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Mit klassischer Musik soziale Benachteiligung überwinden

Interview mit dem Musiklehrer Johannes Luig von der Oberschule Obervieland.

16.05.2012

Wie sind Sie nach Obervieland gekommen?
Ein Freund machte dort Sambamusik und sagte, dass es hier keine klassische Musik gäbe. Da habe ich gesagt: „Das ist meine Schule.“ Ich habe mit dem Schulleiter gesprochen und nach einem halben Jahr hatte ich dann den ersten Chor. Wir haben ein bisschen Gospel gemacht und nach 1 ½ Jahren haben wir die Carmina Burana aufgeführt. Dann wurde das immer größer, Dido und Aeneas von Purcell, Carmen, Mozarts Requiem. Ich bin ja bewusst nicht ans Kippenberg-Gymnasium gegangen. Das hätte ich machen können. Die Voraussetzungen dort sind sehr gut. Die Kinder haben ein gutes Instrument, die haben privaten Unterricht, die können das schon alles. Da sagt man nur, „Das und das spielen wir jetzt.“ Da nehme ich den Taktstock in die Hand und dirigiere und dann geht’s los. Aber das wäre ein leichtes Spiel. Ich wollte die Musik, die klassische Musik wohlgemerkt, zu den Leuten bringen, die normalerweise keinen Zugang dazu haben Bei mir persönlich war der Weg auch sehr steinig, weil ich aus einer kulturfernen Familie stamme, aber mit viel Energie, Liebe und Leidenschaft zur Musik ist einiges möglich.

Gibt es eine nachhaltige Entwicklung?
Es gibt eine AG „kleine Geigen“. Das sind 12 Geiger aus der 5. und 6. Klasse. Die bekommen von mir und einem Studenten 2 Jahre Instrumentalunterricht. Und die wachsen hoch und viele spielen dann im Orchester bis zum Abitur. Deshalb gibt es an dieser Schule ein Orchester, weil ich die Schüler selber an die Geige heranführe. Die Oper Carmen haben wir 2005 im Modernes aufgeführt und seitdem haben wir einen Flügel. Wir haben die Oper dreimal aufgeführt, alle Geldgeber/Sponsoren angesprochen, alles Geld zusammengekratzt. Die Schüler waren während der ganzen Oper auf der Bühne, als Schmuggler, als Soldaten…

Auch in Hauptrollen?
Drei, vier Hauptrollen haben Studenten übernommen, aber bei den Schülern gab es eine Katrin Meyer, die ist mit 17 Jahren eingesprungen für eine Nebenrolle und Tobias Focken, auch ein Schüler, hat eine wichtige Soldatenrolle übernommen. Die singen beide noch. Der Tobias steht vor der Aufnahmeprüfung an der Hochschule und Katrin hat mehrfach schon Konzerte in Kirchen gesungen. Und dann gab es noch Jascha Barckhan. Das war überhaupt das Erstaunlichste. Der war 1 ½ Jahre bei mir im Chor gewesen und hat aus dem Stand die Tenor Solorolle gesungen. Das ist unglaublich. Ich habe das nämlich selber mal gesungen, ich kannte das und habe ihm das dann 1 zu 1 übermittelt. Er hat den Part nachgesungen. Mit 17 Jahren hat er den Don José gesungen! Der hat inzwischen studiert in Wien, Zürich, Hamburg und er ist jetzt in Bremen und wird wahrscheinlich Musikdirektor an der Uni. Also da sind einige aus Obervieland- aus unserer Schule- gekommen, die singen und spielen in Orchestern.
Wie viele SchülerInnen sind beteiligt?
Bei der Oper Carmen waren es 160. Da waren ein 40köpfiger Kinderchor aus Osterholz, 15 StudentInnen und andere Musiker und 120 SchülerInnen. Die Zahl ist in den letzten Jahren
leider zurückgegangen. Ich habe in meinem Oberstufenchor zurzeit nur noch 30- 35 Teil- nehmer. Deshalb kooperiere ich viel mit anderen Chören. Jetzt planen wir die „Schöpfung“ von Haydn aufzuführen. Das machen wir zusammen mit dem Allegro-Chor aus Brinkum, der das auch alleine könnte, der das aber macht, weil er mit einer Schule kooperieren möchte und weil es dafür staatliche Gelder gibt, ohne die sie ihr Orchester gar nicht mehr finanzieren könnten. Es gibt also schon kluge Projektförderung, bei der dann auch bildungsferne Schich- ten angesprochen werden. Da können meine SchülerInnen mitmachen, vielleicht nicht die ganze „Schöpfung“, aber sie stehen auf der Bühne, schwarz-weiß gekleidet und sind 2 bis 3 Stunden mal ruhig und machen nur Musik. Und das ist ein Erlebnis, das prägend ist. Durch die Sachen, die wir gemacht haben, Weihnachtsoratorium, Mozart-Messen, Rossinis „Petite Messe Solennelle“ usw. wissen sie jetzt, was das ist und was es heißt, einfach mal eine Stunde da zu stehen, zu singen und den Wechsel von Arien, Symphonien und Fugen zu erleben. D.H. mit der Zeit merken sie, dass eine Mozart-Messe ganz tolle Musik ist. Klassische, polyphone Musik, das ist nicht nur Gefühl, das ist Struktur, mit sehr viel Wissen und Können verbunden. Das zu vermitteln, ist mein Ziel.

Und so, meinen Sie, könnten dann auch Schritte in Richtung Chancengleichheit gemacht werden?
Wenn wir hoch situierte gesellschaftliche Kreise haben, Ärzte, Juristen, die spielen fast alle ein Orchesterinstrument. Die waren an Kippenberg, später an der Uni. Ich habe es z.B. in Herdecke, einer Privatuni, erlebt. Die H-Moll Messe wurde aufgeführt. Der Chor war von der Uni, das Orchester war von der Uni. Das war ein Niveau, unglaublich! Weil ein Tenor gerade fehlte, habe ich dort gesungen. Wir sind u.a. auch in Paris aufgetreten. Wenn also so eine gesellschaftliche, berufliche Elite herangezogen wird, ist das immer gekoppelt mit klassischer Musik. Wir können also nicht sagen, wir machen überall Musik, stellen überall Trommeln hin und dann werden alle musikalisch. Damit gebe ich mich nicht zufrieden. Das finde ich nicht fair. Man kann nicht einfach sagen, bei uns können wir nichts anderes machen wie z.B. afrikanische Trommelmusik. Warum machen wir afrikanische Trommelkurse? Warum machen wir nicht Bach. Dass die SchülerInnen in irgendeinem Wohnviertel, sagen wir Obervieland, Mozart, Beethoven, Schubert nicht kennen, das finde ich unglaublich, das ist ein kultureller Verlust. Wir können Bach. Wir müssen das den Kindern nur beibringen. Meine „kleinen Gei-ger“, die lieben Beethoven, auch, wenn er schwer ist. Musik, wie Pop, Rock, afrikanisches Trommeln, ist gut, aber die Klassik ist die Vollendung. Und wenn ich dann Leute treffe, beim Skaten oder beim Fahrrad fahren und die sagen: „Hallo, Herr Luig“ und ich antworte: „Hallo, ja, du warst doch auch mal im Chor, was haben wir denn da gemacht?“ – „Na, DIDO und AENEAS, wissen Sie das nicht mehr?“ Das finde ich dann sehr erfreulich.

Wo liegen die Probleme?
Es kommt ja in der Schule nicht nur darauf an, Wissen zu vermitteln, sondern auch Persönlichkeiten zu entwickeln und das geht mit den musischen Fächern eigentlich besonders gut. In Abstimmung mit der Schulleitung habe ich erreicht, dass keine Klausuren ge- schrieben werden. Ich habe meine Kriterien. Sie müssen ihre Leistung bringen: da habe ich im Chor, dort eine Solorolle gesungen. Sie müssen Einsatz und Zuverlässigkeit bringen. Was Künstlerisch erforderlich ist, kann man gar nicht in (schriftlichen) Klausuren messen. Ich be- komme von der Schulleitung alle curriculare und organisatorische Freiheit, die ich mir nehme. Ich habe eine schlechte Ausstattung, schwierige Bedingungen, aber ich habe dennoch viele Möglichkeiten, z.B. haben wir eingeführt, als ich hierher kam, dass den SchülerInnen der 7./8./9. Jahrgänge, also den Pubertätsjahrgängen, Musik nur als Wahlpflichtfach angeboten wird. Die wählen also entweder Chor, Orchester oder Band oder eben Fußball, wir haben ja auch ein Sportprofil oder Kunst. Die SchülerInnen wissen von vorn herein, hier geht es um Praxis, denn Musik muss über die Praxis vermittelt werden. Aber viele Schüler, Eltern, Kolle-gen, ja ein Großteil der Gesellschaft sehen nicht den Stellenwert der musischen Fächer. Die meisten Menschen kennen nur die Musik, die im Fernsehen läuft. Insbesondere die junge, marktrelevante Zielgruppe wird mit Stefan Raab und Casting Shows missbraucht. Da ist die Musik – wie vieles andere im Kapitalismus- nur noch Ware, das ist dann nur noch Kommerz. Auch das soziale Umfeld mit dem Internet und den Eltern, die das ja auch benutzen, wird immer schwieriger. Selbst meine beste Streichergruppe aus der 6.Klasse übt nie zu Hause. Meine Frau ist Flötenlehrerin, da ist es das gleiche. Es ist ein soziales, seelisches Problem, wie wir mit den Kindern, mit uns und der Kultur umgehen. Und wenn dann auch noch die Gesangsausbildung an den Unis reduziert wird, dann muss man sich nicht wundern, dass die MusiklehrerInnen auch nicht mehr singen können. Die singen also auch nicht im Unterricht. Dabei braucht man zum Singen nichts, nicht einmal ein Klavier.

Was würden Sie sich wünschen?
Eine Musizierklasse, eine Streicherklasse, aber das wird immer schwieriger.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Jochen Ströh

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