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“Unprofessionell und panisch”

Lars Hirschfelds Jahr 2012 war turbulent. Dabei ging es für den jungen Lehrer für Deutsch und Politik gut los. Sein Referendariat an der Oberschule (OS) Findorff beendete er erfolgreich und er bekam deutliche Signale, dass einer Weiterbeschäftigung an seiner Ausbildungsschule nichts im Wege steht. Aber dann, kurz vor den Sommerferien, musste ihm sein Schulleiter mitteilen, dass die zugesagte Stelle von der Bildungsbehörde doch nicht beesetzt wird. Hirschfeld, gerade junger Familienvater, musste komplett umplanen. Nach einer kurzen Zeit bei der Stadtteilschule und einem Monat Arbeitslosigkeit wechselte er nach Bremerhaven.

16.09.2012 - Interview mit einem abgelehnten Bewerber

Frage: Hat sich Ihre persönliche Situation etwas entspannt?
Lars Hirschfeld: Na ja, das Chaos aus dem Sommer wirkt schon noch nach. Mein Wunsch, an der OS Findorff zu bleiben, hat sich zerschlagen. Ich habe Angebote aus Niedersachsen, Hamburg und Brandenburg deswegen abgelehnt und lange auf die mündliche Zusage aus Bremen gesetzt. Ich halte es für arrogant, wie hier mit Absolventen umgegangen wird. Ich habe mein Referendariat mit der Note 1,2 abgeschlossen. Meine Schulleitung und meine Schüler wollten, dass ich bleibe. Aber dann musste ich mich neu woanders bewerben und über die Stadtteilschule ein deutlich geringeres Gehalt akzeptieren. Über die Sommerferien war ich sogar einen Monat arbeitslos. In dieser Situation Arbeitslosengeld beantragen zu müssen, war das Schlimmste.

Frage: Das hört sich nach starkem Frust an. Frust auf wen?
Lars Hirschfeld: Ich bin von der Bremer Bildungspolitik enttäuscht. Ich kam aus Berlin hierher und dachte, Bremen ist nicht so groß und wird man sicherlich flexibler mit Lehrerbedarfen umgehen. Aber die größtenteils katastrophalen Zustände aus der Hauptstadt werden hier noch getoppt.

Frage: Was meinen Sie konkret?
Lars Hirschfeld: Wenn in Berlin Lehrer fehlen, werden Bewerbern oft befristete Verträge mit einer Länge ab zwei Wochen angeboten. Und man muss häufig fachfremd unterrichten. In Bremen werden die Bedarfe oft überhaupt nicht gedeckt. Man legt das Budget fest und stellt dann fest, das reicht nicht um notwendige Anzahl von Pädagogen einzustellen. Andersherum wäre besser: Erst den Bedarf feststellen und dann das Budget festlegen. Für mich persönlich war ärgerlich, dass ich alles gemacht habe, um an der OS bleiben zu können und dennoch hat dies nicht ausgereicht.

Frage:Welche Note geben Sie dem Personalmanagement der Behörde?
Lars Hirschfeld: Ich muss sehr mit mir ringen, ein "ausreichend" zu geben. Die Unterrichtsversorgung wird gerade so gesichert. Die langfristige Planungssicherheit und Kontinuität für die Schulen und die Lehrkräfte fehlt.

Frage: Was muss aus Ihrer Sicht anders organisiert werden?
Lars Hirschfeld: Dass gespart werden muss, verstehe ich. Das Lehrkräfte-Verschieben von Schulen mit Lehrer-Überhang an Schulen mit Bedarf ist auch ok, aber das kurzfritige und in diesem Jahr viel zu späte Organisieren wirkt unprofessionell und panisch. Als Bewerber für Bremer Stellen muss man einen langen Atem haben. Das ist im vergangenen Jahr auch nicht viel besser gelaufen. Viele meiner Mit-Referendarinnen und Referendaren haben sich auch deshalb für bessere und sichere Angebote aus Hannover, Hamburg oder Kiel entschieden.

Frage: Gibt es etwas Positives, was Sie aus diesem Sommer mitnehmen.
Lars Hirschfeld: Meine Kolleginnen und Kollegen an der OS Findorff haben in den entscheidenen Wochen mitgefiebert und mitgezittert. Großen Zuspruch gab es auch von den Eltern und natürlich von den Schülerinnen und Schülern. Das hat mich trotz meiner zwischenzeitlichen Niedergeschlagenheit sehr gefreut. Gerade meine Schüler, von denen ich als eher strenger Lehrer immer viel erwarte, haben sich als politisch mündig erwiesen, haben viel auf die Beine gestellt. Und wenn eine Protestaktion gegen die Bildungspolitik eine falsche Richtung genommen hat, haben sie verantwortungsbewusst eingegriffen und sie aufgelöst. Diese Erfahrungen haben allerdings den Abschied von der OS Findorff wieder schwieriger gemacht.

Frage: Wie geht es für Sie jetzt weiter?
Lars Hirschfeld: Meine neue Schule in Bremerhaven, die OS am Leher Markt, ist toll. Ich bin Klassenlehrer einer 5. Klasse, muss mich aber wieder einarbeiten. Erstmal bin ich Angestellter, soll aber ins Beamtenverhältnis wechseln. Hoffentlich bald. Privat steht ein Umzug an - von Findorff an die Küste nach Bremerhaven.

Die Fragen stellte Karsten Krüger

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