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SchwerpunktExklusive Pandemie!

Wie mangelhafte Rahmenbedinungen in Schule dern Lernerfolg gefährden - besonders in Krisenzeiten (ungekürtze Fassung)

16.02.2021 - Ina Röske - Lehrerin in Bremerhaven

Das Schulsystem im Land Bremen kann sich rühmen, im Umbau zu einem inklusiven Schulsystem, Vorreiter zu sein. Doch Statistiken, wie viele Schülerinnen und Schüler inklusiv unterrichtet werden, helfen nur bedingt. Denn bereits vor Corona-Zeiten war die Umsetzung der Inklusion in Bremen mangelhaft. Der Grund ist einfach zu benennen: Mangel!

Es fehlt an …

  • Geld! (BLZ Nr. 6/2020 Bildung Ohne gute Finanzierung möglich, aber sinnlos)
  • Personal: Die Personaldecke war und ist viel zu dünn gestrickt, die demografische Rendite fehlkalkuliert.
  • unterschiedlichen Professionen, wie Schulsozialarbeiter*innen, Krankenpfleger*innen, persönliche Assistenzen, Schulpsychologen*innen, Sonderpädagogen*innen, Sozialpädagogen*innen, Erzieher*innen, Betreuer*innen, Therapeuten*innen .
  • qualitativ und inklusiv ausgerichteter Aus- und Weiterbildung. Es muss Schluss sein damit, Lehrkräfte irgendwie einzusetzen. Jede*r ist froh, wenn die Starkstromleitung von einem Elektriker*in und nicht von einem*r Maurer*in verlegt wird. Im Bildungswesen scheinen andere Qualitätskriterien zu gelten.
  • inklusiv gestalteten Gebäuden, die barrierefrei sind, über mehr Platz und Funktionsräume verfügen und eine neue Lernkultur ermöglichen. Zurzeit begnügt man sich mit maroden Gebäuden und darf sich freuen, wenn Fenster zum Lüften ausgetauscht werden. Der Zusammenhang von Sauerstoff und Lernen – Neuland?
  • einem neuen Arbeitszeitmodell für Lehrkräfte, damit Teamarbeit nicht als nettes oder konfliktreiches On Top stattfindet. Von Networking und Supervision sind wir dann noch ganz weit entfernt.
  • DaZ-Lehrkräften und DaZ-Stunden, damit alle, die es benötigen, Deutsch lernen können. Dies funktioniert nicht nebenbei!
  • Lerntherapien und Lerntherapeuten*innen, die Kinder aufgrund § 33a SGB VIII unterstützen.
  • materieller Ausstattung, Lernmaterialien und –medien, die langfristig sichergestellt werden.
  • ein Umdenken! Inklusion heißt letztlich nichts anderes als eine „Schule für alle“, und zwar für alle Kinder und Jugendliche, unabhängig einer Beeinträchtigung, einer Behinderung, von ihrer sozioökonomischen, religiösen oder kulturellen Herkunft und der eigenen sexuellen, geschlechtlichen Identität.

Inklusion unter Pandemiebedingungen

Solch ein marodes System findet sich nun mitten in einer Pandemie wieder, wodurch sich die katastrophalen Bedingungen für Schüler*innen, Lehrkräfte und alle, die das Kind unterstützen dramatisch verschärfen. Alle arbeiten unter Hochdruck, um trotz Pandemie ein Bildungsangebot zu ermöglichen. Nicht selten gehen sie dabei selbst ein erhebliches Gesundheitsrisiko ein. Unterricht mit Pandemie bedeutet Präsenzunterricht auf 1,5 m Abstand, Unterrichten mit Maske, ständiges Lüften und Hände waschen, Frieren und zwischendurch Hybrid- und digitales Lernen „mal eben“ aus dem Hut zaubern. Die Zeiten sind hektisch – umso wichtiger erscheint es, innezuhalten und einen reflektierenden Blick auf das eigene Bildungsverständnis zu wagen. Es bleibt zu diskutieren, inwiefern die Digitalisierung, die Pandemie und die Erfahrungen in einem desolaten inklusiven Schulwesen einen veränderten Bildungsbegriff prägen oder beeinflussen. Was ist eigentlich der genuin bleibende Auftrag der Lehrkräfte und aller, die an der Bildung der Kinder und Jugendlichen mitwirken? Ein Blick in die Landesverfassung Bremens § 26 und § 27 kann hier weiterhelfen. Der Inhalt ist so lohnenswert, dass er im Infokasten auf Seite X abgedruckt wird . Hier einige wesentliche Schlagworte, die den Bildungsauftrag mit definieren:

  • Erziehung zu einer Gemeinschaftsgesinnung, zur Achtung vor der Würde jedes Menschen, zu Arbeitswillen und Verantwortung Erziehung zum eigenen Denken
  • Teilnahme an einem friedlichen, interkulturellen Zusammenleben
  • Jede*r hat nach Maßgabe ihrer/seiner Begabung das gleiche Recht auf Bildung.

Die Grenzen des digitalen Lernens sowie die stümperhaft umgesetzte Inklusion aufgrund von Ressourcenknappheit liegen hier klar und deutlich auf der Hand.

Auswirkungen auf Kinder mit Beeinträchtigungen

Die vulnerablen Gruppen, die vor der Pandemie in einem ausgebluteten System bereits nicht richtig unterstützt und begleitet werden konnten, bekommen dadurch die Auswirkungen der Pandemie besonders hart zu spüren.

Wie vielfältig das „Lernen“ unter Corona-Bedingungen für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen sein kann, veranschaulichen folgende Stichpunkte exemplarisch:

  • Lernen in Angst, weil die Eltern arbeitslos geworden sind. Der Niedriglohnsektor ist in besonderem Maße während der Pandemie betroffen. Die Armutsquote von Kindern liegt in Bremerhaven bei 42,2 % (Nordseezeitung, 18.12.2020, S. 12).
  • Menschen mit Beeinträchtigungen im Hören, die auf das Lippenlesen angewiesen sind – mit Masken, ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen.
  • Die Grenzen des digitalen Lernens: Das Lernen auf der Lernplattform „its learning“ ohne richtig Lesen, Schreiben oder die deutsche Sprache zu können, lässt ebenso wie das wilde Herumwischen auf einer Lern-App, um die nächsten Punkte für ein hirnloses „tipptipptipp“ Spiel zu sammeln, wenig Lerneffekte vermuten.
  • Kinder/Jugendliche und Eltern, die die deutsche Sprache nicht oder kaum beherrschen, sollen sich in der Corona-Informationsflut zurechtfinden, die selbst hochgebildete, deutschsprachige Menschen mit Fragezeichen zurücklassen.
  • Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, die in besonderem Maße eine sinnesstimulierende Umgebung benötigen, lernen per App.
  • Kinder und Jugendliche, die zu Hause wenig bis keine Unterstützung bekommen, weil ihre Eltern – aus welchen Gründen auch immer – diese Unterstützung nicht leisten können (Sucht, Überforderung, Traumata, psychische Störungen, Armut, Existenzängste, Berufstätigkeit…).
  • Kinder und Jugendliche mit individuellen Beeinträchtigungen wie Entwicklungsverzögerungen, Mutismus, Autismus, psychischen Störungen, chronischen Erkrankungen, Traumata, Schulangst, Fluchterfahrungen, emotional-sozialen Förderbedarfen, sexuellem Missbrauch, Sprach- oder Lernstörungen sitzen vor ihrem I-pad, um zu „lernen“. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Stellenwert der Digitalisierung

Die Digitalisierung wird unter dem Druck von Schulschließungen, Teilschließungen oder Quarantäne nach vorne gepeitscht. Längst dient die Digitalisierung an vielen Fronten: Bildung in Zeiten der Pandemie, Umsetzung von Inklusion, Reduktion von Benachteiligung durch den gleichberechtigten Zugang von Information, Beheben des Personalmangels. Die Digitalisierung als Allzweckwaffe!? Keine Frage, in meinem letzten Artikel forderte ich utopischerweise ein I-Pad für alle Schüler*innen, damit Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien nicht per se aufgrund einer fehlenden, technischen Ausstattung vom Lernangebot abgeschnitten sind. Chapeau! Ein Dank an alle, die tatkräftig schnell gehandelt und viel Geld in die Hand genommen haben, um allen Schüler*innen und Lehrkräften ein I-pad zur Verfügung zu stellen, teilweise sogar bei Bedarf mit Internetanschluss. Das war ein Schritt in die richtige Richtung! Viele weitere müssen folgen, denn das Austeilen von I-Pads und die reinen Anwendungsfortbildungen für Lehrkräfte kommen einem Bildungsanspruch nach der Maßgabe der Bremischen Landesverfassung nicht nach. Es kann immer nur darum gehen, wie das Werkzeug Technik für ein Mehr an Bildung eingesetzt werden kann.

Ausstattung des Bildungswesens während der Pandemie

Zu Recht wurde während der Pandemie die schwarze Null aufgegeben und Milliardenhilfsgelder zur Verfügung gestellt. Es muss, auch angesichts der Landesverfassung, die bohrende Frage erlaubt sein, wo die Finanzspritze für Bildung und Teilhabe bleibt? Eine Runde I-Pads für alle reicht da nicht. Wo werden die schwerbehinderten Menschen unterstützt, die aufgrund der Krise ihren Arbeitsplatz verloren haben? Wo sind die allerbesten Schutzvorrichtungen und -ausstattungen in den Schulen, um möglichst viel Bildung und Teilhabe unter Pandemiebedingungen zu ermöglichen? Wo sind die zusätzlichen Schulplätze für die Jugendlichen, die aufgrund der Corona-Pandemie keinen Abschluss schaffen oder keinen Ausbildungsplatz erhalten werden? Vielleicht werden es im nächsten Jahr dann mehr Jugendliche sein, die in unbewohnte Wohnungen einbrechen und auf der Tankstelle nebenan auf die Toilette gehen. Heimplatz? Mangelware. (P.S.: Letzteres Szenario ist kein ausgedachtes Schreckensgespenst, sondern die Schilderung einer Kollegin).

Die Krise im Management

Die Bildungsbehörde sollte ihren Job machen und durch die Krise führen. Stattdessen gleicht der Maßnahmen-Hick-Hack im wechselnden Zwei-Wochen-Rhythmus eher einem Blindflug. Hier gilt: Planbarkeit und Verlässlichkeit können Halt und Stabilität in unsicheren Zeiten geben.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das krampfhafte Festhalten am Präsenzunterricht mit Verweis auf die Bildungschancen der Kinder. Dies erscheint nach jahrzehntelangen gravierenden Versäumnissen absolut unglaubwürdig. Hier gilt: Ein gut aufgestelltes, vernetztes, personell umfassend ausgestattetes Schulsystem kann auch auf eine Pandemie wesentlich besser reagieren. Jetzt heißt es: Gesundheitsschutz und Bildung nicht gegeneinander ausspielen.

Doch nehmen wir die Aussagen um die Sorgen der Bildung und des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen ernst, könnte dahinter hoffnungsvoll auch ein Zustand der Erleuchtung stehen: die Einsicht, dass Bildung für alle in der Tat das höchste Gut einer demokratischen Gesellschaft ist. Es ist ein Mut machender Gedanke, wenn sich durch die Bedingungen der Pandemie ein Bildungsverständnis etabliert, das den Bildungsauftrag nach dem Artikel 26 der Bremischen Landesverfassung ernst nimmt. Diese Überzeugung wird zu einem entschlossenen und schnellen Handeln führen, so dass die Schulen endlich dauerhaft und verlässlich auf eine Weise ausgestattet werden, damit sie ihrem inklusiven Bildungsauftrag nachkommen können. Nur so werden Schulen zu wahren Leuchttürmen einer inklusiven und damit auch demokratischen Bildung für alle Kinder und Jugendlichen mit ihren Familien. Eine Schule für alle Kinder und Jugendliche, die stärkt und niemand zurücklässt.

Starten wir gemeinsam die nächste Utopie!