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KlimaÖkologischer Vandalismus

Die Chancen einer Postwachstumsökonomie

 

 

16.11.2019 - Niko Paech

Die Wachstumsparty ist vorbei. Nur der Rückbau des Industriemodells zu einer Postwachstumsökonomie ermöglicht sozial stabile und global faire Versorgungsstrukturen. Um das Zwei-Grad-Klimaschutzziel bei mehr als sieben Milliarden Menschen zu erreichen, müsste jeder Erdbewohner seine Bedürfnisse im Rahmen eines individuellen CO2-Kontingents von nicht mehr als 2,5 Tonnen befriedigen können. Das Wichtigste ist, jene Aktivitäten zu meiden oder zu reduzieren, die erstens einen hohen Schaden verursachen und zweitens puren Luxus darstellen: Kreuzfahrten, Flüge, unnötiges Autofahren, tierische Nahrungsmittel, zu viel Wohnraum, unnötiger Konsum, Digitalisierung und Stromverbrauch. Wer ein Eigenheim hat, sollte unbedingt über eine Wärmedämmung und eine optimierte Heizungsanlage nachdenken.

In Deutschland verursacht jeder Mensch durchschnittlich elf Tonnen CO2 pro Jahr. Seit dem grandiosen Scheitern „grüner“ Wachstumsträume und drohenden Ressourcenengpässen verbleibt als Option lediglich ein – gemessen an derzeitigen europäischen Verhältnissen – drastisch verkleinertes Industriesystem, erweitert um eine Regional- sowie eine Subsistenzökonomie. Wenn für jede erwachsene Person nach einer Halbierung der kommerziellen Ökonomie eine 20-Stunden-Beschäftigung verfügbar wäre, ließe sich damit immer noch eine sparsame Konsumausstattung finanzieren. Die nun freigestellten 20 Stunden könnten für handwerkliche Ergänzungsleistungen und kooperative Formen der Selbstversorgung verwendet werden. 

Gemeinschaftliche Nutzung

Wer Gebrauchsgegenstände mit anderen Personen teilt, trägt dazu bei, industrielle Herstellung durch soziale Beziehungen zu ersetzen. Doppelte Nutzung bedeutet halbierter Bedarf. Verschenkmärkte, Tauschbörsen, -ringe und -partys sind weitere Elemente. 

Verlängerte Nutzung

Wer durch handwerkliche Fähigkeiten oder manuelles Improvisationsgeschick die Nutzungsdauer von Konsumobjekten erhöht – zuweilen reicht schon die achtsame Behandlung, um frühen Verschleiß zu vermeiden –, substituiert materielle Produktion durch eigene produktive Leistungen, ohne auf Konsumfunktionen zu verzichten. Wo es gelingt, die Nutzungsdauer durch Instandhaltung, Reparatur oder Umbau zu verdoppeln, könnte die Produktion neuer Objekte entsprechend halbiert werden. Offene Werkstätten, Reparatur-Cafés und Netzwerke des hierzu nötigen Leistungs- und Erfahrungstausches würden dazu beitragen, ein modernes Leben mit weniger Geld und Produktion zu ermöglichen.

Eigene Produktion

Im Nahrungsmittelbereich erweisen sich Hausgärten, Dachgärten, Gemeinschaftsgärten und andere Formen der urbanen Landwirtschaft als Möglichkeit einer partiellen De-Industrialisierung. Künstlerische und handwerkliche Betätigungen reichen von der kreativen Wiederverwertung ausrangierter Gegenstände – zum Beispiel zwei kaputte Computer ausschlachten, um daraus ein funktionsfähiges Gerät zu basteln – über selbst gefertigte Holz- oder Metallobjekte bis zur semi-professionellen Marke „Eigenbau“.

 Moderne Subsistenz bedeutet Autonomie, insbesondere sich durch subversive Taktiken unabhängig(er) von Geld- und Industrieversorgung zu machen. Das Rezept ist einfach: Industriegüter werden durch eigene Produktion ersetzt oder durch selbsttätige und kooperative Subsistenzleistungen „gestreckt“, um das Potenzial der Bedürfnisbefriedigung einer bestimmten Produktionsmenge zu vervielfachen. Dazu sind drei Ressourcen nötig: Erstens handwerkliches Improvisationsgeschick, künstlerische und substanzielle Kompetenzen. Zweitens eigene Zeitressourcen, denn manuelle Verrichtungen, die energie- und kapitalintensive Industrieproduktion ersetzen, sind entsprechend arbeitsintensiv. Drittens sind soziale Netze wichtig, damit sich verschiedene Neigungen und Talente synergetisch ergänzen können. 

Eine derart duale Versorgung steigert die Krisenresistenz und mindert den Wachstumsdruck, weil monetäres durch soziales Kapital ersetzt wird. Mit dem hierzu nötigen Übungsprogramm kann jede/r sofort beginnen. Wirtschaftspolitik wäre umzudefinieren: Nicht konsumtive Fremdversorgung durch Industrieproduktion, sondern die Befähigung zur autonomen Selbstversorgung müsste zum Leitbild werden. Eine für das 21. Jahrhundert taugliche Sozialpolitik kann sich nicht mehr allein auf Transferleistungen oder eine Umverteilung von Einkommen und Vermögen beschränken; sie müsste vielmehr ökonomische Resilienz im Sinne von „Geldunabhängigkeit“ und somit Krisenrobustheit anstreben. 

Bildung und Erziehung könnten sich stärker an geldlosen Versorgungspraktiken, vor allem handwerklichen Befähigungen orientieren. Unternehmen könnten Reparaturkurse anbieten, um Instandhaltungswissen anstelle von Produkten anzubieten. Über politische Maßnahmen müsste gegen „geplante Obsoleszenz“ vorgegangen werden, damit aus hilflosen Konsumenten souveräne Reparateure werden. Aber anstatt auf Politik und Unternehmen zu warten, ließe sich auch fragen: Warum fangen wir nicht einfach an?

„Ökologischen Vandalismus einschränken“

Niko Paech setzt keine Hoffnung in CO2-Abgabe und sagt: „Die Politik ist handlungsunfähig“ (© dpa/Karlheinz Schindler)
Professor Niko Paech referiert am 9. August während des Landsommers auf dem Hof Arbste in Asendorf. (© dpa/Karlheinz Schindler)

Auf was muss der Mensch verzichten, wenn er das Klima retten will? Und was kann eine CO2-Abgabe dazu beitragen?
Im Interview spricht Nico Paech über Genügsamkeit und Selbstbegrenzung.

Asendorf – Weniger ist oft mehr – und die Basis dafür, dass alle Menschen auf diesem Planeten überleben können. Genau das ist das Herzstück der Postwachstumsökonomie. Deren Schöpfer, Professor Niko Paech, ist während des Landsommers auf dem Hof Arbste in Asendorf zu Gast.

Der Vortrag des Umweltökonomen beginnt am Freitag, 9. August, um 19 Uhr. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Paech, haben Sie sich den 20. September in Ihrem Kalender angestrichen? An diesem Tag plant die Fridays-for-Future-Bewegung den größten weltweiten Klima-Streik – und am selben Tag will die Bundesregierung ihre Klimabeschlüsse bekannt geben.

Das wird bestimmt ein wichtiger Tag, aber eher wegen der Fridays-for-Future-Bewegung, FfF, weniger wegen der Klimabeschlüsse der Bundesregierung, denn die Politik ist handlungsunfähig. Wenn technischer Klimaschutz systematisch misslingt, kann die einzig wirksame Nachhaltigkeitspolitik nur darin bestehen, den zunehmend praktizierten ökologischen Vandalismus einzuschränken. 

Die Mehrheit müsste hierzu ihren eigenen Lebensstil abwählen, also plötzlich befürworten, was vormals als Anti-Christ der Konsumgesellschaft galt: Genügsamkeit und Selbstbegrenzung. Aber das kann sie erst, wenn ein hinreichender Teil der Zivilgesellschaft den hierzu nötigen Lebensstil eingeübt hat. Wenn die FfF etwas bewirken wollen, müssen die daran Beteiligten ernst machen mit einem klimafreundlichen Lebensstil.

Noch ist unklar, ob es eine CO2-Steuer oder -Abgabe geben wird. Was favorisieren Sie?

Spielt keine Rolle, in beiden Fällen wird es bei Symbolik, also einer unwirksamen Steuer- beziehungsweise Abgabenhöhe bleiben, weil es sonst Ärger mit den Wählern gibt. Als Erstes werden jene rebellisch, die sich ihre Autofahrten und Urlaubsflüge nicht mehr leisten können und in schlecht isolierten Häusern auf dem Land leben. Und die AfD wird reichlich hinzugewinnen, weil sie das Sammelbecken all jener ist, die Umweltschutz für ein Projekt der Enteignung unterer Einkommensklassen hält.

Sie haben schon vor mehr als drei Jahren darauf hingewiesen, dass jeder Mensch unvorstellbare elf Tonnen CO2 produziert. Um den Klimawandel zu stoppen, dürften es aber nur 2,7 Tonnen pro Kopf und Jahr sein. Was können Verbraucher Tag für Tag tun, um diese Belastung zu reduzieren?

Es sind inzwischen eher 2 bis 2,5 Tonnen, die pro Kopf noch akzeptabel wären, um wenigstens das Zwei-Grad-Klimaziel zu erreichen. Das Wichtigste ist, jene Aktivitäten zu meiden oder zu reduzieren, die erstens einen hohen Schaden verursachen und zweitens puren Luxus darstellen: Kreuzfahren, Flüge, unnötige Autofahren, tierische Nahrungsmittel, zu viel Wohnraum, unnötiger Konsum, Digitalisierung und Stromverbrauch. Wer ein Eigenheim hat, sollte unbedingt über eine Wärmedämmung und eine optimierte Heizungsanlage nachdenken.

Sind Sie glücklich über die Fridays-for-Future-Bewegung – und vor allem: Glauben Sie, dass sie nachhaltig ist?

Ja, ich finde diese Bewegung als ersten Schritt eines Aufstandes der Handelnden und sich Verweigernden gut. Vorgelebte Beispiele für ökologischen Anstand sind das Entscheidende: Kerosin-, smartphone- und einwegverpackungsfreie Schulen, deren Umsetzung naheliegender und glaubwürdiger sein dürfte, als das große politische Rad zu drehen. Damit könnten andere Schulen und Akteure, schließlich auch die Politik unter Zugzwang gesetzt werden.

„All you need is less – alles, was wir brauchen, ist weniger“: So lautet der Titel Ihres neuen Buches. Wann erscheint es genau – und was möchten Sie dem Leser vermitteln?

Das Buch, dessen zweiter Autor Manfred Folkers ist, behandelt Suffizienz, also die Kunst der Unterlassung und Reduktion. Einfachheit schützt nicht nur den Planeten, sondern uns selbst vor Reizüberflutung und alltäglicher Überforderung im Konsumgetümmel. Suffizienz ist das, was jeder selbst oder gemeinsam in Gruppen tun kann, ohne Geld oder neue Gesetze zu benötigen.

Beschreiben Sie doch einmal ein konkretes Beispiel, wie man durch Verzicht Mehr-Wert und mehr Lebensqualität erreicht.

Wer weniger Geld braucht, weil er sein Leben von unnötiger Mobilität, von Überkonsum und zu viel Technik entrümpelt, sich Dinge mit anderen teilt, repariert oder gar selbst herstellt, muss nicht mehr 40 Stunden arbeiten, genießt also mehr Freiheit.

Was wünschen Sie sich ganz konkret für die nächsten drei Jahre?

Dass immer mehr Menschen beginnen, eine klimafreundliche Lebensführung einzuüben, und damit jene unter Rechtfertigungszwang setzen, die ohne Not ökologisch verantwortungslos leben. In Schulen sollte vermittelt werden, was einem einzelnen Menschen auf einem begrenzten Planeten maximal an materiellen Freiheiten zustehen kann. Nötig wäre ein radikaler Boykott und eine entsprechend artikulierte Missbilligung der industriellen Zerstörung, zumal im Freizeitverkehr, in der Landwirtschaft, in der Digitalisierung und im Neubau von Wohnraum. Sesshaft und genügsam zu leben ist das Letzte, was uns noch bleibt.

Auch interessant: Hannover Flughafenchef Raoul Hille sieht in der Luftfahrt kein großes Problem - und erwartet, dass neue Technologien das Fliegen klimaneutral werden lassen. An die „Fridays-for-Future“-Bewegung hat er einen Rat: „Verzichtet mal auf Netflix!“.

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