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Staatsexamen im Kanu

Wie ein Referendariat auch anfangen kann

16.06.2018 - Maya Kutsch, Schulzentrum Walle

Vor einigen Jahren entschied ich mich für ein Zweitstudium und setzte alles auf eine Karte: Ich kündigte meinen festen Job, schrieb mich an der Uni Hamburg für das Berufliche Lehramt ein und arbeitete zügig auf meinen Abschluss hin. Nach vier Jahren Pendeln zwischen Hamburg und Bremen und einem anstrengenden Studium war es dann soweit: Die Abschlussprüfungen standen an, die Bewerbung für das Referendariat in Bremen war geschrieben und danach sollte es mit einem Prosecco in der Hand in einen zweiwöchigen Erholungsurlaub gehen. So weit so gut.

Anders als man denkt

Um möglichst wenig Zeit zu verlieren, stimmte ich den Urlaub mit den Abgabefristen für Zeugnisse beim Landesinstitut für Schule (LIS) in Bremen ab. Die Unterlagen mussten spätestens an einem Montag im April beim LIS sein und am Donnerstag wollte ich Deutschland dann für zwei Wochen den Rücken kehren. Jetzt musste nur noch das Prüfungsamt an der Uni Hamburg mir mein Zeugnis rechtzeitig zuschicken. Letzte Prüfung war Mitte Februar. Da die Ausstellung eines Zeugnisses aber gut und gerne acht Wochen in Anspruch nehmen kann, überließ ich auch hier nichts dem Zufall. Die Sachbearbeiterin war für mich immer eine kompetente Ansprechpartnerin. Unter uns Studierenden kursierten jedoch Horrormärchen, bei denen wir bis zu einem halben Jahr auf das Abschlusszeugnis warteten. Also kaufte ich schon mal eine Packung Pralinen und eine nette Karte, in der ich mich für die allzeit kompetente und „schnelle“ Hilfe bedankte – in weiser Voraussicht darauf, dass ich diese Ende Februar noch einmal brauchen würde. Nach Prüfungsabschluss hielt ich regen Kontakt zur Sachbearbeiterin an der Uni. Keine Woche verging, in der wir nicht mailten, ich sie nach dem aktuellen Stand meines Zeugnisses fragte, die Dringlichkeit erklärte oder sie mir schrieb, dass es in meinem Fall noch einen Fehler im „Diploma Settlement“ gäbe und der Techniker das Problem erst noch lösen müsse. Ich bangte, ob das Zeugnis rechtzeitig zur Nachreichfrist eintreffen würde. Und ich hatte Glück: Rechtzeitig hielt ich das gute Stück, für das ich jahrelang gepaukt und gelernt hatte, in den Händen. Nun fiel alles von mir ab – mein Urlaub hatte quasi schon begonnen. Um den riskanten Postweg zu umgehen, fuhr ich mit wehenden Haaren durch den Bürgerpark und warf das beglaubigte Zeugnis drei Tage vor der Frist beschwingt und glücklich in den LIS-Briefkasten. „Das wäre geschafft“, dachte ich und ahnte nicht, dass es erstens anders kommt und zweitens als man denkt.

„Sie sind doch Maya Kutsch?“

Ich erledigte gerade letzte Reisevorbereitungen, als am Montag (dem Ende der Nachreichfrist) eine mir unbekannte Handynummer mehrfach versuchte, mich zu erreichen. Erst ignorierte ich das Gebimmel – ich kannte die Nummer ja nicht. Als der Anrufer jedoch gar nicht locker ließ, ging ich genervt ran – es war 16 Uhr. „Hallo, wer ist da bitte?“ „Guten Tag, hier ist der Kanuverleih aus Findorff. Wir haben in einem unserer Kanus ihr Zeugnis gefunden. Sie sind doch Maya Kutsch, oder? Es ist völlig verdreckt und zerknittert, aber wir dachten, da es beglaubigt ist, könnte es wichtig sein.“ Ich verstand gar nichts mehr. Die letzten Monate waren voller Stress gewesen, Kanu fahren hatte ich da ganz bestimmt nicht im Sinn. Und: Was macht ein Zeugnis von mir in einem Kanu? Das kann nicht sein. Ich brauchte einige Minuten, um die Lage zu begreifen: Mein Abschlusszeugnis war jetzt in den Händen einer sehr netten Dame eines Kanuverleihs. Aber da hatte es nichts zu suchen, es sollte fristgerecht 500 Meter weiter auf einem Schreibtisch im LIS liegen. Am nächsten Tag könne ich das Zeugnis bei ihr abholen, meinte die Finderin. Wir verabredeten uns zur Übergabe und legten auf. Mein Herz klopfte laut. Und dann blieb es kurz stehen: „Ende der Nachreichfrist ist heute“, ging es mir panisch durch den Kopf. Eigentlich wollte ich mich mit einer Freundin treffen. Ich hatte jetzt aber andere Sorgen. Also absagen! Die aber konnte meine Not sofort verstehen, war sie doch selbst im Referendariat und auch noch Ausbildungspersonalrätin. Sie wollte sofort tätig werden. Wir vereinbarten, dass ich schnell mit dem Fahrrad zum LIS fahren sollte, in der Hoffnung noch einen Menschen anzutreffen und die Lage zu erklären, während sie parallel versuchte dort jemanden telefonisch zu erreichen. Ich stürzte aus dem Haus. Dann klingelte wieder mein Handy: „Keine Panik, du kannst es morgen nachreichen. Am Wochenende haben wohl Jugendliche dort in der Gegend randaliert und dabei auch in den Briefkasten vom LIS gegriffen.“

Schwimmendes Zeugnis

Mit einem großen Tulpenstrauß stand ich am nächsten Morgen am Torfkanal, wartete auf meine Heldin, und tauschte die Blumen gegen das aus, was von meinem Zeugnis übrig war. Ich erfuhr, dass mein Zeugnis auf dem Torfkanal herumschwamm. Ein Kanukunde ärgerte sich über den „Unrat“ im Wasser. Bereits eine Woche vorher war er schon bei „Bremen räumt auf“ dabei gewesen. Er fischte meine Dokumente mit dem Paddel aus dem Kanal. Am nächsten Tag erzählte ich meinem Vater die Geschichte. „Glück im Unglück!“, lachte er.  Ich grinste: „Mein Referendariat fängt gut an, oder?“

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