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CoronaOffener Brief: „Pädagogik ist keine einfache Gleichung“

GEW an Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte

05.11.2020

Sehr geehrter Herr Dr. Bovenschulte,

wer die Hintergründe zu der Forderung nach (Präsenz-)Unterricht in Halbgruppen nicht kennt, mag zu dem Schluss kommen, dass es eine Gleichung gibt, die wie folgt aussieht:

Halbe Gruppen = Halbe Unterrichtszeit = Halbe Lernerfolge

[Zitat aus der Regierungserklärung von Dr Andreas Bowenschulte (S. 9) vom 31.10.2020: „Weniger Unterricht heißt weniger Bildung. Das gilt zumindest für die jüngeren Schülerinnen und Schüler auch bei einer Klassenteilung. Wer halbe Klassen fordert, schafft nicht nur ein Betreuungsproblem – er fordert im Ergebnis auch halb so viel Bildung. Alles andere, meine Damen und Herren, ist Augenwischerei.“ Anmerkung der Redaktion]

Wer zu diesem Schluss kommt, berücksichtigt nicht, dass sich der Erfolg eines guten Unterrichts nicht alleine durch quantitative Maßstäbe ermitteln lässt.

Rückmeldungen von den Kolleg*innen aus allen Schulstufen, vom ReBUZ, von Eltern und von Schüler*innen haben vielfach gezeigt, dass der Unterricht in Halbgruppen sehr effektiv war und dass die Schüler*innen oft in kürzerer Zeit mehr gelernt haben, als in vollen Klassen mit längerer Verweildauer. Dies gilt ausdrücklich auch für Kinder aus bildungsbenachteiligten Elternhäusern.

Gründe hierfür gibt es viele, wir nennen an dieser Stelle nur einzelne, die auch besonders für viele schwächere Schüler*innen zutreffen:

  • die Schüler*innen können sich besser auf die Lerninhalte konzentrieren
  • das Personal kann die einzelnen Schüler*innen besser im Blick behalten
  • kleinere Gruppen führen zu weniger Konflikten, das bedeutet, dass die Schüler*innen sich wohler fühlen, weniger Zeit mit Konfliktklärung verbracht werden muss und eine bessere Lernatmosphäre vorhanden ist

Somit geht die Rechnung, „Halbe Gruppen entspricht halber Bildung“, überhaupt nicht auf.

Dass viele Dinge überhaupt nicht mehr unterrichtet wurden, lag ja nicht an den Halbgruppen, sondern an dem Fokus auf die Kernfächer und die Prüfungen, nachdem über Wochen gar keine Schule mehr abgehalten wurde.

Ja, Kinder brauchen andere Kinder zum sozialen Austausch. Deshalb sollen auch mindestens bis einschließlich Klasse 4, besser bis 6 gute Betreuungsangebote gemacht werden. So könnten in den jetzt geschlossenen Schwimmbädern in Kleingruppen durch die Beschäftigten der Bäder Schwimmkurse vorgehalten werden (wäre das nicht schön, wenn wirklich alle Schüler*innen schwimmen lernen); die Tanzschulen könnten genauso involviert werden wie andere Kulturschaffende.

Und ja, vielleicht würde das eine oder andere nicht mehr stattfinden können. Wir sind aber auch in einer Pandemie. Gesundheitsschutz im Sinne von infektionspräventiven Maßnahmen und ein vollständiger Betrieb lassen sich nicht vereinbaren. Das zeigen jetzt auch die immer wieder zeitlichen Schließungen einzelner Klassenverbände, die dann leider ohne Planbarkeit in Quarantäne müssen.

Die Anzahl der Schüler*innen, die in Quarantäne müssten, würde sich vermutlich minimieren, wenn es Halbgruppen gäbe, da nicht nur weniger Schüler*innen betroffen wären, sondern diese auch mehr Abstände einhalten könnten.

Wir sind fest überzeugt, dass durch das rechtzeitige Installieren von Halbgruppen vollständige Schließungen zu verhindern sind. Wir müssen auf lange Sicht fahren und nachhaltige Pläne haben. Für alle.

Und ja, Stundenausfall ist für die Schüler*innen nicht gut. Aber das ist nicht erst seit der Pandemie der Fall. In diesem Sinne wäre es sehr gut, dass für eine zukünftige gute Bildung im Land Bremen die Ausbildungskapazitäten für pädagogisches Personal gesteigert werden und die Unterrichtsverpflichtung für das Personal gesenkt wird, damit diese nicht in andere Bundesländer abwandern.

Mit freundlichen Grüßen

Barbara Schül, Jan Ströh, Elke Suhr, GEW-Landesvorstandssprecher*innen

Für Nachfragen steht zur Verfügung
Elke Suhr 

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