GEW Bremen
Du bist hier:

Stadtverbands-Info Bremerhaven 3-2017

Festhalten, Frau Bogedan, festhalten!

15.03.2017

Am Ende der Personalversammlung des unterrichtenden Personals erhielt Frau Senatorin Bogedan einen Strauß von 20 mit Gas gefüllten Luftballons, alle mit einer „12“ beschriftet. Sie symbolisieren einen dramatischen Aspekt der Situation an unseren Schulen: In den vergangenen Wochen erklärten nicht nur einzelne Kolleg*innen ihren Freigabewunsch in andere Bundesländer, sondern die Erklärungen gingen dutzendweise ein. Damit diese Kolleg*innen in Bremerhaven „festgehalten“ werden, muss einiges passieren, und zwar auf der Landesebene, mithin in Verantwortung u.a. von Frau Bogedan.

Diesem Abschiedsgeschenk vorangegangen war eine intensive, argumentations- und emotionsreiche Auseinandersetzung mit der Senatorin. Hier einige Ausschnitte unserer Forderungen:

  • Die Ergebnisse der Tarifverhandlungen zum TV-L müssen zeit- und inhaltsgleich auf die verbeamteten Kolleg*innen übertragen werden;
  • die diskriminierende Bezahlung einzelner Lehrämter muss endlich aufhören, „A13 / E13 für alle“  ist eine notwendige Forderung, um dem Lehrer*innenmangel entgegenzuwirken;
  • wir benötigen ein umfassendes Personalentwicklungskonzept, damit die Versorgung mit Lehrkräften sich den zugesagten 106% annähert, und nicht, wie aktuell, bei 98% verbleibt;
  • die Lehrkräfte der Stadt benötigen eine echte Bleibeperspektive, die Freigabeanträge laufen derzeit -wie gezeigt- zu Dutzenden ein und das niedersächsische Umland sieht erwartungsfroh auf Bremerhaven;
  • die steigenden Schüler*innenzahlen führen zu qualitativen und quantitativen Herausforderungen, die viel Zeit für eine Weiterentwicklung der Arbeit in den Schulen bedürfen und nicht „nebenbei“ erledigt werden können;
  • seit 1997, der letzten Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung um zwei Stunden, haben die Kolleg*innen ca. 10 Millionen Unterrichtsstunden zusätzlich und damit einen maßgeblichen Sanierungsbeitrag geleistet. Wann kommen die 450 damit nicht eingestellten Lehrkräfte endlich in den Schuldienst;
  • das Bundesland benötigt eine resortübergreifende Initiative, damit die Universität deutlich mehr Studierende für die Lehrämter ausbildet. Ansonsten könnte die Erhöhung der Referendariatsplätze sich mangels Bewerber*innen schnell als wirkungslos erweisen.

 In ihren Statements ging Frau Bogedan auf einige dieser Punkte durchaus ein. Folgende Aussagen sollen zunächst einmal festgehalten werden: Die Senatorin unterstützt die Forderung nach „A13/E13 für alle“ uneingeschränkt. Sie wies allerdings darauf hin, dass eine Umsetzung in diesem und im nächsten Haushalt nicht gelingen werde. Danach verbessere sich die finanzielle Situation des Landes durch die Neuregelung des Länderfinanzausgleichs. Hinsichtlich der Besoldungsübertragung auf die verbeamteten Kolleg*innen brachte sie das Argument unterschiedlicher Belastungen im Öffentlichen Dienst ein – ohne zu konkretisieren, was dies für die Übertragung bedeute. Bei der wachsenden Zahl an Freigabeanträgen in Bremerhaven sehe sie das Problem. Ebenso stimme sie das benannte Gefühl der Ohnmacht nachdenklich. Für den Ausbau der Lehramtsstudienplätze an der Universität habe sie mit ihrer Senatskollegin Frau Quante-Brandt bereits eine Initiative ergriffen.

 Konkret um Stellungnahmen gebeten wurde Frau Bogedan zu unseren drei Anliegen aus dem später einstimmig angenommenen Antrag an die PV. Zur Forderung nach Senkung der Unterrichtsverpflichtung erklärte sie, an dieser Sache zu arbeiten. Ihre Perspektive sei allerdings nicht eine generelle Senkung, sondern eine Entlastung für Lehrkräfte mit „multiplen Herausforderungen“, und zwar an Standorten, an denen selbige „kumulieren“. Sie wolle Zeit für besondere Aufgaben bereithalten und gezielte Entlastungen zur Gewährung gleicher Unterrichtsqualität vornehmen. Die Qualifizierung für Quereinsteiger*innen betrachtete sie zur Überraschung der Versammlung als kommunales Problem. Diese Einschätzung ignoriert, dass in Bremen (Vertretungs-) Lehrkräfte an die sog. Stadtteilschule ausgegliedert sind. Die „Bremer Lösung“ mit derartigen Beschäftigungsverhältnissen ist für die Mitarbeiter*innen kein gelungenes Modell und geht vor allem das Manko fehlender Qualifikationen nicht an. Grundverschieden waren die Positionen zur Sinnhaftigkeit von Tests. Unserer Forderung nach deren Abschaffung zur Reduzierung der Arbeitslast hielt die Senatorin entgegen, dass gerade die benannten Formen (wie VERA) wichtige Hinweise zur Schul- und Unterrichtsentwicklung geben  und zu Verbesserungen führen würden Gerne erhielten wir hierzu weitere sachdienliche Hinweise, genannte Verbesserungen konnten wir bislang nicht ausmachen. Zusammenfassend war es wichtig, die Diskussion mit der Senatorin direkt geführt zu haben. Die Signale aus der Versammlung waren jedenfalls eindeutig. In den nächsten Wochen wird zunächst zu beobachten sein, welche Initiativen die Senatorin tatsächlich ergreift. Hilfreich ist dabei, dass das „Bremer Bündnis für Bildung“ zeitgleich mit einem Forderungskatalog an die Öffentlichkeit getreten ist.

Zu lange warten können wir allerdings nicht; dazu ist die Situation an den Schulen zu angespannt. Der Notfall ist in der Tat eingetreten und wir erwarten zügige Maßnahmen mindestens zu dessen Linderung und Weichenstellungen zu einer grundsätzlichen Verbesserung.

 Zur Einschätzung der Entwicklungen treffen sich die Betriebsgruppensprecher*innen und Schulleitungen am Mittwoch, dem 3. Mai, 16 Uhr, in der Mensa der Ernst-Reuter-Schule. Dann werden wir sehen, ob Frau Bogedan die Luftballons noch in der Hand hält.

 

Auf den Blickwinkel kommt es an

 Die Personalversammlung des nichtunterrichtenden Personals war gut besucht. Im Mittelpunkt stand ein Vortrag des Magistratsdirektors Claus Polansky. Kurz zusammengefasst lautet der Inhalt: Wir wissen um die Probleme der Mitarbeiter*innen, aber wir haben kein Geld.

Doch erst einmal das Positive.

Die Stadt Bremerhaven steht in Verhandlung mit dem Land Bremen auf Übernahme der Personalkosten des nicht unterrichtenden Personals. Dies bedeute aber ausschließlich eine Kostenübernahme, aber kein Verzicht auf die Direktionsrechte für diese Mitarbeiter*innen, so der Magistratsdirektor. Einfacher ausgedrückt, für uns bleibt alles wie es ist, nur die Stadt  Bremerhaven bekommt vom Land die Personalkosten erstattet.

 Ansonsten nichts Neues. Auf Grund der Haushaltsnotlage ist eine Entspannung bei der Personalversorgung nicht in Sicht. Dies bedeutet weiterhin keine Vertretungsreserven, weder bei den pädagogischen Mitarbeiter*innen, noch bei der Schulsozialarbeit.

 Und hier kommt der unterschiedliche Blickwinkel zur Geltung.

Auf die Schilderung des Arbeitsalltages in den Schulen, der Belastung durch den Personalmangel und der veränderten Schüler*innenzusammensetzung, verwies Herr Polansky darauf, dass die individuellen Belastungen  sicherlich zu bedauern seien, dass man aber mal den Blickwinkel wechseln sollte. Schließlich seien für die vermehrten Anforderungen im Bereich der Flüchtlingshilfe zusätzliche Stellen im Schulsozialbereich geschaffen worden. Dies sei aus Sicht des Magistrat doch sehr positiv.

 Leider hilft diese Betrachtung der Lage nicht bei der Bewältigung der täglichen Arbeit.

Die zusätzlichen Kräfte sind mit ihrer Arbeit voll und ganz ausgelastet, wenn nicht sogar überlastet angesichts der Fülle von Herausforderungen, die diese Kinder mitbringen: Traumata durch Krieg und Flucht, die neue Umgebung in einem völlig anderem Kulturkreis, fehlende Sprachkenntnisse etc.

 Die Sozialstruktur in den Schulen hat sich verändert. Die Kinderarmut, als Spiegel der städtischen Armut, hat sich nicht verringert und die Probleme auch nicht.

Es existiert ein struktureller Personalmangel – sowohl bei der Schulsozialarbeit, als auch im Bereich der pädagogischen Mitarbeiter*innen. Dieses strukturelle Defizit führt weiter zur Überlastung der Kolleg*innen in diesen Bereichen. Dies wird sich auch bei verändertem Blickwinkel nicht ändern.

Ein Ende mit der unbezahlten Mehrarbeit

 Die Personalversammlung des nichtunterrichtenden Personals fordert in einem Antrag den Magistrat auf, die Arbeitszeiten der pädagogischen Mitarbeiter*innen neu zu bestimmen.

 Vor allem geht es dabei um die sogenannten Rüstzeiten. Sobald ein/eine Mitarbeiter*in die Schule betritt beginnt die Arbeitszeit und sie endet mit dem Verlassen -  könnte man meinen. Tatsächlich wird aber die Arbeitszeit erst gerechnet, wenn der Unterricht beginnt und sie endet, wenn dieser endet.

Diverse Kolleg*innen melden zurück, dass sie meist zwischen 10 und 15 Minuten täglich benötigen, um sich zu Beginn des Dienstes über die aktuelle Vertretungssituation zu informieren und darauf vorzubereiten. Am Ende des Schultages eine ähnliche Situation. Bevor alle Schüler*innen angezogen sind und die Klasse aufgeräumt ist, vergeht ebenfalls eine Zeitspanne von 10 bis 15 Minuten.

Diese Zeit wird den Kolleg*innen nicht angerechnet. Sie fällt aber auch nicht in das Zeitkontingent, das auf Grund der Ferienregelung als Vor- und Nachbereitungszeit berechnet wird. Dieses wäre dann viel zu klein.

Bei einem 16 Stundenvertrag beispielsweise beträgt diese Zeit gerade einmal eine Stunde pro Woche. Zurzeit „schenken“ die pädagogischen Mitarbeiter*innen dem Arbeitgeber diese Zeit als unbezahlte Mehrarbeit. Dies soll sich nun endlich ändern.

Zurück