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Smartphone ist das halbe Leben

Kommentar zur Shell-Studie | Zuerst erschienen in der SZ am 13.10.2015

16.12.2015 - Barbara Vorsamer | Redakteurin der »Süddeutschen Zeitung«

»Eine Religionslehrerin gab ihren Schülern diese Hausaufgabe: Du musst fliehen. Fülle eine Plastiktüte mit deinen lebenswichtigsten Sachen. Die Schüler packten die unterschiedlichsten Dinge ein. Aber ein Gegenstand fand sich in jeder Tüte: Ein Smartphone.«

Jugendliche verbringen immer mehr Zeit im Netz, ein Smartphone ist für viele unverzichtbar. Das ist ein zentrales Ergebnis der Shell-Jugendstudie. Zwischen Online- und Offline-Aktivitäten unterscheiden die Befragten kaum. Umso stärker ist die soziale Spaltung. Während Jugendliche der Ober- und Mittelschicht optimistisch in die Zukunft blicken, fühlt sich die Unterschicht abgehängt.

Lebenswichtig, ein Gerät, das vor 15 Jahren noch überhaupt niemand besessen hat? Es scheint so. Die Shell-Jugendstudie, die alle paar Jahre erscheint und sich mit den Vorstellungen der Zwölf- bis 25-Jährigen beschäftigt, kommt zu dem klaren Ergebnis, dass das (mobile) Internet als unverzichtbarer Teil zur Lebenswelt der Jugendlichen gehört.

Während 2002 und 2006 der Zugang zum World Wide Web noch von der sozialen Herkunft abhängig war, ist nun nahezu eine Vollversorgung erreicht. 99 Prozent der Jugendlichen sind online.

Die Nutzung des Internets gehört für 70 Prozent aller Befragten zu ihren häufigsten Freizeitbeschäftigungen. »Sich mit Leuten treffen«, »Musik hören« und »Fernsehen« sind zwar weiterhin ebenfalls in den Top 5, Tendenz jedoch fallend – wahrscheinlich, weil sich viele Aktivitäten einfach ins Netz verlagern. Besonders deutlich wird dies beim Punkt »Zeitschriften oder Magazine lesen«, eine Aktivität, die fast gar keine Bedeutung mehr hat. Im Schnitt sind Jugendliche wöchentlich 18,4 Stunden online, 2010 waren es noch 12,9 Stunden. 

Das Netz ist für die Jugendlichen daher auch keine vom realen Leben abgegrenzte Sphäre. Anders als viele ältere Menschen unterscheiden sie bei vielen Aktivitäten nicht, ob sie online oder offline stattfinden. Das Internet ist ein sozialer Lebensraum, in dem man mit dabei sein muss.

In etwas geringerer Ausprägung trifft das auch für die sozialen Netzwerke zu. Während frühere Generationen im Netz noch auf einen in großen Teilen unstrukturierten Raum trafen, dominieren nun große Monopolisten wie Facebook, Google und Apple das Geschehen. Die Jugendforscher um Klaus Hurrelmann fragten daher auch Einstellungen zu diesen Unternehmen ab.

Das Ergebnis: Den Jugendlichen ist mehrheitlich klar, dass die Konzerne mit Daten Geld verdienen. Die Befragten behaupten, vorsichtig mit ihren Daten umzugehen und vertrauen Facebook und Co. wenig bis gar nicht. Drastische Folgen hat diese kritische Haltung aber nicht. Nur 17 Prozent aller Jugendlichen verweigern die Facebook-Nutzung. Und das sind größtenteils die Zwölf- bis 14-Jährigen, die wahrscheinlich nur noch nicht dabei sind.

Smartphones für (fast) alle

Der immense Zuwachs bei den Nutzungszeiten ist vor allem auf die Verbreitung mobiler Geräte – Smartphones – zurückzuführen. Die hatten ihren Siegeszug zwar bereits 2008 mit der Markteinführung von Apples iPhone begonnen, waren aber bei der letzten Jugendstudie 2010 noch kein Produkt, dass sich die breite Masse der Jugendlichen leisten konnte. Inzwischen besitzen 81 Prozent aller Jugendlichen ein Smartphone. Die soziale Herkunft zeigt sich also nicht mehr darin, ob jemand ins Netz kann – sondern wie.

Jugendliche aus der oberen Schicht verfügen deutlich häufiger über mehrere internetfähige Geräte (im Allgemeinen Smartphone, Desktop-PC, Laptop und/oder Tablet), während die meisten Jugendlichen aus der unteren Schicht Zugang zu höchstens zwei oder nur einem Gerät haben. Da verwundert es nicht, wenn die Zustimmung zu dieser Aussage hoch ist: »Wenn ich mein Smartphone, Tablet oder Notebook verlieren würde, würde mir plötzlich mein halbes Leben fehlen.«

Dass die Schichtzugehörigkeit immer mehr zu einem entscheidenden Merkmal wird, sollte Politik und Gesellschaft beunruhigen. So blicken 61 Prozent aller Befragten optimistisch nach vorne, bei den sozial benachteiligten Jugendlichen erwarten nur 33 Prozent Positives von der Zukunft. Das ist kein Wunder, konstatieren die Autoren der Studie. In keinem anderen Land hängt der Schulerfolg so stark von der sozialen Herkunft ab. Beruflicher und gesellschaftlicher Erfolg sind aber wiederum stark abhängig vom Bildungsgrad, so dass kurz gesagt werden kann: Ein Aufstieg durch Bildung ist hierzulande sehr schwierig.

Die Jugendlichen wissen das. Und daher fühlen sich die Mitglieder der Unterschicht abgehängt und zeigen in fast allen Lebensbereichen andere Charakteristika als Mittel- und Oberschichtskinder – die damit ihren Vorsprung immer weiter ausbauen können. Das ist bei der Internetnutzung der Fall. Oder beim Freizeitverhalten: Beschäftigungen, die Kompetenzen stärken, wie Lesen oder kreative Selbstbetätigung, sind in den oberen Gesellschaftsschichten deutlich weiter verbreitet.

Zuerst erschienen in der SZ am 13.10.2015

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