GEW Bremen
Sie sind hier:

Sprache als Schlüssel zur Welt

Gespräch mit dem Sprachberater einer Bremer Grundschule

16.09.2016 - von Wilfried Meyer

Warum brauchen wir Sprachberater?

Die Sprache ist doch immer im Blick. Mangelnde Sprachfähigkeit finden wir nicht nur bei Kindern mit Migrationsgeschichte, sondern ebenso bei vielen deutschen Familien. Da ist das gut, wenn die Sprache eine Betonung erfährt. Die Idee war ja, einen Multiplikatoreffekt zu erzielen, wenn man Sprachberater ausbildet. Die Ausbildung, die mehrere Hundert Stunden umfasst, fand ich gut bis sehr gut. Da gab es gute Leute am LIS, die das sehr konkret vermittelt haben. Ich habe mich auf Anfrage der Schulleitung, wer es machen will, dafür gemeldet. Man musste nicht besonders qualifiziert sein.

Was machst du mit deinen Kenntnissen? Wie ist die Organisation von Sprachförderung?

Die zwei Stunden, die ich als Entlastung pro Woche bekomme, gehen natürlich in Fortbildung, Treffen, Organisation, Cito-Test, andere Tests, Vorbereitung…Da bleibt leider kaum Zeit für die Weitergabe und den Transfer in das Kollegium, höchstens mal auf Konferenzen oder in Teamsitzungen. Organisiert ist es sicher in vielen Schulen unterschiedlich. Geplant war eigentlich die Vergabe von acht Sprachförderstunden an Schulen, die das innerhalb eines Förderbandes umsetzen sollten. Und darunter waren auch nur die ersten 30 Schulen im sogenannten Sozialranking Bremens. Das lässt sich so aber in der Praxis kaum hinkriegen, deswegen gibt es da viele Modelle. Auf jeden Fall ist es gut, wenn da Stunden reingehen, im Moment in die ersten Klassen, also bei Vierzügigkeit acht Stunden. So sind zumindest einige Doppelungen möglich. Um das wiederum konkret zu koordinieren müsste der Jahrgang auch Extrastunden bekommen, die fehlen. Ich glaube, das die Idee des Förderbandes vielleicht gut gemeint war, weil ein Förderband die Verwendung von Förderstunden für Vertretung besser verhindern kann, weil da mehr dranhängt. Aber es geht eben oft nicht als Förderband aus organisatorischen Gründen, besonders bei vier oder fünf Zügen.

Was gab es denn früher?

Nun Stunden gab es sicher mehr. Es gab den Topf des Sozialstrukturbedarfs und es wurden zum Beispiel ausländische Schüler mit Faktor, ich glaube 1,5 gezählt. Da hatte man mehr Spielraum. Wir haben früher diverse Methoden ausprobiert, z.B. die Uni-Erzählwerkstatt von Johannes Merkel, viele brachten auch die Ausbildung zum DaZ-Lehrer mit, die es in der Form auch nicht mehr gibt. Da haben wir viel Zeit auf aktive Sprachbildung verwandt. Heute fehlt es oft an Zeit und Doppelbesetzung, dann könnte diese Förderung auch passgenauer, individueller laufen. Das Ganze ist mir heute zu starr angelegt, es müsste flexibler sein können, um vom Kind aus den Bedarf zu denken. das geht aber nicht. Mittlerweile gibt es ja viele Vorkurse, ca. an 40 Schulen. Das ist erst einmal positiv. Aber die Kürze der Verweildauer entspricht nicht den Entwicklungen der Kinder. Das eine braucht drei Monate und spricht schon super, ein anderer aber ein Jahr. Wegen des Mangels an Plätzen werden aber viele viel zu früh nach drei Monaten aus dem Vorkurs gekickt und kommen dann in die Klassen, in denen sie so gut dann nicht folgen können. Und mehr als sechs bis acht Kinder in diesen Kursen macht auch keinen Sinn.

Wie siehst du die Zukunft von Sprache an Schule?

Sprache bleibt wichtig, obwohl der Umfang des Schreibens sicher abnimmt und Inhalte sich ver-schieben. Aber ich muss doch wissen wann ich was wie einsetze, um zu kommunizieren, da muss ich doch Entscheidungen treffen, die auf meinem Wissen und der Spracherfahrung fußen. Klar kannst du Mitteilungen ins Handy reinsprechen oder Zeichen schicken, aber welche, wann und wo vom geeigneten Ort, vielleicht nicht in der Linie10 und Fahrgäste müssen alles mithören. Auch Grammatik finde ich muss sein. Der Einsatz von Computerprogrammen, wenn er denn betreut und individuell genutzt werden kann, hilft manchmal auch. Aber das muss gelernt sein auf beiden Seiten.

Was wünschst du dir für Lehrer/Schüler/Schule auf dem Gebiet?

Wenn ich Jakup aus dem Sprachvorkurs, der etwas sprechen kann, täglich eine Stunde für individuelle Förderung hätte; wenn Charly aus dem Libanon oder Sonja aus Polen, die aber in Griechenland aufwuchs, und gar nicht spricht, wenn ich mit denen gezielt arbeiten könnte, vorsprechen -nachsprechen, das wäre sinnvoll, geht aber nicht wegen fehlender Doppelbesetzung. Und wenn dann morgen drei Neue dazukommen können wir nicht flexibel auf sie reagieren, das würde ich mir aber wünschen. Ich würde Cito und andere Testerei stoppen und mich auf das Urteil der Kita-Gruppenleitung und der Lehrkräfte verlassen, die wissen sehr gut wo und bei wem es auch in der Sprache mangelt. Cito testet sowieso nur das passive Sprachverständnis, da kann man anklicken, sprechen muss man nicht aktiv. So soll es wohl besser vergleichbar sein. Es sollten mehr Stunden gegeben werden, mehr Doppelbesetzung. Und die Stunden müssen flexibel und von den Kindern aus gedacht eingesetzt werden. Der Bedarf darf nicht nach Stunden, die die Behörde gibt, gerechnet werden, sondern von den Bedarfen der Kinder aus.

Gibt es ein Fazit?

Mir hat die Arbeit immer Spaß gemacht, aber man reibt sich natürlich an den Rahmenbedingungen, die nicht besser geworden sind. In meiner Erfahrung gibt es viele positive Erlebnisse und Phasen, die den Kindern sicher sehr geholfen haben. Und mir hat vieles auch Spaß gemacht. Im Lauf der Jahre geht aber die Anfangspower natürlich etwas zurück und manchmal hat es den schlechten Beigeschmack, wenn man das Gefühl hat, dass man den Dreck nur noch auffegt, den einige hinterlassen, weil sie nicht mitdenken, planen, vorausschauen können oder wollen. Das sind dann Phasen, in denen man die Arbeit nur irgendwie am Laufen hält.

Lieber Jo, die BLZ dankt dir für das Gespräch
( Jo Deutschman, Name und Schule sind der Radaktion bekannt)

Zurück