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Stoffwechsel-Störung

Ein 13-jähriger Schüler eines Bremer Gymnasiums kommt mit verändertem Outfit in die Schule. Er trägt plötzlich Bomberjacke und Springerstiefel. Für den Klassenlehrer deutet das auf eine Zugehörigkeit zur rechten Szene hin. Seine Bemerkung »Was ist denn mit dir los? Bist du jetzt rechts?« flankiert er mit der Weitergabe einer Telefonnummer. »Hier. Ruf da mal an!« Eine Antwort wartet er gar nicht erst ab. Der Schüler zerreißt den Zettel mit der Kontaktnummer von EXIT-Deutschland auf der Stelle und kommt am nächsten Tag wieder in seinem neuen Outfit in die Schule. Jetzt hat er sich zusätzlich eine Glatze rasiert.

16.09.2015 - Dennis Rosenbaum

Ist dieser Schüler rechts? Rechtsextrem? Lässt sich das anhand seiner Kleidung beantworten? Wollte der Lehrer das überhaupt wissen? Oder war er nur froh, eine klare Ansage gemacht und seine Ablehnung gezeigt zu haben? War er schlicht überfordert mit der Situation? Fühlte er sich provoziert und provozierte zurück? Und wie hat der Lehrer am nächsten Tag auf die neue Frisur des Schülers reagiert? Hat er ihm die Telefonnummer eines Friseurs gegeben, der auch Haarverlängerungen anbietet? Letzteres hätte vermutlich ähnlich geringe Erfolgsaussichten gehabt wie der Hinweis auf EXITDeutschland. Und warum überhaupt die Nummer eines Aussteigerprogramms? Ist der Jugendliche denn per Dresscode in etwas drin, woraus er aussteigen kann? Oder ist er gerade erst dabei einzusteigen? Viele Fragen. Eines scheint aber offensichtlich: Angenähert haben sich beide durch diesen Situationsverlauf eher nicht. Wäre nicht aber genau das nötig bei einem ernsthaften Interesse des Lehrers an einer Hilfestellung für den Schüler? Vielleicht will der Schüler aber gar keine Hilfe. Danach gefragt wurde er nicht. Vermutlich ist der Lehrer auch nicht die Person, mit der er sich über seine Motive für die neue Kleidung unterhalten will.

Erfahrungen aus der aufsuchenden Jugendarbeit zeigen, dass junge Menschen sehr wohl daran interessiert sein können, sich über derartiges mit Erwachsenen zu unterhalten – immerhin ist Kleidung und Style für viele ein wichtiges Element ihrer Lebenswelt, ihrer Selbstdefinition, ihrer Identität. Begegnet man ihnen allerdings voreingenommen, vorverurteilend und von oben herab, wird die Chance auf einen Dialog im Keim erstickt.

VAJA arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren aufsuchend im öffentlichen Raum der Stadt Bremen u.a. mit Jugendcliquen, in denen sich rechtsextreme Affinitäten zeigen oder bereits manifestiert haben. Neu ist ein Angebot des Trägers, das die pädagogische Auseinandersetzung mit rechtsextrem orientierten jungen Menschen (und ihre langfristige Begleitung) ermöglicht, die sich gerade nicht im Gruppenkontext in der Öffentlichkeit präsentieren. Wie in diesem Fall. Auch wenn der Lehrer allein aus dem Outfit seine zunächst gewagt anmutenden Schlüsse zog, so muss konstatiert werden: Er lag richtig. Der Schüler war an einem Punkt, an dem er rechtsextreme Orientierungen für sich als subjektiv sinnstiftend erachtete und diese Haltung über seine Kleidung nach Außen transportierte. Sein Auftreten war zwar politisch keineswegs eindeutig und gemessen an den aktuellen Erscheinungsformen rechtsextremer Szenen zudem recht anachronistisch, aber für ihn hatte es eine politische Bedeutung.

Letztlich verstrichen noch zwei Jahre, bis der mittlerweile 15-Jährige an anderer Stelle erneut auffiel: Seine Familie befand sich in einer Betreuung durch das Jugendamt. Ein Kollege aus der Familienhilfe stellte den Kontakt zu VAJA her. Zwei Jahre. Ein Zeitraum, in dem eine Begleitung und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Jugendlichen schon hätte stattfinden und in dem der Verfestigung rechtsextremer Denk- und Verhaltensmuster hätte entgegengewirkt werden können. Inzwischen zeigt sich, dass er das pädagogische Angebot dankbar annimmt und zu einer Auseinandersetzung mit seinen
politisch-ideologischen Haltungen bereit ist. Regelmäßig, mit Zeit und Ruhe sowie an Orten, an denen er sich gerne aufhält. Und nicht zwischen Pausenklingel und der nächsten Unterrichtsstunde. Seit einigen Monaten finden diese Termine mit einem Mitarbeiter des neuen VAJATeams statt. Die Rahmenbedingungen von »reset – Beratung und Begleitung bei der Loslösung vom Rechtsextremismus im Land Bremen« lassen im Übrigen auch ein Tätigwerden in Bremerhaven zu, da es sich um ein Angebot handelt, dass auf Landesebene ansetzt und damit beiden Städten des Bundeslandes zur Verfügung steht.

Dieser Text sollte nicht missverstanden und als Vorwurf gedeutet werden. Weder an den Lehrer des
15-Jährigen, noch an seine Kolleg/innen an den Schulen. Wohl wissend um die großen Herausforderungen der Lehrkräfte ist er vielmehr ein Plädoyer dafür, sich schwierigen Situationen rund um die von menschenfeindlichen Haltungen beeinflusste politische Identitätsbildung Jugendlicher nicht alleinverantwortlich zu stellen. Verschiedene Dienste bieten ihre Kooperation und Unterstützung an. Das neue reset-Team von VAJA ist einer davon.

Mehr Infos:
www.vaja-bremen.de
www.facebook.com/VAJA.Bremen
reset [at] vaja-bremen [dot]de
0421-76 266

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