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Schöne neue Welt

Gibt es Überforderungen und für wen?

»Hilfe, mein Sohn wird umgebracht!« rief die Mutter die Polizei zu Hilfe, nachdem ihr 16 jähriger Sohn aus dem Gröpelinger Kino eine SMS geschrieben hatte. Polizeieinsatz, Räumung der Kinos. Hohe Folgekosten für die Mutter, denn die SMS lautete »Nicht abholen, werde rumgebracht!« Schreiben und lesen wird schwieriger für Viele, über 5 Millionen Analphabeten hat Deutschland. Um mit Medien umgehen zu können, wird die geschriebene Sprache immer wichtiger. Es sei denn das Gestammel und die Bildersprache in den sozialen Medien wird als Sprache deklariert, Kommunikation scheint es schon zu sein.

16.09.2015 - Gibt es Überforderungen und für wen? | von Wilfried Meyer

Hyperaktiv

Die neuesten Zahlen über Medienkonsum, Alter der Konsumenten, Ansteigen von Abhängigkeit, Zunahme der Konzentrationsunfähigkeit, ADHS-Kinder und Jugendliche, Analphabetentum, wenn sie denn ernst genommen würden, zeigen zumindest Gefahren und Veränderungen auf, die offensiv besprochen werden müssen. Und werfen viele Fragen auf, die von Pädagogen, auch an sich selbst, gestellt oder beantwortet werden müssen. Kann man sich im Umgang mit Medien darauf zurückziehen zu sagen: »Das machen doch alle, liegt im Trend!«?

Schule

Von Schule wird verlangt »Medienkompetenz « für Kinder und Jugendliche zu erreichen. Darauf ist die Schule noch in keiner Weise vorbereitet. Unser Landesinstitut und die Landesmedienanstalten reden von »digitaler Bildung« und dem »Ziel der digitalen Endgeräte für den Unterricht«. Andere sammeln die Geräte schon wieder vor dem Unterricht ein, weil sie die persönlichen, kommunikativen Lernprozesse stören. Auch nachts in Internaten wird mehr auf den Schlaf als auf »soziale Netzwerke« geachtet. Muss ein Internet-Surfschein in der Grundschule gemacht werden, der Fragen wie »Was sind Internet Explorer, Firefox, Chrome und Safari?« oder »Was ist AGB?« an z.B. Achtjährige stellt? Bunte Bilder, Filme, Fotos, Spiele, das interessiert natürlich, aber ist das Medienkompetenz, wenn man sich das auf Phone oder Tablet wischen kann? Und was heißt dieses im Rahmenplanentwurf des LIS: »Die kritische Distanz zu medialen Welten ist eine Grundvoraussetzung zur Teilhabe und Mitgestaltung der gegenwärtigen und zukünftigen Welt«? Und wird eine Recherche im Internet eine Recherche, wenn kein Pädagoge danebensteht? Genau das bestätigt auch die gerade veröffentlichte OECD-Pisastudie »Students, Computers and learning«: Das Digitale macht nur effizienter, was schon effizient ist. Viele Nutzer spielen, chatten und lassen sich unterhalten. Je moderater der Einsatz der Technik, desto mehr Erfolg. »Um die Versprechungen einzuhalten, die die Technologie macht, werden Länder eine überzeugende Strategie brauchen, um Lehrerkapazitäten aufzubauen. Und politische Entscheidungsträger müssen besser werden darin, Unterstützung aufzubauen für diese Aufgabe. Bei den Unsicherheiten, die alle Veränderungen begleiten, werden Pädagogen sich immer dafür entscheiden, den Status quo zu behalten. Wenn wir die Unterstützung für mehr Technologie-ausgestattete Schulen mobilisieren wollen, müssen wir die Notwendigkeit besser kommunizieren und die Unterstützung für den Wandel aufbauen. Wir müssen investieren in die Kapazitätsentwicklung und die Fähigkeiten zum Wandel, stichhaltige Beweise vorlegen, dieses den Institutionen zurück spiegeln, und all das unterlegen mit einer nachhaltigen Finanzierung. Last but not least, ist es wichtig, dass Lehrer aktive Akteure für den Wandel werden, nicht nur bei der Umsetzung von technologischen Innovationen, sondern auch bei ihrer Gestaltung« (Schleicher, OECD, Vorwort Studie) Und selbst in der technischen Grundausstattung und sämtlichen Kapazitäten sind wir von notwendigen Voraussetzungen für den sinnvollen Einsatz im Unterrichtweit entfernt.

Frage und Diskussion

Wenn Fahrradfahren im Verkehr für unter Achtjährige eine geistige Überforderung ist, weil sie den komplizierten Verkehr nicht antizipieren können, muss man dann nicht die Frage stellen, ob die neuen Medien nicht auch eine Überforderung darstellen, wobei das wachsende Gehirn dieses Trommelfeuer an Informationen und Daten noch nicht verarbeiten kann? Spräche einiges dafür, auch für die Einführung von Buchklassen statt Tabletklassen zu fordern? Und eines ist doch klar: Wenn man von uns eine Individualisierung, ein Eingehen auf die einzelne wachsende Persönlichkeit und deren Lernprozesse in Kita und Schule fordert, dann müssen wir auch beurteilen können, ob für dieses oder jenes Alter, ob für dieses oder jenes Kind auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ein eng begleiteter Umgang mit den neuen Medien geeignet oder aber ungeeignet ist! Wie hält man dann die Medien fern? Und spielen die Eltern in großem Umfang mit, was ja eine Bedingung wäre, um nicht bei ein paar Schulstunden auf verlorenem Posten zu stehen? Das ist eine riesige Herausforderung für die  Pädagogen, die wir ohne intensive Erörterung, Fortbildungen, Ausbildung und Ausstattung nicht in der Lage sind zu meistern.

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