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AK FrauenToxistische Männlichkeit

Antisemitismus und Antifeminismus

16.11.2019 - Romina Schmitter

Inzwischen ist der Terroranschlag auf die Synagoge in Halle dabei, in Vergessenheit zu geraten. Aber der nächste Anschlag kommt bestimmt, denn das Ganze hat System. Terrorismusexperten haben Täterprofile erstellt. Die Täter orientieren sich an Vorgängern wie dem Norweger Anders Breivik, der 2014 die Jugendlichen einer Ferieninsel erschoss. Sie filmen ihre Verbrechen aus der Ego-Shooter Perspektive und stellen sie ins Internet. Sie sind Waffennarren und Einzelgänger, die täglich 16 bis 18 Stunden im Internetchats unterwegs sind. Sie kündigen ihre Vorhaben in Manifesten an, in deren manichäischem Weltbild heterosexuelle weiße Männer die Guten, Juden, Muslime, Schwarze, Homosexuelle und Frauen die Bösen sind. Es sind junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren, die sich als "Beta-males" und  "Incel´s" verstehen die unfreiwillig sexuell enthaltsam sind. Ihre bevorzugten Hausobjekte sind Juden. Dabei geht aus den Manifesten und Terrorakten hervor, dass sie, was oft ignoriert wird, Frauen ebenso hassen.

 

Es mag gewagt erscheinen, Juden und Frauen in diesem Zusammenhang gleichzustellen. Aber einmal zeigt die Geschichte, dass beide als Objekte verbaler und realer Verfolgung eine jahrhundertealte Konstante bilden, angefangen von der Bibel mit Judas, dem" Verräter", und Eva, die Adam verführte. Über Hexenverfolgung und Holocaust bis zur Autorin Hedwig Dohm, die 1876 schrieb, dass Juden wie Frauen "unterdrückte Menschen" sind, die keine Rechte haben. Selbst aus Veröffentlichungen der Aufklärung - "über die bürgerliche Verbesserung der Juden" (1781 C.W. Dohm) und "über die bürgerliche Verbesserung der Weiber" (1792 Th. H. von Hippel) - geht hervor, dass Juden und Frauen notorische "Außenseiter" sind (Hans Mayer, 1981). Zum anderen zeigen die gegenwärtigen Terrorakte eine vergleichbare Parallele. In Verlautbarungen der Täter heißt es nicht nur: "Töte … bevorzugt Juden!“ sondern auch: "Für jede getötete Frau mache ich ein Bier auf!“ und der Attentäter der "University of California“ verkündete: "Es wird mir großen Spaß machen, euch alle abzuschlachten". Die Spitze des sprichwörtlichen Eisberges sind die "Feminizide", vor allem in Mexiko.

Soziologen haben für das Verhalten der Attentäter den Begriff der „toxischen Männlichkeit“ geprägt. Damit ist ein aus Unsicherheit und gesellschaftlichen Versagen resultierende übertriebene Zuschaustellung von Verhaltensweisen gemeint, die von den Tätern als "männlich" erachtet werden, obwohl sie sich gegen sie selber richten. Diese Männlichkeit ist ebenso menschenfeindlich wie antidemokratisch. Die wichtigsten Grundrechte demokratischer Verfassungen, im Grundgesetz "Schutz der Menschenwürde, Menschenrechte" (Artikel 1) und der Gleichberechtigungsgrundsatz (Artikel 3), der von der Verfassungskommission 1994 um den Satz "der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern.. ." erweitert wurde, werden missachtet. Die Gefahr für die real existierende Demokratie besteht darin, dass das reaktionäre und faschistisch geprägte Weltbild der Täter nicht nur in Parteien wie der AfD ankommt, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft ein Echo findet.

Inzwischen ergreift der Staat Gegenmaßnahmen, zum Beispiel mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz, nach dem demokratiefeindliche Hetze in Facebook, YouTube und Twitter verfolgt werden kann. Wachsende Teile der Gesellschaft reagieren mit Demonstrationen, Menschenketten und öffentlicher Identifikation mit den Opfern. Terrorexperten sehen in der sozialen Deprivation der Täter einen Grund für ihre Verbrechen. "Während meiner Recherchen", schreibt Dale Beran ,"sprach ich mit vielen, die sich von unfreiwilliger Enthaltsamkeit, Faschismus und den Chans abwandten, wenn sich Lebensumstände oder Ausbildungsstand verbesserten". Gefragt sind aber auch Schulen. Ein Lehrer der Internationalen Gesamtschule in Heidelberg bietet Jungen-AGs an, in dem die Teilnehmer lernen, dass soziales Verhalten und Sprechen über Gefühle nicht unmännlich sind. Die AGs sind sehr erfolgreich. Ebenso sollten Veranstaltungen zu geschlechtergerechter Erziehung, die von den GEW Frauen initiiert worden sind, vermehrt angeboten werden.

Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und Gleichtelllungsbeauftragten (BAG):
Antifeminismus als Demokratiegefährdung? Antonio Amadeo Stiftung Berlin 2019