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ZeitarbeitModerne Sklavenhaltung

„Zeitarbeit“ als kosteneffiziente Methode der Menschenverwertung

 

16.05.2019 - Adriana Sprenger

 

 

Zeitarbeit, Leiharbeit, Arbeitsmarkt-Flexibilisierung — viele Begriffe, ein System. Eigentlich sollte Zeitarbeit nur eine Übergangslösung für Wenige sein, um diese leichter „in den Arbeitsmarkt zu integrieren“. Daraus hat sich nach Jahrzehnten ein überaus lukratives Geschäftsmodell für die Vermittlerbranche entwickelt. Firmen betrachten Menschen von vornherein als Wegwerf-Mitarbeiter. Die Arbeitenden müssen buchstäblich zwei Herren dienen — entsprechend wenig Lohn bleibt für sie übrig. Es ist ein System, das oftmals als Chance propagiert wird, sich aber für viele Betroffene als Sackgasse entpuppt.

„Zeitarbeit bedeutet ,Arbeiten auf Zeit‘: Ein/e Arbeitnehmer/in (die Leiharbeitskraft) hat einen Arbeitsvertrag mit einer Verleihfirma geschlossen. Die Verleihfirma setzt die Leiharbeitskraft daraufhin befristet bei einem Kunden (dem Entleiher) ein.“ So lautet also die offizielle Definition auf der Seite der Bundesagentur für Arbeit, die Hand in Hand mit den sogenannten Verleihern zusammenarbeitet. Hier herrscht reger Austausch, um auch das Nichterscheinen zu Vorstellungsgesprächen zu sanktionieren. Zudem heißt es auf der Seite der Bundesagentur: „Zeitarbeit (Arbeitnehmerüberlassung) ist eine Möglichkeit, die Zeit zur nächsten Festanstellung zu überbrücken.“ Klingt gut, oder?

Leere Versprechung
Ich kann leider aus eigener Erfahrung sagen, dass ein gelungener Einstieg ins Berufsleben oder eine kurze Überbrückung zur nächsten Festanstellung ganz anders aussieht. Zumindest im Bereich der Helfertätigkeiten, die den größten Teil des Leiharbeitssektors ausmachen. Die meisten Mitarbeiter, die bei Personaldienstleistern unter Vertrag stehen und gerade verliehen werden, wandern von einem zum nächsten, da die betriebsbedingte kurzfristige Kündigung meist nicht lange auf sich warten lässt. Sei es wegen saisonaler Schwankungen oder der internen Auftragslage. Die Aussicht auf eine Festanstellung wird hier lediglich als Lockmittel benutzt, das sich in den meisten Fällen nur als leere Versprechung entpuppt.

Unerträglicher Dauerzustand

Die Lebensläufe dieser Menschen waren und sind in der Regel ein Sammelsurium aus kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen aller regionalen Personaldienstleister. Somit ist dies keine Überbrückung und schon gar nicht ein Einstieg, sondern ein unerträglicher Dauerzustand. Es heißt ja auch Dienstleistung — somit gilt der Slogan „Der Kunde ist König“. Der Kunde hätte die Stellen immer gern so schnell wie möglich besetzt. Am besten schon gestern. Das ist keine leichte Aufgabe für die dortigen Disponenten. Versuchen Sie doch einmal, eine körperlich anstrengende Helfertätigkeit im Dreischichtbetrieb mit lächerlichen Fahrtkostenerstattungen und ohne reale Aussicht auf eine Festanstellung für unter zehn Euro die Stunde an den Mann oder an die Frau zu bringen. Dies geht nur mit schön- und vor allem gut Zureden — verständlicherweise!

Mit allerlei Tricks

Natürlich gibt es vertraglich festgesetzte Richtlinien, welche auch diesen Kunden an sogenannte „Abmeldefristen“ bindet. Dies sollte - auch den/die Arbeitnehmer/in - vor prompten Entlassungen schützen. Jedoch wird hier seitens des Dienstleisters oft ein Auge zugedrückt, wenn es um die Kundenzufriedenheit und weitere Zusammenarbeit geht. Das heißt: Der Personaldienstleister sorgt mit allerlei Tricks für eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses, wenn der Leih-Arbeitgeber es wünscht. Kommt es, wie schon erwähnt, zu einer Abmeldung des Mitarbeiters durch den Kunden - sprich Arbeitgeber - und steht zudem kein Nachfolgeauftrag für den Mitarbeiter an, wird jede noch so ethisch oder moralisch verwerfliche Methode dafür genutzt, sicherzustellen, dass auch ja kein Geld mehr umsonst ausgegeben wird. Sei es durch das Einsetzen von Urlaubstagen, das Sammeln von unterschriebenen Fehltagen oder das Anbieten von noch mieseren Jobs. Hier werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die letzten Tage des Beschäftigungsverhältnisses kostenfrei zu überbrücken und das Auflösen desselbigen so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen. Ganz nach Wunsch des Arbeitgebers.

Kein Mehrwert

Allein jedoch der Begriff „leihen“ sollte alle Alarmglocken erklingen lassen. Menschen leihen Menschen aus. Dieses System hat keinerlei Mehrwert für die Beschäftigten. Und genau dieses System ist mittlerweile das Fundament einer ganzen Branche. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Anzahl der Leiharbeitnehmer etwa verdreifacht - auf mehr als eine Million Menschen. Die „Reform“ von 2017 hat viele Schlupflöcher gelassen. Sowohl Lohn- als auch Leistungsdruck - auch auf die Festangestellten - steigen an; Interessenvertretung ist Fehlanzeige. Zeitarbeiter haben keine Lobby, sie können schnell und unkompliziert entlassen werden, völlig ohne Kündigungsschutz, Sozialauswahl oder Abfindung. Lebensplanung und - weiter in die Zukunft gedacht - eine Alterssicherung, die diesen Namen verdient, bleiben so eine Illusion.

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