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Veränderte Kindheit, auch in der Kita

Nein, ein Frage-Antwort-Gespräch sollte es nicht werden: Wir trafen uns zu einem Austausch unserer Erfahrungen. Wir: KollegInnen von KiTa Bremen Toren Christians (Personalrat), Ute Garbers (Frauenbeauftragte), Cornelia Braeutigam und Christine Grotheer (Personalrätinnen) und ich, Ingrid Emmenecker (BLZ). Da kamen ca 150 Jahre (eine) geballte (Ladung) Praxiserfahrung zusammen: Immer wieder ein zustimmendes Kopfnicken, weitere Ausführungen, Erinnerungen.

16.12.2014 - Ingrid Emmenecker

Während bis etwa 1990 die drei- bis sechsjährigen Kinder in der Kita in altershomogenen Gruppen spielten und lernten, wurden dann unter finanziellem Druck altersgemischte Gruppen gebildet. Pädagogisch begründet wurde das mit den zunehmenden 1-Kind-Familien, evaluiert wurde nie.
Seit 1996 gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz (im Zuge der § 218 Reform) und 2008 wurde der Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung ab dem 1.8.2013 für Kinder schon ab Vollendung des ersten Lebensjahres bis zum dritten Lebensjahr beschlossen.
Damit kam der Um- und Aufbau der Gruppen für unter 3-jährige Kinder.
Parallel wurde das System der Förderung behinderten Kinder verändert, so dass bei Kita Bremen alle Kinder dort betreut, erzogen, gebildet und gefördert werden, wo sie angemeldet werden, also inklusiv.

 

Und was hat sich sonst geändert, wenn wir auf frühere Jahre zurückblicken?

Die ersten Integrationsgruppen gab es aber schon viel eher, nämlich Ende der Siebziger Jahre unter Begleitung von Professor Feuser. Da war Bremen wirklich Vorreiter in der Bundesrepublik. Schon in den neunziger Jahren gab es hier keine einzige Sondereinrichtung mehr. Die (Inklusions-) Integrationsgruppen mit erst 12, später 15 Kindern wurden Standard. Es gab viel Unterstützung. Sogar, wenn nur ein Kind mit Integrationsbedarf in der Gruppe war, kam eine IntegrationshelferIn (weitere Arbeitskraft) mit etwa 16 Stunden wöchentlich dazu, und die Gruppenstärke wurde von 20 auf 18 Kinder herabgesetzt.
Die achtziger Jahre waren die erste inhaltliche Umbruchzeit in der Kita. Die Pädagogik nach dem „Sputnik-Schock“, die sehr verschult war, wurde abgelöst durch den Situationsansatz, der die Interessen der Kinder in den Mittelpunkt stellt und Kinder unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft darin unterstützt, ihre Lebenswelt zu verstehen. Und 2000 dann der „PISA- Schock“. Als Folge wurde der Rahmenplan für Bildung und Erziehung für Kinder von 0- 6 Jahren entwickelt, nach dem mittlerweile in allen unseren Kitas gearbeitet wird.
Mit der Umwandlung der Grundschulen in Ganztagsschulen werden seit ca. 10 Jahren immer wieder Hortgruppen geschlossen, so dass auch viele unserer KollegInnen planungsverdrängt werden und sich neu orientieren müssen.
Dass diese Veränderungen viel von dem Personal verlangt, ist klar.

Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass alle Kinder „trocken“ sind, wenn sie mit 3 Jahren in die Kita kommen. Während die Kleinen ruhig am Tisch sitzen konnten und gelernt hatten, wie man einen Löffel hält und isst, wird heute vielfach vor dem Fernseher und nebenbei gegessen, häufig fast- bzw. fingerfood. Unser Eindruck ist, dass viele Eltern wenig Anteil am Leben ihres Nachwuchses nehmen. So wissen Mutter und Vater oft nicht, was bei uns in der Gruppe vorgelesen wird, welche Spiele den Kindern gefallen, welches Essen besonders gut geschmeckt hat … In vielen Familien fehlen offensichtlich Rituale: Das gemeinsame Frühstück, das Erzählen, das abendliche Vorlesen. Viele Kleine bekommen nur noch in der Kita eine warme Mahlzeit. Eltern, auch gebildete, kaufen oft auf dem Weg zur Kita beim Bäcker etwas zum Essen, und das ist natürlich nicht unbedingt etwas Gesundes, wie zum Beispiel Obst. Wir stellen vor allem in sozial benachteiligten Gebieten fest, dass montags besonders viel gegessen wird. Da gab es am Wochenende nichts oder nur wenig zu Essen. Erstaunlich ist, dass heute fast kein Kind mehr kleine Aufgaben übertragen bekommt: das Geschirr in die Spülmaschine ordnen, eine Mülltüte in den Eimer bringen, Blätter fegen…

 

Begriffe aus der heutigen Zeit...

Auch die neuen Medien haben einen großen Einfluss

So können oft schon die Kleinsten mit den Geräten umgehen, verlernen aber das kreative Gestalten, weil sie nicht mehr mit Bausteinen spielen oder basteln, kennen keine Spiele auf der Straße oder im Park, einige Kinder erfahren erst bei uns, dass Spielen Spaß macht. Uns fällt auf, dass die körperliche Beweglichkeit auch manches Mal von der nicht-kindgerechten Kleidung eingeschränkt ist. Hin und wieder erleben wir, dass Mutter oder Vater dem Kind einen PC oder ein Tablet in den Kinderwagen gelegt hat. So ist das Kind ruhiggestellt und die Eltern können sich anderen Dingen zuwenden. In den Kitas bieten wir vielfältige Erfahrungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten und sehen, dass die Kinder trotz alledem begeistert mitmachen. Einige Kitas haben einen eigenen Garten, wir pflanzen Gemüse an, ernten, kochen gemeinsam. Und oftmals bitten die Kinder (die) ihre Eltern, so etwas doch auch mal zu kochen. Das Essen kommt übrigens nicht aus einer Großküche, jede Kita kocht selbst, frisch, regional und möglichst saisonal.




Überbehütung, Vernachlässigung, Verplanung

Oft ist die Freizeit verplant: Musikschule, Sportverein, Hausaufgaben der Schule. Viele haben keine Chance, sich zu verabreden. Wo bleibt da die Zeit zum Spielen? Einige Kinder übernehmen die Verantwortung: „Ich muss daran denken, meine Mama vergisst das immer ...“ Sicher sind auch viele Kinder damit überfordert, wenn sie mitentscheiden sollen, welches Auto gekauft werden soll. Zum Teil wird es als Zumutung empfunden, wenn wir vorschlagen, dass die Schulkinder den meist sehr kurzen Weg von der Schule zum Hort alleine gehen sollten. Und vieles deutet daraufhin, dass sich die meisten Kinder immer in einem geschützten Raum befinden, immer unter Beobachtung.

 

Eltern und Erzieherinnen und Erzieher

Mütter und Väter stellen hohe Anforderungen an uns als Personal: Die Individualisierung bewirkt, dass sie vor allem den Blick auf das eigene Kind haben, nicht auf die Gruppe. Wir sollen zwanzig kleine Solisten in ihrer individuellen Spiel Fähigkeit fördern, und am Ende einen harmonischen Orchesterklag formen, dieses ist ein Auftrag den selbst der weltbeste Dirigent nicht fertig bringt! Ungewohnt ist für viele Eltern wie auch für Kinder unser konsequentes Verhalten: „Nein(!) bedeutet auch Nein.“ Die Beziehungsarbeit wird häufig vernachlässigt und Konflikte austragen ist für sie nur schwer auszuhalten. Übrigens haben wir mehr Krankheitsfälle: Auch Kinder mit z. B. einer fiebrigen Erkältung kommen zu uns, stecken andere an. Warum blieb das Kind nicht zu Hause? „Es wollte ja unbedingt hierher.“

 

Und die Gewerkschaftsarbeit?

Natürlich gibt es immer etwas zu tun. Nur ein Beispiel: Die Anforderungen an die Arbeit ist enorm gestiegen. So wurde die Ausbildung bundesweit von vier auf fünf Jahre erhöht. Damit entspricht der Abschluss einem Bachelor. Bezahlt werden wir aber wie ein Facharbeiter. Die Bezahlung gilt seit den 90er Jahren! Unser Job: Für eine Aufwertung des Berufes und eine bessere Eingruppierung mit unseren Kolleginnen zu kämpfen!

 

  • Viel Erfolg wünscht Euch die BLZ!
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