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BildungspolitikTrojanisches Pferd

Lüge, Betrug und Diebstahl im Bremer Bildungswesen

16.03.2019 - Wilfried Meyer

Bis zum Jahr 2004 lief in der Bildung alles schief. So jedenfalls muss man die aufgeregte Reaktion der Bildungspolitik und mancher Medien auf den sogenannten „PISA-Schock“ in Deutschland und den Bundesländern deuten. Dabei wurde der Pisa-Test bewusst eingesetzt, um die Bildung umzukrempeln. Ein Trojaner hielt Einzug. Hatten wir bis dato das Ziel mündige, denkende, soziale, kritische und demokratisch agierende Bürger zu bilden, kamen jetzt Effizienz und Input-Output und die sogenannte „Kompetenz“ auf die Tagesordnung. Wortwahl aus dem Bereich der Wirtschaft. Gut platziert von der OECD und medial begleitet von z.B. der Bertelsmann AG. Die OECD ist eine Organisation der Wirtschaft, nicht der Bildung! Ein Schelm, wer da nicht an Markt und Profit denkt. Die KMK nahm diesen Ball auf, kreierte eine gut geschmierte Testindustrie und bezahlte einen vagabundierenden Haufen sogenannter Bildungsforscher, Psychometriker, Statistiker, Evaluateure..., die sich in Qualitätsinstituten, Qualitätsabteilungen und anderen gut klingenden Instituten austoben. Die aktuellen Beratungen an Bremer Schulen werden von Nichtpädagogen gemacht. Deren Tun wurde nie mit demokratisch legitimierten Erziehungswissenschaftlern und den Profis an den Schulen abgestimmt. Sie machen uns unverständliche und bis heute nicht akzeptierte „Verbesserungsvorschläge“. Sie wollen nur Akzeptanz und nicht etwa Beteiligung! (Konzeption der KMK zur Nutzung der Bildungsstandards für die Unterrichtsentwicklung, S.22) Bis heute ist nicht klar was mit „Kompetenz“ eigentlich genau gemeint ist. Es ist ein Containerbegriff, der mal so mal so gefüllt wird. Meistens bezieht man sich auf diesen: Kompetenzen sind  „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen (willentlich) und sozialen Bereitschaften, damit die Problemlösungen in variablen Situationenerfolgreich und verantwortungsvoll genutzt werden können.“ (Quelle: Weinert (Hrsg.) Leistungsmessungen in Schulen; 2001)

Es wird behauptet, dass früher „träges Wissen“ und heute „intelligentes Wissen“ durch  „Kompetenzorientierung“ entstünde. So wurde uns Sprachmüll wie dieser auf den Schreibtisch gekübelt: „Die angesprochenen Kompetenzbereiche zeichnen sich u. a. dadurch aus, dass sie jeweils kognitions-, motivations- und handlungsbezogene Komponenten enthalten. Aufgrund der hohen Komplexität und sich überlagernder Teilaspekte überfachlicher Kompetenzen sind eine trennscharfe Unterscheidung der Kompetenzbereiche und ihrer Dimensionen sowie die ausschließliche Zuordnung von Standards zu nur einem der dargestellten Bereiche und/oder einer der Dimensionen oft nicht möglich und auch nicht erforderlich.“( Bildungsstandards und Inhaltsfelder – Das neue Kerncurriculum /Hessisches Kultusministerium) Wer so etwas produziert oder zulässt, gar dafür Geld ausgibt, der ist von der Realität meilenweit entfernt. Ebenso unklar und willkürlich bleibt bis heute das Geheimnis der Kompetenzniveaustufen dieser Standards von Minimal bis Maximal und die 356-683 Punkte dieser Stufen. Die Kriterien sind geheim!? (KMK, s. o. S.14-15) Standards werden angeblich durch Kompetenzen erklärt!? Klar, man will die Schüler vermessen und seit 2004 die „Effizienz“ steigern. Solche abstrusen Ideen und anfallartigen Formulierungsschübe  entstehen nur in schlecht gelüfteten , miefigen Behördenstuben von Qualitätsträumern, die Sprache gern auch als Herrschaftsinstrument und zur Einschüchterung, wenigstens zum Blenden, missbrauchen, da sie nicht für Menschen schreiben, die das lesen wollen und uns mit verschwurbeltem Sprachmüll belehren wollen, den sie nicht erklären können, weil sie Unsinn verankern möchten, den wir nicht begreifen, akzeptieren und gar nicht erst hören wollen. Den Nutzen ihrer Taten aber können sie genauso wenig beweisen wie sie einen Erfolg vorweisen können. Zehn Jahre reiten sie das trojanische Pferd schon ohne Erfolg.

Betrug an der Bevölkerung, Betrug an Mitarbeitern

Im Gegenteil! Ihren Misserfolg, ihr Versagen, wollen sie nicht wahrhaben. Deswegen fordern wir eine Auswertung ihrer Maßnahmen bis heute vergeblich. Es ist billig zu behaupten, die Schulen und der Unterricht würden die schlechten Ergebnisse produzieren. Nein, das Versagen liegt bei verantwortlichen Politikern und ihrem Gefolge in der Bildungsbehörde. Wir haben seit 2004 die 5. Bildungssenatorin der SPD und alle behaupten, sie würden den Unterricht verbessern, (der ja im Übrigen vorher nicht bemängelt und daher nicht schlechter gewesen sein kann,wir tippen auf inhaltlich eher besser). Womit wir bei Bremen wären. Bremen sprang spätestens 2007 auf diesen Narrenzug auf: „Orientierungsrahmen Schulqualität“, Schulentwicklungsplan, Qualitätsabteilung, Ziel-Leistungsvereinbarungen, VerA3, VerA8, Ländervergleich,...“Offensive Bildungsstandards“, Zeitschrift „Schule Aktuell“, Clusterfortbildungen für Brennpunktschulen, Rasterzeugnis, KompoLei, und alles weitgehend beschränkt auf die Fächer (neu-deutsch „Domänen“) Deutsch und Mathe. Jahr für Jahr, Altersstufe für Altersstufe, Bundesland für Bundesland. Mal war Schweden, mal Korea vorn, mal Bayern, nie Bremen. Ein Auf und Ab im selbstgewählten Ranking. Cito, Kermit 2, VerA3, Ländervergleich 4, Kermit 5, Kermit 7, VerA8, Kermit 9, Iglu, Pisa und Timss! Ja geht es noch? Politik rennt immer hinterher. Armes Bremen, Klassenletzter mit immer „ca.30% unter Minimalstandard“. Dass das Ganze mit Geld, mit Finanzierung, mit einer nötigen, sorgfältigen Planung etwas zu tun haben könnte, das fiel ihnen nicht ein. Ihre eigene „Null-Effizienz“ kam ihnen nicht in den Sinn. Es wurde der Druck erhöht, die Mehrarbeit ausgeweitet. Im Munde führte man immer die „gute Schule“, die „Verbesserung“, so betrog man die Öffentlichkeit samt Senat und auch die Kollegien.

Alter Wein in alten Schläuchen.Die Zwickmühle

Denn gleichzeitig verschlechterten sich die Bedingungen weiter: weniger Fachkräfte durch Abbau der Ausbildungskapazitäten an LIS und Uni, Sparmaßnahmen -Schuldenbremse, Gebäudesanierungsstau, Zuzüge und Geburtenzahlen stiegen, Containerschulen entstanden an über 20 Standorten (Kitas gar nicht mitgezählt), Armut und prekäre Beschäftigung taten das ihre in Bremen. Und in dieser Zwickmühle sitzen sie heute, und leider wir auch. Dass es so bergab ging, das ist doch logisch! Jetzt bieten sie alten Wein in alten Schläuchen als Jungbrunnenwasser an. Statt sich auf die vorhandenen Daten und Professionen an Schulen und bei den Mitarbeitern an den Schulen zu stützen, holt man aktuell a la Dr. Eisenbarth nur die dickere Keule aus dem Beutel: Verschleudert Gelder für ein neues Institut mit Sesselhockern, will noch mehr Tests an den Schulen. Das ist Zeitdiebstahl durch sinnlose Mehrarbeit. Dadurch wird der Unterricht noch schwieriger, weil durch diese weiteren Dokumentationspflichten sinnvolle Unterrichts-Zeit gestohlen wird.  Und wenn sie sich eigentlich an die eigene Nase fassen müssten, dann heißt es gern „die KMK hat das so beschlossen“!

 Zu behaupten, es gäbe nach 10 Jahren dieser sinnlosen Behördentätigkeiten nicht genug Daten und diese Lüge als Grundlage zu nehmen, um ein neues Institut und neue Tests einzuführen, ist schlicht unverschämt, dreist und nur erdacht, um von eigenen Fehlern abzulenken. Der Unsinn soll noch gequirlt und dann quadriert werden. Vielleicht kann man in den Schulen frisch eingestellte MitarbeiterInnen damit erschrecken, beeindrucken oder belügen, aber alle, die sich in den letzten 10-15 Jahren in der Bremer Bildungswüste, die man wahrlich gut ausgetrocknet hat, im Schuldienst redlich abgemüht haben, sollten sich nicht VerA... lassen. Da alle Parteien diesen Blödsinn aktuell unterstützen, kann man schon vom Glauben abfallen. So muss die Abwehr der Trojaner, Zeitdiebe und Bildungsbetrüger an den Schulen zusammen mit der Gewerkschaft und dem Personalrat Schulen erfolgen. Auch wenn man sich angesichts dieser Pläne einfach umdrehen könnte frei nach dem Motto „die können mich mal...“, jedenfalls nicht beeindrucken.

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