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Rosinen picken

Gedanken zur baulichen Situation in Bremerhaven

16.02.2017 - Bernd Winkelmann

In einem weit verbreiteten Verständnis kann Bremerhaven mit jeder „grauen Stadt am Meer“ konkurrieren. Ständige Nutzer privater Fernsehanstalten wissen obendrein ganz genau, wie die vermeintlich „gruseligen“ Stadtteile aussehen, gerade was so genannte Schrottimmobilien angeht. Die Stadt hat sich in dieser Szene einen Namen gemacht.

Wer sich gelegentlich den Luxus gönnt, durch die Stadt zu spazieren, entdeckt allerdings auch bei der Bausubstanz die in anderen Zusammenhängen immer wieder zitierte „Vielfalt“. Sie gilt für die Straßenzüge und ausdrücklich auch für die an ihnen liegenden Schulen.

Die Unterschiede sind gravierend. In der Stadt wurde im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Schulgebäuden saniert, thematisch an Pippi Langstrumpf orientiert, mit Wilhelm Raabe die historische Architektur achtend oder schlicht quaderförmig-neu, wie heute Anbauten eben oftmals aussehen.

Die Situation ist ambivalent. Die wachsende Stadt erfordert neue Gebäude. Der Sanierungsstau allein für Schulen wurde kürzlich mit 157 Mio. Euro beziffert. Und: Pädagogik stellt Ansprüche. Im Folgenden soll es darum gehen, dass es nicht reicht, wenn alle Schüler*innen ein Dach über dem Kopf haben, auch wenn dies kurzfristig ein Ziel sein kann, hilfsweise mit Containern.

Aber die Zeit drängt: Zwar sind die Container der neuen Generation nicht mehr mit den Boxen der Vergangenheit vergleichbar. Aber: Ein richtiges Schulgebäude muss sein, und der damit verbundene Leitsatz lautet: Pädagogische, nicht haushalterische Argumente leiten die Ausgestaltung. Dies gilt im Übrigen für Neubau und Sanierung gleichermaßen!

Schaut man sich nun in den renovierten Schulen und den Anbauten der jüngeren Zeit um, gibt es Ansatzpunkte, wie die „zeitgemäße“ Schule aussehen könnte, Rosinen eben. Vorstellungen solcher Art resultieren aus den höchst unterschiedlichen Bedürfnissen aller an Schule Beteiligten:

  • Räume müssen in ihrer Ausdehnung kleine und große Gruppen aufnehmen können, von der Leseecke bis zum Schulauditorium;
  • in ihrer Gesamtheit Zonen der Ruhe und des Rückzugs für Lernende, Lehrende und soziale Arbeit oder gerade im Gegenteil Bereiche körperlicher Betätigung sein, Wippen, Springen, Schwingen, Balancieren oder schlicht Rennen ermöglichen; die Chance eröffnen, eine wesentliche Idee des Schulgesetzes umsetzen zu können, d. h. „teamfähig“ sein, für Schüler*innen und pädagogische Kräfte, und dazu braucht man zur Ausstattung mehr als angespitzte Buntstifte.

Sie sollen die Transparenz nach außen zeigen, ob mit Bullaugen in den Türen oder großen Fenstern, deren Bänke helle Arbeitsplätze trotz des gelegentlichen grauen Himmels sind; ebenso müssen sie helfen, didaktische Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen. So sehr wir unsere Phasen der Instruktion auch lieben, problem-, projekt- oder handlungsorientierter Unterricht braucht Voraussetzungen bei Möbeln und Material.  Wir wollen diese Prinzipien in einem anregungsreichen Milieu umsetzen, denn die Kinder und die Anforderungen an das Lernen haben sich tatsächlich geändert und für die verschiedenen Professionen ebenso gestaltet sein.

Dazu sind die Mensen schlicht so groß, dass alle darin essen können. Und die Außengelände verstehen die Nutzer*innen als Erholungslandschaften.
Muss man an dieser Stelle noch Barrierefreiheit und Qualitätsklos erwähnen?

Das alles gibt es in Bremerhaven; nur sind diese Rosinen etwas verstreut. Aber seht euch ´mal die Lutherschule an oder die Gorch-Fock, die Paula, die Marktschule. Auf der anderen Seite existieren Schulen, die geradezu eine Grundsanierung herausfordern. Dies ist nicht zu verbergen.

Die vielfältigen Bedürfnisse, das wurde bereits erwähnt, spielen beim Schulbau die entscheidende Rolle. Sie zu ermitteln, ernst zu nehmen und nicht wegzubügeln ist ein Erfolgskriterium. Solche Prozesse sind mühsam, konfliktreich, aufwändig, aber alternativlos. Da Lehrer- und Schülerschaften sich ändern, müssen Veränderungsoptionen mitgedacht werden, Schulen stehen in der Regel Jahrzehnte.

Alternativlos sind auch eine regelmäßige Instandhaltung, die fest zugeordnete Hausmeister*in und die städtischen Raumpfleger*innen. Die zukunftsorientierte Schule hat Mitarbeiter*innen im Öffentlichen Dienst, in allen Professionen.

Nun sind wir gespannt. Beschlossen im Schulausschuss wurden eine neue Grund- und Oberschule in Lehe, geplant sind Neubauten in Geestemünde. Zur Partizipation benötigen die Beteiligten kompetente Beratung von außen und eine Ideenschmiede vor Ort. Fortbildung dazu wird gelingen, da sie eindeutig produktorientiert ist. Die richtigen Rosinen bezogen auf das Schulprogramm müssen gefunden werden! Ein Erfolg in dieser Sache wäre so wichtig, trüge er doch zur Arbeitszufriedenheit bei. Diese stärkt die Haltekraft bei den Mitarbeiter*innen, die wir dringend brauchen.

Unter Umständen werden dann neue Fernsehberichte gedreht, wenn auch nicht unbedingt für das Privatfernsehen.

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