GEW Bremen
Du bist hier:

Schichtbetrieb im Freizeitpark

Zur Bedeutung der Arbeitszeit in gewerkschaftlichen Kämpfen

16.02.2017 - Werner Pfau

„Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time (freie Zeit, WP) das Maß des Reichtums.“ Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie

Dass um jede freie Minute gekämpft werden muss, gehörte früher zum selbstverständlichen Erfahrungsbestand der Gewerkschaften, zumindest im industriellen Sektor. Heute scheint diese Einsicht fragwürdig geworden sein, leben wir doch angeblich in einer schönen neuen Welt der „Flexibilität“ und „Arbeitszeitsouveränität“, in der von einem Normalarbeitstag gar keine Rede mehr sein kann. Doch der Interessengegensatz zwischen Verwertung einerseits, Erholung und Muße andererseits verschwindet nicht, auch wenn Firmen wie Apple Sofas in die Büros ihrer „Mitarbeiter“ stellen lassen.

Neue Unübersichtlichkeit

In den deutschen Gewerkschaften wird, glaubt man der Böckler-Stiftung in einer Studie vom November 2014, wieder verstärkt über das Thema diskutiert. Im Vordergrund steht dabei die neue Unübersichtlichkeit von Verhältnissen, innerhalb derer Arbeitszeit flexibilisiert, über Konten gesteuert, auf den seltsamsten Wegen (nicht) ausgeglichen oder vermeintlich ganz von der Bezahlung getrennt wird, etwa wenn nur das Ergebnis bezahlt wird. Oder wenn mit den neuen Produktionsformen eine Enträumlichung einhergeht, wie etwa bei der Bildschirmarbeit. Oder kein Angestelltenverhältnis mehr zugrunde liegt, weil lauter selbstbestimmte Ich-AG's auf Auftragsbasis tätig werden. In der Studie wird dementsprechend Korrektur angemahnt: Nicht nur die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen, auch eine Zersplitterung des Tagesablaufs bei flexibilisierten Arbeitszeiten sei zu beklagen. Zeitdruck führe zu psychischer und physischer Belastung. Flexibilisierung diene nur der Anpassung der Arbeitszeit an die wechselnden Marktverhältnisse, nicht jedoch den Bedürfnissen der Arbeitenden. Als Schluss daraus wird gefordert, „den Spielraum der Zeitsouveränität“ zu erweitern.

Seltsam diffus wird die Studie, wo es um die Ursachen der beschriebenen Entwicklung geht; da scheint eine anonymer „Wandel“ am Werk zu sein, von dem gar nicht recht zu sagen ist, woher er kommt und wohin er geht. Des Weiteren spielt die Frage der Bezahlung in den Überlegungen keine große Rolle, so als ob sie von der Regelung der Arbeitszeit getrennt werden könne. Das wusste mancher Gewerkschafter früher einmal besser.

„35 Stunden sind genug!“

Noch in den Achtziger Jahren begründete die IG Metall mit dieser Parole den Kampf um kollektive Senkung der Arbeitszeit und zwar bei vollem Lohnausgleich. Zum einen war ihr damals klar, was heutzutage gern vergessen wird: Wer sich bei seiner Berufswahl für ein Leben in „unselbständiger“ Beschäftigung entschieden hat, den plagen zwei Übel, nämlich das eine, ob er von der Lohnhöhe seine Brötchen bezahlen kann, und andererseits, ob ihm die Arbeit nach Länge und Intensität noch Kraft und Muße zu einem menschlichen Dasein lässt. Gewerkschaftlicher Kampf um Senkung der Arbeitszeit wollte nicht das eine auf Kosten des anderen erhöhen. Freie Zeit durch Lohneinbußen zu bezahlen, ist keineswegs eine Trivialität. Momentan arbeitet sich ein ganzes Heer von Teilzeitkräften, Minijobbern und anderen Geschöpfen der Flexibilisierung in veritable Altersarmut hinein. War die Normalarbeit, zumindest dem gewerkschaftlichen Anspruch nach, auf ein Verhältnis von Lohnhöhe und Lebensarbeitszeit bezogen, das zu einer keineswegs üppigen, aber erträglichen Rente führen sollte, so ist dieser Zusammenhang heute, mit der Fragmentierung der Regelarbeitszeit, zerrissen. Der Zwang zu Arbeitszeiten unterhalb der Vollbeschäftigung ist, etwa in Branchen wie der Gastronomie, ein Moment von Prekarisierung, das gerade alleinerziehende Frauen besonders hart trifft. In einer Gesellschaft, wo alles und jedes nur für Geld zu haben ist, selbst der Eintritt ins Museum noch zehn Euro kostet, ist Freizeit eben nur von bedingtem Wert. Alles in Allem war die frühere Forderung nach Lohnausgleich eine notwendige Entsprechung zur der nach gesenkter Arbeitszeit.

Der vergessene Zusammenhang von Arbeitszeit, Reichtum und Produktivität

Das klingt wie eine Geschichte aus längst vergangener Zeit, schließlich empfindet man heute, nach Jahrzehnten neoliberaler Gehirnwäsche, feste Arbeitszeiten sowieso als „starr“, also böse. Mit der Aufweichung der Normalarbeitszeit scheint auch der Kampf um dessen Kürzung obsolet geworden zu sein. Dann auch noch denselben Lohn für weniger Arbeit haben zu wollen – hieße das nicht, der Wirtschaft in den Rücken fallen, die im rauhen Wind der Weltmarktkonkurrenz bestehen muss? So oder so ähnlich formulieren es die vereinigten Wirtschaftsredakteure. Die Unternehmerverbände, streng auf ihr Recht pochend, den angeblichen Tausch von Arbeit gegen Geld, verwahrten sie sich gegen das, was sie als erhöhte Lohnkost ohne Gegenleistung ansahen. Zumindest sahen sie sich zu kompensatorischen Forderungen berechtigt, wovon Flexibilisierung eine zentrale war. Mag sein, dass die Verhandlungsführer der Gewerkschaften irgendwann den Lohnausgleich als Verhandlungsmasse zur Disposition gestellt haben – darin, dass sie ihn überhaupt als Selbstverständlichkeit gefordert haben, spiegelte sich noch eine Ahnung von dem wirklichen ökonomischen Zusammenhang zwischen Arbeit, deren Produktivität und dem damit produzierten Reichtum: Die ständig durch das industrielle Kapital in Gang gesetzten Rationalisierungsprozesse führen zu gesteigerter Produktivität und Intensität der Arbeit, damit zu einem gewachsenen Warenmasse, deren vergrößerter Ertrag nach Verkauf ganz dem Unternehmen zufällt. Offenbar gibt es einen Unterschied zwischen dem, was für eine bestimmte Arbeitsstunde an Lohn gezahlt und dem, was durch Maschinerie und Arbeitsorganisation aus der in dieser Zeit angewandten Arbeit herausgeholt wird.

Schlag nach bei Marx!

Wenn dem so ist, dann ist der gerechte Tausch von Arbeitsstunde gegen Lohn eben doch nicht die ganze Wahrheit. Seit der Finanzkrise 2008 erfreut sich Marx wieder eines gewissen Namedroppings, v.a. aufgrund seiner krisentheoretischen Gedanken. Dabei hätte er auch zum Thema Arbeitszeit so einiges zu sagen, deren Analyse eine prominente Rolle in seiner Erklärung der Herkunft des Profits spielt. Im ersten Band des Kapitals folgert er, dass eben nicht die Arbeit, sondern das Arbeitsvermögen pro Zeiteinheit Gegenstand des Tausches zwischen Arbeit und Kapital ist. Eine festgelegte Geldgröße wird gezahlt für eine festgelegte Zeiteinheit, der Ertrag aus dieser, gemessen in Waren, ist aber gerade nicht fix. Er hängt vielmehr davon ab, an welcher Maschinerie und im Rahmen welcher Arbeitsorganisation die Arbeitskraft durch das Unternehmen angewandt wird. Auf diese Differenz kommt es an, sie ist laut Marx der Schlüssel für die „kapitalistische“ Form der Ausbeutung, die Produktion des Mehrwertes, der bei erfolgreichem Verkauf am Markt in Form des Profits realisiert wird. Die Früchte der von Wissenschaft und Technologie gesteigerten Produktivkraft ernten zunächst ganz allein die Unternehmen.

Abwehrkämpfe gegen die Verarmung

Deswegen werden Lohnkämpfe und andere gewerkschaftliche Aktionen überhaupt erst nötig. Lohnerhöhungen holen, falls sie nicht nur die Inflation ausgleichen, etwas vom Kuchen zurück, der aus der Arbeit der Beschäftigten erwirtschaftet wurde. Solche Umverteilung, so nötig sie ist, hebt aus Marx' Sicht die Ausbeutungsmacht der Unternehmen nicht auf, was ihn zum Gedanken des Kommunismus führte, in dem übrigens die oben genannte „freie Zeit“ den wahren Reichtum darstellen sollte – doch das ist eine andere Geschichte. Die gestandenen Gewerkschaftsfunktionäre der IG Metall aus den Siebzigern und Achtzigern hatten mit Kommunismus bekanntlich gar nichts am Hut. Etwas vom Marxschen Begriff der Produktivität manifestierte sich gleichwohl – bewusst oder intuitiv - in ihrem Handeln: Nämlich dass die Beschäftigten gleichzeitig für mehr Lohn und weniger Arbeitszeit kämpfen müssen, wenn sie an den Früchten ihrer eigenen Arbeit partizipieren wollen. Die oben zitierte Studie redet von der Notwendigkeit, Bündnisse zur Gestaltung der Arbeitszeit zwischen ominösen „Akteuren“ zu schmieden; fast verschämt wird erwähnt, es gebe zwischen diesen „teilweise gegensätzlichen Interessen“, ohne Ross und Reiter zu benennen. Marx war da etwas direkter, er sprach vom „Heißhunger nach Mehrwert“, der in bestimmter Zeit sich möglichst viel Arbeitsverausgabung einverleiben will.

Zurück