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Reingeschnuppert

Berufspraktikum an der Gesamtschule Mitte

16.12.2017 - Kai Wöde-Sommer

Wofür überhaupt ein Praktikum? Kommt der Unterricht da nicht zu kurz? Welche Jahrgänge sollen welche Praktika mit welchen Ausrichtungen haben? Und was sollen sie überhaupt bewirken? Solche Fragen hörte ich an allen Schulen, an denen ich bisher unterrichtete.

An unserer Schule wollen wir den Jugendlichen möglichst viele und lange Praxiskontakte ermöglichen, denn wir beobachteten, dass die Persönlichkeitsentwicklung der SchülerInnen so besonders positiv beeinflusst werden kann.

In den Jahrgängen 5-7 gibt es bei uns mit dem Zukunftstag bereits eine erste Annäherung an das berufliche Leben. Einkommensvergleiche allgemein und der Bezug zum Equal-Pay-Day sollen dies inhaltlich begleiten und Anregungen für die eigene Lebensplanung geben.

Der Bereich der Berufs- und Lebensorientierung in unseren jahrgangsübergreifenden Lerngruppen in den Jahrgängen 8-10 wird auf mehrere Wochen im Herbst gebündelt und der Schwerpunkt auf drei zeitgleiche dreiwöchige Praktika gelegt.

In Jahrgang 8 können sich unsere SchülerInnen bei ihrem ersten längeren Sozialpraktikum im Kindergarten in einer neuen Rolle erleben. Plötzlich von ganz vielen jüngeren Kindern als Vorbild, AnsprechpartnerIn, TrostspenderIn oder StreitschlichterIn erlebt zu werden, ist eine große Herausforderung. Besonders in der ersten Woche sind viele so erschöpft, dass sie sich, wenn sie nach Hause kommen, schlafen legen müssen. Sich abzugrenzen von der Kindheit, selbst nicht immer toben zu können, sondern Verantwortung übernehmen zu müssen, bringt aber besonders die, die am liebsten selbst noch sehr viel spielen und toben wollen,  in ihrer Entwicklung weiter. So kehren unsere SchülerInnen doch fast alle etwas „größer“ und reflektierter in die Schule zurück!

In Jahrgang 9 begegnen sie im Betriebspraktikum neuen Herausforderungen. Wenn es gut läuft, können sie Interessen, Fertigkeiten und Wissen vertiefen und schon einmal in ein Berufsfeld hineinriechen, das für sie in Frage kommen könnte. Und manche bleiben auch nach dem Praktikum dran. Aber viele sagen auch: Jetzt weiß ich, was ich nicht machen möchte! – Diese Erkenntnis hat nicht selten den Effekt, motivierter im Unterricht zu sein und sich um einen besseren Abschluss zu bemühen.

Die Praktika verlaufen in der Regel dann schlecht, wenn unsere SchülerInnen in den Betrieben kaum und nicht angemessen beschäftigt werden. Sie langweilen sich und sind dann evtl. von einem Berufsfeld abgeschreckt, das ihnen eigentlich liegen könnte. Da müssten sich die Betriebe schon fragen, ob sie ihrem eigentlichen Ziel, für den Beruf zu werben, gerecht werden.

Wie nah das beieinanderliegen kann, erleben zwei Schüler*innen im Krankenhaus. Die eine Schülerin langweilt sich in diesen drei Wochen, weil sie wenig Interessantes zu tun bekommt. Die andere Schülerin auf der Nachbarstation wird stets abwechslungsreich eingesetzt und kann sich nun gut vorstellen, in Zukunft in diesem Bereich zu arbeiten.

In Jahrgang 10 wird die Berufsperspektive konkreter. Die Frage: „Will ich das machen?“ steht viel stärker im Fokus. Ein weiteres Sozialpraktikum kommt für die SchülerInnen in Frage, die in die gymnasiale Oberstufe gehen werden, um sich erneut in einer helfenden Rolle zu erleben (Das Sozialpraktikum ist am Standort Brokstraße in Jg. 10 das verpflichtende Praktikum und das Betriebspraktikum die Alternative).

Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit dem dreijährigen Rhythmus der dreiwöchigen Praktika. In jedem Jahr gibt es neue Herausforderungen, an denen unsere SchülerInnen wachsen und die sie in ihrem eigenen Lernen voranbringen. Vor dem Hintergrund der gekürzten AL-Stunden ist diese vermehrte Praxis doppelt wichtig. Auch Rückmeldungen aus Kindergärten und Betrieben bestätigen uns, dass unser Praktikumskonzept vorteilhaft ist und die SchülerInnen nachhaltig beeinflussen kann.

Lehrer unterwegs: Ein Tag im Praktikum

Alle sind in irgendwelchen Betrieben und Einrichtungen untergebracht. Ich bin erleichtert und freue mich, dass es endlich losgeht. Es ist wunderschönes Wetter. Ich fahre mit dem Fahrrad zu Hause los und komme um halb neun bei der ersten Schülerin an diesem Tag an. Einsatzort: Kindergarten. Die Schülerin hat sich gut eingelebt, spielt gerne und verantwortungsvoll mit den Kindern. Die Erzieherin ist mit ihr zufrieden. Das fängt schon mal gut an! – Weiter geht es zu einem Zahnarzt. Die Sonne scheint immer noch! Doch in der Praxis ist der Neuntklässler nicht anzutreffen. Er soll sich mit einem anderen Praktikanten aus unserer Schule abwechseln und kommt erst um 14:30 Uhr. Das hat wohl die Sprechstundenhilfe, mit der ich den Termin gestern vereinbart hatte, nicht gewusst… Nächste Station ist ein Architekt. Der hat sich auf Modellbau für andere Architekten spezialisiert und kann meinen Neuntklässler gut beschäftigen. Der hat viel Spaß an solchen Arbeiten, vertieft sein Interesse an Architektur und ist rundum zufrieden.Und weiter geht es!! Doch es zieht sich etwas zu. Habe ich die Regenjacke mit? Egal! Der Schlachthof auf der Bürgerweide ist schnell erreicht. Eine Schülerin lernt dort in der Medienwerkstatt im Schlachthof, filmisch unterstützte Interviews zu führen und anschließend zu schneiden. Auch wenn sie an unserer Schule mit solchen Projekten schon Erfahrungen sammeln konnte, ist doch die Arbeit mit den Profis ein ganz anderer Schritt! Selbstständig, wie sie ist, zeigt sich der Betreuer sehr zufrieden mit ihr. Also weiter zu einer Fotografin. Mein Schüler darf jetzt während des Freimarkts Fotoexkursionen machen und lernt anschließend viele Techniken, diese Bilder zu bearbeiten. Der „Klassiker“! Vorher- Nachher wird auch bei unseren Präsentationen in diesem Jahr wieder zum Einsatz kommen. Und wieder geht es aufs Rad. Nach weiteren drei Besuchen irgendwo im Bremer Stadtgebiet kehre ich nach Hause zurück

Um 18:00 Uhr geht es in die Schule zum ersten Treffen der Lerngruppe. Alle haben sich viel zu erzählen.  Eine Schülerin berichtet, an den ersten beiden Tagen im Krankenhaus sieben Stunden am Stück mit Hilfstätigkeiten eingespannt worden zu sein. Erschöpft vom langen Arbeitstag und enttäuscht von den Tätigkeiten, ist ihre Motivation im Keller. Schade, gerade in diesen Bereichen benötigt unsere Gesellschaft schon jetzt vermehrt qualifizierte und engagierte Fachkräfte! Zwar konnte sie, nach Rücksprache mit mir, angemessene Pausenzeiten durchsetzen, aber aus meiner Sicht wurde hier die Chance vertan, jemanden für einen Gesundheitsberuf zu gewinnen. Eine andere Schülerin, in einer Zahnarztpraxis eingesetzt, weigert sich, im Wechsel mit einer anderen Praktikantin eine der drei Wochen nachmittags zu erscheinen. Die Konfrontation mit der beruflichen Wirklichkeit, auf Bedürfnisse anderer einzugehen und Kompromisse zu schließen, fällt in der neunten Jahrgangsstufe nicht allen leicht. Da müssen wir als Lehrer zureden und ermuntern.

Insgesamt herrscht jedoch durch viele positive Eindrücke und Erlebnisse eine gute Stimmung. Interessant finde ich, dass die 8er in einer solchen Runde nicht gerne über ihre Erfahrungen im Kindergarten berichten. Das war im letzten Jahr noch anders. Ich könnte mir vorstellen, dass es ihnen ein wenig peinlich ist, davon zuzugeben, dass es Spaß macht, mit kleinen Kindern so alberne Sachen wie „Verstecken“ oder „Freikitzeln“ zu spielen und in entspannter Atmosphäre ein Pixie-Buch vorzulesen, während die Älteren von Analysen im Max-Planck-Institut oder dem Großhandel mit Edelsteinen berichten. Sechs der sechzehn 9.- und 10. KlässlerInnen können sich vorstellen, in dem Bereich später zu arbeiten, in dem sie ihr Praktikum gemacht haben. Aber da wird sich in den kommenden Jahren sicher noch viel verändern. Um 19 Uhr bringe ich die ZehntklässlerInnen zum Infoabend über die gymnasialen Oberstufen Bremens an unserer Schule. Gespannt verfolgen sie die Vorstellung der Möglichkeiten, die sich ihnen in Zukunft bieten werden.

Beim Nachgespräch nach dem Praktikum in der Lerngruppe wird die Vorsicht der AchtklässlerInnen, über ihre Erlebnisse zu sprechen, wie weggeblasen sein. Dann können die SchülerInnen des 8. Jahrgangs diese Rolle annehmen, ihr eigenes Verhalten in der sozialen Einrichtung reflektieren und ohne Scham zeigen, dass sie auch eine kindliche Seite haben und ihnen das Ausleben Freude bereitet.

Gegen 21 Uhr ist mein Arbeitstag zu Ende. War gut!

Kai Woede-Sommer, 48
Gesamtschule Bremen-Mitte
Standort Hemelinger Straße
Jahrgangsleiter 8-10 und BO-Koordinator am Standort Hemelinger Straße

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