GEW Bremen
Du bist hier:

Tolpuddle

Tolpuddle – Gewerkschafts –Musik-Festival in England

16.09.2015 - Hilga Maria Pees u.a.

Vom 17.7.-19.7. hielt sich eine Gruppe von Gewerkschaftskolleg_innen aus Hamburg, Bremen und Bremerhaven  in Tolpuddle, in Südengland auf, um an dem ‚Martys‘ Festival‘ teilzunehmen. Dieses Festival wird jedes Jahr am dritten Wochenende im Juli von dem größten Gewerkschaftsdachverband in England TUC  organisiert und wir nahmen in Form eines Seminars der gewerkschaftlichen Bildung dran teil. Ausgesucht ist dieser kleine Ort auf Grund einer geschichtlichen Begebenheit, der bis heute für das Recht auf Bildung von gewerkschaftlichen Vereinigungen und der Repräsentation ihrer Stärke große Bedeutung zugemessen wird.

Im Jahre 1834 wurden sechs Landarbeiter aus Tolpuddle zu sieben Jahren Verbannung nach Australien verurteilt, weil sie sich zu Verbesserungen ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen zusammengeschlossen hatten. Ihre Verurteilung führte zu solch einem massiven und bis dahin unbekannten Protest von gewerkschaftlich orientierten Arbeitern im ganzen Land, dass sie begnadigt wurden und schon nach drei Jahren aus ihrer Verbannung zurückkehren konnten. Ihnen zu Ehren ist am Rande von Tolpuddle ein Museum eingerichtet, das über ihre Geschichte und die Auswirkung auf die gewerkschaftliche Bewegung in England informiert. In Besinnung auf dieses historische Ereignis, zum Informationsaustausch und zur Bekräftigung des gewerkschaftlichen Kampfgeistes kommen jedes Jahr Hunderte von gewerkschaftlich engagierten Menschen mit Kind und Kegel aus allen Teilen des Landes zusammenzusammen.

Beeindruckend war der überaus „(links-)politische“ Charakter dieses britischen Gewerkschaftsfestivals.

Nähert man sich diesem Ort, fällt als erstes die große Zeltstadt mit den vielen bunten Fahnen auf, die sich an einem Hügel entlang aufgebaut hat. Fast volksfestartig mutet der Besucherin das Treiben auf dem Gelände an. Für das leibliche Wohl ist ausreichend mit einem vielfältigen kulinarischen Angebot gesorgt. In weiteren Zelten werden Informationen von unterschiedlichsten Initiativen und Diskussionsrunden zu aktuellen gewerkschaftlichen Themen wie Bildungspolitik, Zukunft der Gewerkschaft in England, Fragen zum Verbleib in der EU etc. angeboten, zwischendurch finden kurze kulturelle Veranstaltungen mit Musik und kleinen kabarettistischen  Einlagen statt. Abends gibt es ein reichhaltiges musikalisches Programm.

Völlig unvorstellbar für ein deutsches DGB-Fest, ist das klar links-gewerkschaftlich, sozialistische Bekenntnis der Menschen dieses Festivals. In einer für die deutsche Gewerkschaftsbewegung undenkbaren, augenzwinkernden Lockerheit, wird sich hier auf T-Shirts, Plakaten und Buttons in derb-tiefgründiger Weise über die britische Politik – allen voran Maggie Thatcher als die Gewerkschaftszerstörerin angegangen und attackiert – ausgebreitet und ausgelebt!

Wunderschön das Nebeneinander der vielen linken Splitter- und Kadergruppen, die sich in ihren Analysen des Ist-Zustandes der Welt und insbesondere der Gewerkschaftsbewegung Großbritanniens (und hier auch in ihren Zielen) völlig uneins zu sein scheinen, aber im gemeinsamen Feiern und ihrer Beharrlichkeit an den Infoständen einen sozialistisch-humanitären Grundkonsens zeigten.

Politisch-kultureller Höhepunkt sicher auch der Auftritt von Billy Bragg „there is power in a union“ (https://www.youtube.com/watch?v=f-PooyRvnxw), den einige von uns aufgrund der Abflugzeit selbst nicht mehr mit erleben konnten und auch die sehr politisch-ironische Auseinandersetzung u.a. mit der Merkelschen Europapolitik durch „Jonny & the Baptists“.

Mal abgesehen von Billy Bragg würde niemand so recht (nur) wegen der Musik kommen; allein:

allen gemein war die offensive Aussage, links-gewerkschaftlich, politisch kommentierende Texte zu präsentieren. Ob das nun die girlie-Band aus London (The Tuts) oder Neck, die „London-Irish Psycho-Céilidh Rockers“…

Interessant auch, die verschiedenen Gewerkschaften kennenzulernen: NASUWT (National Association of Schoolmasters Union of Women Teachers) und NUT (National Union of Teachers) sind die beiden größten Gewerkschaften, die sich für Lehrer_inneninteressen einsetzen. Für die Sozialarbeiter_innen ist es unison (Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst in Great Britain). Und während sie sich in den Zeiten außerhalb des Festivals bekämpfen und um ihre Mitglieder buhlen, erleben wir hier in Tolpuddle eine offensive Einmütigkeit.

Der Höhepunkt dieser Veranstaltung findet am Sonntag statt, wenn die einzelnen gewerkschaftlichen Gruppierungen vom Museum aus mit ihren prunkvollen Bannern und Blasmusikkapelle in den Ort hinein-und wieder zurückmarschieren.

Ein Gewerkschaftsfestival der besonderen Art – einer von 1000 Orten, an denen man/frau mal gewesen sein muss. Die naiv-utopische Vorstellung, so oder ähnlich könnte mal ein 1. Mai in Deutschland ablaufen, trieb uns vor Rührung die Tränen in die Augen…

Alles in allem ist dieses Ereignis eine gute Möglichkeit in entspannter und aufgelockerter Atmosphäre, Kontakte zu knüpfen, Gespräche zu führen und einen kurzen Einblick in die gewerkschaftliche Arbeit in England zu gewinnen.

Auch wenn das ganze Wochenende mit An- und Abreise nach Südengland von Bremerhaven aus noch vor Anfang der Sommerferien eine logistische und auch körperliche Herausforderung war (7 Stunden nach meiner nächtlichen Heimkehr hatte ich Elterngespräche) hat sich das Wochenende in Tolpuddle voll gelohnt. Neben netten und interessanten Gesprächen mit britischen KollegInnen ließen sich die kulturellen Highlights bei perfekten Wetterbedingungen gut genießen. Vom fahrbaren Kino in einem Bus, indem politische Kurzfilme gezeigt wurden, bis zu unterhaltsamer Musik, war für jeden etwas dabei. Auch für Kinder gibt es auf diesem Festival attraktive Angebote. Ich selber habe mich über den bitterbösen Humor von ‚Jonny and the Baptists‘ und deren Lieder zu UKIP sehr amüsiert. Was dieses Festival für mich auszeichnet ist, dass es genügend Abwechslung bietet und gleichzeitig übersichtlich ist. Auch wenn das Zelten an einem leichten Abhang etwas gewöhnungsbedürftig ist, machen die Duschen die Festivalzelterfahrung sehr angenehm. Am besten lässt sich dies Festival natürlich mit einem weiteren Aufenthalt in England verbinden, aufgrund der Sommerferien in den nächsten Jahren sollte dies dann für KollegInnen aus dem Land Bremen kein Problem sein.

Hilga Maria Pees | Katharina Krieger | Christian Gloede

 

 

Zurück