken.
Regine Komoss: Im „Master of Education“ gibt es dann das Praxissemester. Und zwar im zweiten Semester.
Meike Wulfmeyer: Wir haben jetzt nur noch den viersemestrigen Master, den wir zu unserer Freude auch für die Grundschule realisiert haben. Das Praxishalbjahr wird im ersten Semester des Masters gemeinsam von den Fachdidaktiken und der Erziehungswissenschaft vorbereitet - gerade im Hinblick auf die Wechsler aus anderen Universitäten ist das wichtig.
Regine Komoss: Bei einem so langen Studienabschnitt in der Schule sind wir natürlich besonders auf Kooperationen mit den Schulen angewiesen. Wir möchten auch nach gemeinsamen Themen suchen, an denen wir dann arbeiten und wo wir sinnvoll Studierende einsetzen können. Mit unserem „Handbuch Schulpraktische Studien“, das wir an alle Schulen geschickt haben, wollen wir zunächst einmal die Information verbessern.
Meike Wulfmeyer: Vieles von dem hier dargestellten ist recht neu. Das Praxissemester wird ab Februar 2015 das erste Mal laufen. Wir wollen bis dahin weitere Kontakte mit den Schulen knüpfen, denn eine gute Begleitung ist enorm wichtig für die Studierenden, denn das sind die künftigen KollegInnen.

BLZ: Was wünscht sich das ZfL von den Schulen?
Regine Komoss: Im ersten Schritt geht es uns darum, über den Aufbau und Studieninhalte und Ziele des Studiums zu informieren. Wenn man das Konzept kennt, weiß man, was die Studierenden in den verschiedenen Praktika machen sollen. Was wir uns wünschen ist, dass vermehrt Mentoren-Qualifizierungen angeboten werden. Wir sind im Gespräch mit der Behörde darüber. Das wäre wichtig und sinnvoll.
Meike Wulfmeyer: Ich glaube, dass ein Unterricht einer Studentin oder eines Studenten, der zusammen mit der betreuenden Lehrkraft nicht reflektiert wird, nicht wirklich weiterbringt. Reflektion ist Teil der Ausbildung und eine wichtige Kompetenz, die man in seiner Berufslaufbahn dann nach und nach ausbaut. Und als Studierende ist man natürlich darauf angewiesen, dass man beim Erkennen der eigenen Potentiale auf den Rat erfahrener KollegInnen zurückgreifen kann.

BLZ: Ein sehr positiver Austausch, wenn man die Zeit dafür hat …
Regine Komoss: Wir wissen, dass das nicht einfach ist. Die Schulen haben schon eine hohe Belastung, und es ist trotz dieser Belastung eine große Offenheit für die Studierenden da. Wir sind froh, wenn die LehrerInnen sich über unser Studienkonzept informieren. Vieles was darüber hinaus geht wird ja auch nicht entsprechend honoriert und hat stark ehrenamtlichen Charakter.

BLZ: Die GEW setzt sich dafür ein, dass es entsprechende Stundenentlastungen für Mentorentätigkeit gibt.
Meike Wulfmeyer: Letzter Schritt des Studiums ist dann die Master-Arbeit. Ich kann mir vorstellen, dass sich innerhalb des Praxissemesters so viele fachdidaktische und erziehungswissenschaftliche Fragestellungen ergeben, dass sich eine forschungsorientierte Masterarbeit daran sehr gut anschließt. Ganz viele Masterarbeiten werden mit fachdidaktischen Fragestellungen geschrieben und helfen, die fachdidaktische Forschung voranzutreiben.

BLZ: Die Bremer Schulpolitik hat in den letzten zehn Jahren etliche Purzelbäume geschlagen – erinnert sei nur an die Abschaffung der Orientierungsstufe, die Sekundarschule und den unbegrenzten Zugang zum gymnasialen Bildungsgang, und dann ab 2008 umgekehrt die enge Begrenzung des Gymnasiums und die Einführung der Oberschule, die Auflösung der Förderzentren für Lernen, Sprache und Verhalten. Wie hat die Universität darauf reagiert?
Regine Komoss: Wir haben ab 2010 eine Neustrukturierung der Lehrerausbildung mit drei Veränderungen durchgeführt. Wir haben für alle Lehrämter den Bereich „Umgang mit Heterogenität“ eingeführt, der mit 15 CP’s im Vergleich zu anderen Universitäten recht groß ist. Er hat die drei Teile Deutsch als Zweitsprache, Interkulturalität und Inklusive Pädagogik. Die zweite Veränderung besteht darin, dass wir ein Lehramt „Gymnasium/Oberschule“ haben. Hierdurch sind unsere AbsolventInnen auf die Veränderungen besser eingestellt. Wir haben nicht mehr das Lehramt für die Sekundarschule. Als dritte Veränderung haben wir jetzt für die Grundschule ein Drei-Fächer-Studium, in dem Deutsch und Mathematik verpflichtend sind, um eine größere Breite in der Ausbildung sicherzustellen.
Meike Wulfmeyer: Und dieses Grundschulstudium bietet auch die Möglichkeit, dass man Inklusive Pädagogik als ein Hauptfach studiert. Dann bekommt man eine Doppelqualifikation für das Lehramt Grundschule und für das Lehramt Inklusive Pädagogik/Sonderpädagogik. Inklusive Pädagogik ist nach der Schließung des Studienganges Behindertenpädagogik an der Uni Bremen wieder ein großer Bereich geworden.

BLZ: Zwei Fragen dazu: Wo bleibt die sonderpädagogische Qualifizierung für die Sekundarstufe I? Und zweitens: Wo werden die diagnostischen Kompetenzen erworben, durch die sich der BePäd-Studiengang auszeichnete?
Meike Wulfmeyer: Auch im Fach Inklusive Pädagogik spielt weiterhin die diagnostische Kompetenz eine große Rolle. Und zweitens führt der Abschluss auch zu einer Lehrbefähigung bis Klasse 10.
Regine Komoss: Natürlich ist die Anbindung an die Grundschule eine gewisse Einschränkung. Aber das ist eine Entscheidung, die nicht wir getroffen haben. Auf Ebene der Kultusministerkonferenz hatten wir bei Einrichtung des Studiengangs gar keine andere Möglichkeit als diese Qualifikation an die Grundschule zu binden. Es gab den Abschluss „Inklusive Pädagogik“ nicht in Verbindung mit dem Gymnasium. Darüber gab es Diskussionen in der KMK, da das natürlich alle Bundesländer betrifft. Erst kürzlich ist eine Änderung erfolgt. Welche Konsequenzen dies hat muss unter Berücksichtigung vorhandener Ressourcen von den Verantwortlichen an der Universität geklärt werden.
Meike Wulfmeyer: Es wird natürlich dauern, bis diese Veränderungen an den Schulen ankommen. Deshalb muss jetzt auch mit der gerade anlaufenden Weiterbildung Inklusive Pädagogik auf den besonders großen Bedarf in den Oberschulen reagiert werden.
Regine Komoss: Wir müssen uns angesichts der Veränderungen in den Schulen natürlich auch immer wieder fragen: Sind die Kompetenzen, die wir vermitteln, tatsächlich auch die, die gefragt sind, wenn unsere Studierenden in die Schulen kommen. Deshalb haben wir auch mehrere Forschungsprojekte zur zukünftigen Unterrichtsentwicklung laufen, z.B. in der Englisch-Fachdidaktik. Und wir müssen unsere Studierenden darauf vorbereiten, später auf Veränderungen reagieren zu können. Wir haben nicht die Glaskugel, mit der wir sagen können: So sieht die Schule in dreißig Jahren aus.

BLZ: Neben den Lehrämtern, die wir bis jetzt besprochen haben, ist natürlich auch die Perspektive der Ausbildung von BerufsschullehrerInnen von großem Interesse. Wie ist im Moment die Situation?
Regine Komoss: Wir haben einen konsekutiven Studiengang Bachelor/Master für das Lehramt an Berufsschulen. Da haben wir die Erfahrung gemacht, dass es sehr wenige Studieninteressierte gibt. Die Abiturienten wollen in der Regel nicht in die Berufsschule gehen. Interessant ist der Studiengang meist für diejenigen, die selbst eine Lehre gemacht und dann die Studienberechtigung erworben haben. Beim Master gibt es immer noch die Möglichkeit für einen Quereinstieg, z.B. nach einem Abschluss in Ingenieurwissenschaften. Seit einem Jahr haben wir jetzt ein fachwissenschaftliches gewerblich-technischen Studium im Bachelor, das dann im Master of Education fortgesetzt werden kann.. In diesem Studiengang gibt es eine erfreulich hohe Nachfrage und wir hoffen, einige der Absolventen und Absolventinnen dann auch für ein Lehramtsstudium im Master begeistern zu können. Viele Berufseinstiege laufen jedoch auch über den Quereinstieg direkt ins Referendariat.
BLZ: Vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Jürgen Burger

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